Alarmierende Uno-Studien Industrieländer pumpen wieder mehr Klimakiller in die Luft

Trotz aller Warnungen, trotz aller Versprechen: Neue Daten der Uno zeigen, dass der Ausstoß von CO2 und anderen Schadstoffen seit der Jahrtausendwende steigt. Der Kampf gegen den Klimakollaps scheitert demnach sowohl in den Industrie- als auch den Schwellenländern.


Die Statistiken, die das Klimasekretariat der Uno am Montag vorstellte, sind nicht ganz einfach zu lesen - und zeigen doch einen eindeutigen Trend: Die weltweiten Treibhausgasemissionen steigen nach einem scharfen Knick in den neunziger Jahren mittlerweile wieder an.

Braunkohlekraftwerk (in Jaenschwalde, 2006): Weltweiter Anstieg der Treibhausgasemissionen
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Braunkohlekraftwerk (in Jaenschwalde, 2006): Weltweiter Anstieg der Treibhausgasemissionen

Da wären zunächst die Daten, die im Zusammenhang mit der Klimarahmenkonvention der Uno erhoben werden. In dem 1992 verabschiedeten Abkommen haben sich rund 40 Industriestaaten verpflichtet, regelmäßig Berichte zu ihrem Ausstoß an Treibhausgasen vorzulegen. Sieht man sie durch, dann zeigt sich, dass es nur auf den ersten Blick eine gute Nachricht gibt: Zwar liegen die Werte von 2006 rund fünf Prozent unter denen des Jahres 1990. Doch in jüngster Zeit hat der Treibhausgasausstoß der Vertragstaaten der Klimarahmenkonvention, zu denen übrigens auch die USA gehören, wieder zugenommen. Im Zeitraum zwischen 2000 und 2006 mussten die Statistiker zusammengerechnet ein Plus von 2,3 Prozent verzeichnen.

Ein ähnliches Bild ergibt sich auch, wenn nur die Daten derjenigen Staaten betrachtet werden, die das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz unterschrieben haben. Hier sind zum Beispiel die USA nicht dabei. Bei den Treibhausgasemissionen der Kyoto-Staaten ergibt sich ein deutlicherer Abstand zu den Werten des Basisjahres (normalerweise 1990), insgesamt ein Minus von 17 Prozent. Doch auch in dieser Staatengruppe ist nach 2000 ein deutlicher Zuwachs der Emissionen erkennbar.

Anders ausgedrückt heißt das: Dass die Industriestaaten beim Klimaschutz nicht vollkommen ohne Erfolge dastehen, liegt nur an der großflächigen De-Industrialisierung Mittel- und Osteuropas nach 1990. Die damit verbundenen CO2-Einsparungen sorgen noch immer dafür, dass die absoluten Werte beim Ausstoß heute niedriger liegen als vor der Verabschiedung von Klimarahmenkonvention und Kyoto-Protokoll.

Doch genau dieser Effekt hat sich mittlerweile abgenutzt. In vielen Transformationsländern ist die Wirtschaft längst wieder angesprungen. In ihrer Gruppe wachsen die Emissionen am stärksten - im Zeitraum zwischen 2000 und 2006 um immerhin 7,4 Prozent. Dazu kommen steigende Belastungen aus Schwellenländern; immerhin ist China inzwischen absolut gesehen der größte CO2-Produzent der Welt.

Für Deutschland steht im Vergleich zum Basisjahr 1990 in den Uno-Dokumenten ein Minus von 18,5 Prozent zu Buche. Nach einer Statistik des Umweltbundesamtes hat sich die Bilanz mittlerweile sogar noch etwas verbessert: Im Jahr 2007 lag die Minderung bei 20,4 Prozent - und damit nur knapp unter dem deutschen Kyoto-Ziel von 21 Prozent.

Die neuen Zahlen dürften die Verhandlungen um ein neues Klimaabkommen nicht unbedingt vereinfachen. Das hochkomplexe Vertragswerk soll im Jahr 2012 das Kyoto-Protokoll ablösen. Im Dezember treffen sich die Verhandlungsdelegationen im polnischen Posen. Ende 2009 soll dann das Abkommen bei einem Gipfel in Kopenhagen endgültig beschlossen werden - am besten mit deutlichen Reduktionszielen. Als besonders schwierig gilt, die USA für das neue Vertragswerk zu begeistern und Schwellenländer wie Indien und China ebenfalls mit ins Boot zu holen.

Auch die Europäer müssen sich fragen, wie viel ihnen der Klimaschutz wert ist. Ein Vorgeschmack darauf, dass selbst diese internen Verhandlungen alles andere als einfach werden, liefern die aktuellen Diskussionen um das neue EU-Klimapaket. Es sieht unter anderem vor, dass die Stromunternehmen die nötigen CO2-Verschmutzungsrechte ab 2013 vollständig kaufen müssen. Derzeit werden sie noch größtenteils gratis zugeteilt.

Auch die übrige Industrie soll stufenweise bis 2020 ihre Rechte vollständig erwerben müssen, wobei aber Ausnahmen für besonders große CO2-Produzenten diskutiert werden. Auch die Auflagen für die Autoindustrie sollen im Dezember beschlossen werden.

In einem gemeinsamen Vorstoß haben zuletzt Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) und der Chef der Energie- und Chemiegewerkschaft IG BCE, Hubertus Schmoldt, einen Aufschub des EU-Klimapakets angeregt. Die deutsche Industrie gerate dadurch vor allem gegenüber Frankreich, das weitgehend auf Atomkraft ohne CO2-Ausstoß setzt, ins Hintertreffen, sagten sie der "Financial Times Deutschland". Schmoldt erklärte, ein Klimaschutzbeschluss der Europäer sei momentan ungünstig. Die derzeitige Wirtschaftskrise könne durch neue Klima-Auflagen verschärft werden.

Kritik an dem Vorschlag kam von Umweltminister Gabriel. "Das ist genau die Politik, mit der Bush in den USA gescheitert ist", sagte der SPD-Politiker. "Was sie fordern, schadet der deutschen Industrie, gefährdet Arbeitsplätze und verlängert die Abhängigkeit der Verbraucher von hohen Öl- und Gaspreisen."

Auch der frühere Bundesumweltminister Klaus Töpfer, der zwischenzeitlich auch das Uno-Umweltprogramm geführt hatte, mahnte die Europäer zum Kurshalten beim Klimaschutz. Er forderte die EU-Staaten auf, das Energie- und Klimapaket auf dem EU-Gipfel am 12. Dezember so wie vorgelegt zu beschließen. "Um Gottes Willen jetzt nicht der Hinweis darauf, das können wir uns gegenwärtig nicht leisten, weil wir die Finanzkrise haben." Töpfer sagte, das EU-Klimapaket sei selbst ein Konjunkturprogramm, das dauerhaft neue Arbeitsplätze in erneuerbaren Energien schaffe.

chs/AP/AFP/Reuters

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