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Alarmierender Klimabericht: "Die Welt muss aufwachen"

Überschwemmungen, Wirbelstürme, Dürrekatastrophen: Die düsteren Prognosen des globalen Klimaberichts haben Politiker weltweit aufgeschreckt. Frankreichs Präsident Chirac forderte eine "Revolution", Umweltminister Gabriel "große politische Konsequenzen".

Die Wissenschaftlerin Susan Solomon lässt keinen Zweifel daran, wer für den Klimawandel verantwortlich ist: "Wir können jetzt mit großer Sicherheit sagen, dass die Aktivität der Menschheit zur Erwärmung beigetragen hat." Susan Solomon ist Mitglied des Intergovernmental Panel on Climate Change - IPCC, das heute den alarmierenden 4. Uno-Klimabericht vorgestellt hat. Deutsche Forscher pflichten ihr bei: "Das Vertrauen in die Aussage 'Der Mensch ist schuld' ist heute größer als je zuvor", sagt etwa der geschäftsführende Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie (MPI-M), Martin Claußen. Denn der neue Weltklimabericht gründe auf mehr Daten, besseren Analysen und realistischeren Klimamodellen als alle bisherigen Berichte.

"Mit dem nun vorliegenden Bericht sollten letzte Zweifel daran ausgeräumt sein, dass wir Menschen es sind, die die Klimaschraube überdrehen", meint Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und Klima-Chefberater der Bundesregierung. Und PIK-Forscher Stefan Rahmstorf sagt: "Der Bericht stellt ganz klar fest, dass der Mensch überwiegend an der globalen Erwärmung Schuld hat. Natürliche Faktoren spielen eine völlig untergeordnete Rolle."

Ernst der Lage solle erkannt werden

Der Ex-Bundesumweltminister und frühere Direktor des UN-Umweltprogramms (Unep), Klaus Töpfer, fordert angesichts der IPCC-Zahlen zu schnellem Handeln auf, um den Klima-Wandel zu bremsen: "Wer jetzt noch nicht wach ist, der muss sich fragen, was denn eigentlich passieren muss, damit man den Ernst der Lage erkennt", sagte Töpfer heute dem WDR. Der Klimabericht sei ein "sehr nachhaltiger Warnruf" - es handele sich nicht um Prognosen.

Eine endgültige Sicherheit liefert der Report naturgemäß nicht. MPI-M-Direktor Martin Claußen: "Klima hat immer etwas mit Wahrscheinlichkeiten zu tun - es gibt keine absolut sicheren Aussagen."

Nur eines scheint sicher zu sein: Der Klimawandel lässt sich nicht mehr aufhalten. Deswegen gehe es vielmehr darum, diesen in Grenzen zu halten, so Töpfer, der derzeit den UN-Rat für nachhaltige Entwicklung leitet. "Wir hoffen ja alle, dass wir den Klimaanstieg auf höchstens zwei Grad bremsen können." Wenn man eine Erderwärmung unterhalb von zwei Grad halten wolle, müsse man weltweit die schädlichen Treibhausgase bis 2020 um 30 Prozent verringern, sagte dazu Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) - und mahnt "große politische Konsequenzen" an.

Die Bundesregierung reagierte prompt: mit einem neuen Aktionsprogramm zur Klimaforschung. Das soll mit 255 Millionen Euro ausgestattet sein, wie Bundesforschungsministerin Annette Schavan heute ankündigte. Gefördert werden sollten unter anderem Forschergruppen, die Lösungen für einen "intelligenten Technologiewandel" entwickeln.

Industrienationen sollen Vorreiterrolle übernehmen

Einschneidende Reduzierung des CO2-Ausstoßes verlangen indes Umweltorganisationen und Regierungen von den Industrienationen. Südafrika erklärte, Nichtstun sei nicht mehr zu rechtfertigen. Der südafrikanische Umweltminister Marthinus van Schalkwyk erklärte, alle, die jetzt die Bedrohung und ihre Ursachen noch ignorierten, würden künftigen Generationen einen Bärendienst erweisen. Indonesien mahnte "drastische Schritte" zur Verlangsamung des Treibhauseffekts an.

Der französische Staatspräsident Jacques Chirac fordert eine "Revolution" zur Rettung der Erde. Das Bewusstsein der Menschen, die Wirtschaft und das politische Handeln müssten radikal veändert werden. Der Tag rücke näher, so Chirac, an dem die Aufheizung der Atmosphäre nicht mehr zu kontrollieren sei: "Wir befinden uns an der Schwelle zum Irreversiblen." Chirac schlug eine "universelle Erklärung der Umweltrechte und Umweltpflichten" vor.

Greenpeace-Sprecherin Stephanie Tunmore meint: "Wenn der letzte IPCC-Bericht ein Weckruf war, dann ist dieser eine gellende Sirene." Zwar habe sich das Verständnis des Klimasystems und der Einfluss des Menschen darauf verbessert. "Die schlechte Nachricht ist, dass die Zukunft immer bedenklicher aussieht, je mehr wir wissen." Tunmore sprach von einer klaren Botschaft an die Regierungen. Das Zeitfenster, um noch etwas zu tun, schließe sich rasch.

"Noch ist Zeit zum Handeln, aber rasches Handeln ist jetzt gefordert", sagt Catherine Pearce von der Umweltorganisation Friends of the Earth. "Die Alarmglocken schrillen. Die Welt muss aufwachen." Die Industriestaaten müssten nun eine Vorreiterrolle übernehmen und den Entwicklungsländern dabei helfen, nachhaltige Ökonomien aufzubauen.

"Jetzt muss die Weltgemeinschaft endlich handeln"

"Jeder Regierungschef, der in seinem Amtseid geschworen hat, Schaden von seinem Volk abzuwenden, ist jetzt zu einer ernsthaften Klimapolitik verpflichtet: Das Unbewältigbare muss unbedingt vermieden werden." Zu diesem Schluss kommt Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer von der Umweltorganisation Germanwatch.

Nach den neuesten Erkenntnissen zur rasanten Entwicklung bei der Erderwärmung sei klar, so der Leiter des Uno-Umweltprogramms, Achim Steiner: "Business as usual reicht nicht mehr." Die "Routine der Verhandlungen auf Beamtenebene" bringe die Welt nicht weiter, sgte er bei der Vorstellung des Berichtes heute Vormittag. Bei der regulären Weltklimakonferenz auf Bali im Herbst müsse laut Steiner der Grundstein für ein neues Klimaabkommen für die Zeit nach den im Kyoto-Protokoll für 2012 festgehaltenen Zielen gelegt werden.

"Die Beweise liegen nun auf dem Tisch. Jetzt muss die Weltgemeinschaft endlich handeln", sagte Steiner. Wer nun noch untätig bleibe, werde als verantwortungslos in die Geschichte eingehen. "Der Klimawandel ist die Herausforderung des Jahrhunderts."

fba/AP/AFP/ddp/dpa/rtr

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