Alfred Brehm Als die Tiere Gefühle bekamen

Emotionen, Bewusstsein, Intelligenz: Diese Eigenschaften waren lange dem Menschen vorbehalten. Dann plädierte ein Naturforscher für mehr Bescheidenheit.

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Egal, ob Fuchs, Löwe oder Schmetterling, für die Wissenschaft waren Tiere über Jahrhunderte nur in einem Zustand spannend: tot, seziert und ausgestopft. Kein angesehener Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts machte sich die Mühe, ihr Verhalten zu beobachten. Dann kam Alfred Brehm. Der Sohn eines Pfarrers und bekannten Vogelkundlers interessierte sich auch für lebende Tiere - damals eine Revolution.

Seinen eindrucksvollsten Auftritt legte Brehm im Jahr 1852 hin, als er nach fünfjähriger Expedition in Afrika in seine Heimat Thüringen zurückkehrte - begleitet von einer Löwin, einem Leoparden, einem Geparden, zwei Straußen, zwei Kronenkranichen, einem Adler, drei Pelikanen, neun Affen und - eher unbeabsichtigt - Vertretern der Gattung Plasmodium. Letztere sind winzige Parasiten, die sich in Brehms rote Blutkörperchen eingenistet hatten und Zeit seines Lebens Malariaschübe verursachten.

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Brehms Tierleben: Tiere sind auch nur Menschen

Mit gerade einmal 18 Jahren war der gebürtige Renthendorfer zu der Reise aufgebrochen - als Sekretär eines Barons. Die beiden mussten sich durch unwegbares Gelände kämpfen und fingen sich immer wieder gefährliche Krankheiten ein. Irgendwann verlor der Baron die Lust an der beschwerlichen Expedition und kehrte nach Europa zurück.

Stattdessen schickte er Brehms Bruder Oskar nach Afrika - allerdings mit weit weniger Geld im Gepäck als erhofft. Den schwersten Schlag erlitt Brehm, als sein Bruder nach wenigen Wochen Expedition im Nil ertrank. Er setzte seine Reise dennoch fort - allein. Das nötige Geld lieh er sich bei Freunden. Teilweise dauerte es jedoch Wochen, bis es ihn erreichte.

Doch auch wenn die Reise ihn fast das Leben gekostet hätte: Mit seinen Geschichten aus fernen Ländern und über Tiere, die in Deutschland noch nie jemand gesehen hatte, stieg Brehm nach seiner Rückkehr schnell in die gehobenen gesellschaftlichen Kreise Jenas auf, wo er ab 1852 Naturwissenschaften studierte.

Seine Kommilitonen nannten Brehm wegen seiner Afrikareise nur den "Pharao", was durchaus anerkennend gemeint war. Ohnehin leistete sich Brehm einige schrullige Angewohnheiten. So lebte er beispielsweise mit zwei der neun Affen zusammen, die er aus Afrika mitgebracht hatte. Sie kletterten regelmäßig über sein Hausdach und auch in Teehäuser soll Brehm sie gern mitgebracht haben.

"Sinnbild der List"

Nach nur zwei Jahren Studium war Brehm promoviert (man hatte Teile seines 1000-Seiten-Reiseberichts als Doktorarbeit anerkannt) und genoss hohes Ansehen unter Naturwissenschaftlern. Er ärgerte sich jedoch darüber, dass es damals wissenschaftlich verpönt war, sich lebenden Tieren zu widmen. Zwar sammelte auch Brehm Tiere, um sie auszustopfen, doch ihr Verhalten interessierte ihn mindestens genauso.

Er gestand den Tieren Gefühle zu, sogar Gedanken und Intelligenz - ganz ähnlich denen des Menschen. Für die damalige Welt war das ein absoluter Frevel. Den Fuchs beschrieb Brehm beispielsweise als "Sinnbild der List, Verschlagenheit, Tücke und, wie ich sagen möchte, gemeinen Ritterlichkeit". Solche Attribute waren bis dato nur der Krone der Schöpfung vorbehalten - also dem Menschen.

Was einige als unverzeihlichen Affront empfanden, entpuppte sich für Brehm als Mega-Erfolg. Im Jahr 1863 veröffentlichte er den ersten Band eines zoologischen Nachschlagewerks, in dem er liebevoll das Leben verschiedener Tierarten beschreibt. Die Bücher waren schnell vergriffen und machten Brehm weltweit berühmt. Seine Erzählungen über den Fuchs bis zur Eintagsfliege waren quasi die Tier-Fernsehdoku des 19. Jahrhunderts.

Bis heute ist die Enzyklopädie als "Brehms Tierleben" bekannt, auch wenn andere Autoren Brehms Werk weiterführten. Besonders beliebt sind die Bücher auch wegen der detailreichen, farbigen Zeichnungen der Tiere. Charles Darwin soll gesagt haben, es seien die besten Bilder, die er je in einem Nachschlagewerk über Tiere gesehen habe.

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Alfred Brehm, mit einer Einführung von Karsten Brensing:
Brehms Tierleben - Die Gefühle der Tiere

Dudenverlag; 240 Seiten; 20 Euro

Auszüge aus "Brehms Tierleben" mit einer Einführung des Verhaltensforschers Karsten Brensing sind nun im Dudenverlag erschienen. Die Ausgabe ist jedoch nur ein kleiner Ausschnitt von Brehms Werk, das im Original bis zu 13 Bände umfasst.

Auch wenn die Texte aus heutiger Sicht naiv wirken und wissenschaftlich überholt sind, gibt die Forschung Brehm in einem Punkt recht: Tiere sind dem Menschen ähnlicher, als wir lange glauben wollten. Studien haben längst gezeigt: Graupapageien sind schlauer als so manches Kleinkind, Guppys haben Charakter und einige Enten neigen zu homosexueller Nekrophilie - um nur einige Beispiele zu nennen.

Brehm war offenbar überzeugt, dass einige Tiere sogar schlauer sein könnten als homo sapiens. In einem seiner Werke erzählte er jedenfalls diese skurrile Geschichte: Die Bewohner einer indonesischen Insel seien überzeugt, dass Affen durchaus sprechen könnten. Sie täten es jedoch nicht, weil sie fürchteten, dann wie die Menschen arbeiten zu müssen.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Trizi 02.11.2018
1. Mir ist nicht klar, ...
Mir ist nicht klar, wie die Menschheit solange gleuben konnte, Tiere haben keine Empfindungen. Wer jemals ein Tier zum Freund hatte, weiß, daß Tiere die gleichen Empfindungen wie wir Menschgen haben.
rudolfsikorsky 02.11.2018
2.
Oh super , Alfred Edmund Brehm. Ich selbst besitze die herrlichen Ausgaben von 1877 und 1900 mit den wunderbaren Illustrationen von zb Mützel und anderen. Brehm ist vor allem ganz grosse Weltliteratur, mit herrlichen Tiererzählungen und Geschichten, ein Klassiker der in keinem Haushalt oder Kinderzimmer fehlen darf.Ein grosser Deutscher, auf der ganzen Welt gelesen, besonders in Russland. Aber hierzulande hört man von Brehm gar nichts ( ausser hier jetzt bei SPON und es kam mal was von Roger Willemsen vor ein paar Jahren ), wann war die letzte Neuausgabe? vor 50 , 60 Jahren vieleicht, keine Ahnung. Ich verstehe sowas nicht.
outsider-realist 02.11.2018
3.
Zitat von TriziMir ist nicht klar, wie die Menschheit solange gleuben konnte, Tiere haben keine Empfindungen. Wer jemals ein Tier zum Freund hatte, weiß, daß Tiere die gleichen Empfindungen wie wir Menschgen haben.
Das wurde und wird uns eingeredet bzw von uns verdrängt, damit wir ohne schlechtes Gewissen unser täglich Fleisch essen. Schlechtes Gewissen ist geschäftsschädigend.
neanderspezi 02.11.2018
4. Brehm hat denn Menschen die Bewunderung der Natur nähergebracht
Wie wäre es, wenn die Illustratoren zu Brehms Tierleben die ihnen gebührende Beachtung fänden? Das umfangreiche Werk Brehms hätte vermutlich zu seiner Zeit und auch später nicht die große Wertschätzung erfahren, wenn der grafische Teil des Werks vernachlässigt oder nur in bescheidener Ausführung dem Werk beigegeben worden wäre. Vielleicht kann man daran erkennen, dass visuelle Zugaben zu der Beschreibung, die der Natur mit viel Worten gewidmet ist, eine weitgehend notwendige Ergänzung darstellen, um dem Wort eine höhere Glaubwürdigkeit mitzugeben. Nicht ohne Grund werden so kostbare Wiedergaben von Pflanzen und Tieren der Naturwissenschaftlerin und Künstlerin Maria Sybilla Merian und weiterer Forscher und Künstler von den Betrachtern dieser Kunst sehr bewundert. Mit ihrer Kunst haben diese Menschen versucht den Blick auf die Schönheiten und Vielfältigkeiten der Geschöpfe auf dieser Erde zu lenken und damit den ihnen gebührenden und notwendigen Schutz nach menschlichem Vermögen weitestgehend zu fördern.
SammyDJ 02.11.2018
5. Mensch, sei nicht so eingebildet!
Natürlich haben auch Tiere Gefühle, Erinnerungen, Pläne, Vorlieben kurzum Identität. Sie sind sich dessen nur nicht so bewusst wie wir, deshalb können sie sich nicht selbst problematisieren oder abstrahieren. Menschen sind sich ihres Bewusstseins bewusst - ein Zustand, den man Geist nennt. Damit verbindet sich eine immense Verantwortung. Es sollte uns nicht wundern, dass Tiere uns so ähnlich sind, denn soweit haben wir uns noch nicht vom Tierreich wegentwickelt - das geschieht erst jetzt, wo wir die Ebene der Natürlichkeit verlassen und uns zu Cyborgs entwickeln. Ob das erstrebenswert ist sei dahingestellt, unausweichlich scheint es auf jeden Fall zu sein.
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