Alarmierender Bericht Öl aus der Arktis - Politik zensiert Forscher-Warnungen

Im weißen Paradies der Arktis lockt das Schwarze Gold, die Industrie will dort riesige Ölvorkommen ausbeuten - doch Wissenschaftler warnen vor Gefahren für die Umwelt. Jetzt wurde ihre Chancen-Risiken-Analyse zensiert: auf Druck der USA und Schwedens.

Aus Tromsø berichtet

Förderanlage in Russland (2006): "Risiken können nicht gänzlich ausgeschlossen werden"
AP

Förderanlage in Russland (2006): "Risiken können nicht gänzlich ausgeschlossen werden"


Es ist der Tag, an dem John Calder eigentlich glücklich sein müsste. Immerhin hat der grauhaarige Top-Arktisexperte der US-Wetterbehörde NOAA vier Jahre lang an dem Bericht "Arctic Oil and Gas" geschrieben - zusammen mit fast 150 Wissenschaftlern des Arctic Monitoring and Assessment Programme (Amap). Endlich kann Calder die erste Zusammenfassung des Papiers öffentlich vorstellen. Im großen Auditorium der Universität Tromsø ist sein Vortrag das Highlight der Konferenz "Arctic Frontiers", bei der sich 500 Fachleute bis zum Ende der Woche über die Perspektiven von Öl- und Gasförderung in der immer wärmer werdenden Arktis unterhalten.

"Alle Polar-Anrainer arbeiten mit voller Kraft daran, ihre Öl- und Gasvorkommen in der Arktis auszubeuten", sagt Calder. Auf seiner Stirn stehen kleine Schweißperlen. Es sei an der Zeit gewesen, sich systematisch mit den möglichen Gefahren und Problemen zu befassen. "Wir haben die Fakten zur Öl- und Gasförderung in der Arktis in einem Dokument zusammengetragen."

Der Bericht warnt unter anderem vor den Gefahren durch defekte Rohrleitungen und Tankerunglücke: "Ausgetretenes Öl ist in der Arktis besonders gefährlich, weil sich die kalten und sehr stark jahreszeitabhängigen Ökosysteme nur langsam erholen. Außerdem ist die Beseitigung von Ölschäden in abgelegenen und kalten Regionen sehr schwierig, vor allem in Meeresbereichen mit Eisvorkommen." Er prangert auch die Landschaftszerstörung beim Pipeline-Bau an und schildert, wie arktische Dörfer verändert werden, wenn auf einmal das Geld der Ölfirmen alle traditionellen Gesellschaftsstrukturen auf den Kopf stellt.

Das Wort "Klimawandel" ist unerwünscht

Doch trotz der verdienstvollen Warnungen hat das Werk der Wissenschaftler ein entscheidendes Problem: Es wird durch politische Streiterei entwertet. Bis vor kurzem gab es am Ende der Zusammenfassung gut 60 Empfehlungen der Wissenschaftler an die Politik. Doch die sind mittlerweile verschwunden.

Schuld daran ist Streit im Arktischen Rat, der das Amap-Gutachten in Auftrag gegeben hat. Unter den ständigen Mitgliedern des Arktischen Rates, den skandinavischen Ländern, Island, Kanada, den USA und Russland ist Einstimmigkeit gefragt. Doch Schweden und die USA wollten das Dokument nicht mittragen. Im Fall der USA soll unter anderem die Verwendung des Wortes "Klimawandel" unerwünscht gewesen sein, ist in Tromsø zu hören.

Und so muss Calder ein Papier voller Allgemeinplätze und ohne Handlungsempfehlungen präsentieren. "Ich bin enttäuscht", gesteht er ein. Neben den Staaten hätten auch viele Ölfirmen den Wissenschaftlern das Leben schwer gemacht, und sie nicht wie gewünscht mit Daten versorgt. Russische Unternehmen zum Beispiel hätten kaum Informationen über Öl-Unglücke öffentlich gemacht. "Wir glauben", so Calder, "dass Russland große Mengen an Daten darüber hat, wie arktische Gebiete durch Ölunglücke beeinflusst werden - und wie sie sich über Jahrzehnte wieder erholen können." Das klingt überzeugend, immerhin ist Russland für den Löwenanteil der derzeitigen arktischen Förderung verantwortlich: 80 Prozent des arktischen Öls und 99 Prozent des arktischen Gases werden von russischen Unternehmen gefördert.

Doch über Umweltprobleme ist nur selten Genaues zu hören – und dann meist nur, wenn sie beinahe apokalyptische Ausmaße annehmen. So etwa im Jahr 1994, als im Komi-Gebiet eine Pipeline an insgesamt 23 Stellen brach - und mehr als 100.000 Tonnen Öl in die verwundbaren arktischen Ökosysteme schwappten. Lebensräume, die dabei nicht sofort verseucht wurden, nahmen spätestens bei den hektischen Aufräumarbeiten Schaden. Doch auch an US-Pipelines gibt es Probleme. So musste etwa vor anderthalb Jahren der Ölkonzern BP seine Förderung in Prudhoe-Bay in Alaska herunterfahren, nachdem ein Leck an einer von Korrosion zerfressenen Pipeline aufgetreten war.

Ölfirmen drängen nach Norden

Ungeachtet aller ökologischen Risiken drängen die Ölfirmen weiter nach Norden. "Die Arktis wird einen signifikanten Anteil an der globalen Energieproduktion haben", glaubt etwa Halwor Engelbretsen vom norwegischen Ölriesen StatoilHydro. Das Gebiet liege nahe an den drei wichtigsten Energiemärkten der Welt: Europa, Nordamerika und Asien.

In der Tat ist Öl aus der Arktis für diese Abnehmer gleich doppelt attraktiv. Zum einen wegen der stetig steigenden Spritpreise, die Autofahrern an den Tankstellen immer wieder aufs Neue den Schweiß auf die Stirn treiben. Zum anderen wegen geopolitischer Zwänge, die sich für Europa und Nordamerika aus der Abhängigkeit von Energielieferanten aus der Golfregion ergeben. Die Arktis verspricht Preisstabilität und sinkende Abhängigkeit von politisch wenig verlässlichen, oft despotisch regierten Bündnispartnern.

Wie viel Öl und Gas es in der Arktis tatsächlich gibt, ist allerdings bis heute nicht klar. Immer wieder wird eine Studie des Geologischen Dienstes der USA (USGS) aus dem Jahr 2000 zitiert. Diesem Papier zufolge befinden sich unter dem Eis der Arktis ein Viertel aller noch nicht entdeckten Öl- und Gasvorkommen der Erde. Diese beeindruckende Zahl ist allerdings nicht unumstritten. Denn die USGS-Experten sind bekannt dafür, dass sie gern optimistische Schätzungen abliefern. Am Kaspischen Meer hatten sie in den Neunzigern schon einmal einen Ölboom vorausgesagt. Mittlerweile geht man aber nur noch von einem Achtel der ursprünglich prognostizierten Lagerstätten aus.

"Es gibt viel Optimismus über das Ressourcenpotential in der Arktis", sagt Norwegens Außen-Staatssekretärin Elisabeth Walaas – ungeachtet des Umstandes, dass die USGS-Schätzungen "eher unsicher" seien. Um sich nicht noch einmal mit aufgeblasenen Zahlen in die Nesseln zu setzen, wollen die US-Forscher in diesem Jahr eine aktualisierte Version ihrer Schätzungen vorlegen.

Schneewittchen mit Kinderkrankheiten

Die Fördertechnik für den Einsatz in der Arktis ist jedenfalls schon weit entwickelt. Das zeigt ein Projekt im Hohen Norden von Norwegen. Im Meer, rund 145 Kilometer vor der Stadt Hammerfest fördert der Ölkonzern StatoilHydo auf dem Kontinentalsockel in der Barentssee Erdgas, in einer vollautomatischen Fabrik auf dem Ozeanboden in mehr als 300 Metern Tiefe. "Snøhvit", also Schneewittchen, heißt die Anlage, die als Prototyp für die vollautomatische unterseeische Produktion gilt – und die es sogar in Frank Schätzings Megaseller "Der Schwarm" zu Berühmtheit gebracht hat. Mit einer 70-Zentimeter-Pipeline wird das Gas vom Ozeanboden zum Terminal auf der Insel Melkøya gebracht, wo es gekühlt, verflüssigt und auf Tanker verladen wird. Doch noch hat Schneewittchen mit Kinderkrankheiten zu kämpfen, wie sichtlich angespannte StatoilHydro-Mitarbeiter eingestehen. Ein Scheitern des Projekts wäre desaströs für die ambitionierten Arktis-Abenteuer des Konzerns.

John Calder bleibt indes ratlos zurück. Sein Bericht, der eigentlich als Meilenstein bei der Entwicklung der arktischen Öl- und Gasindustrie gedacht war, könnte weitgehend unbeachtet bleiben, weil der entscheidende Teil, die Handlungsempfehlungen, fehlen. "Risiken können nicht gänzlich ausgeschlossen werden", heißt es nun nüchtern im vorletzten Kapitel des Amap-Berichts. Die Umweltorganisation WWF, die in Tromsø einen eigenen Bericht zu Gefahren von Ölunglücken in arktischen Umgebungen vorgestellt hat, fordert deswegen einen Stopp der Erkundung neuer Öl- und Gasvorkommen in der Arktis. Eine Forderung, die ein frommer Wunsch bleiben dürfte.



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