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Algenplage in der Bretagne: Frankreichs verzweifelter Kampf gegen das grüne Gift

Von , Saint-Brieuc

Massen an Algen wuchern an der bretonischen Küste, Strände sind gesperrt, gefährliche giftige Dämpfe steigen aus den verrottenden Pflanzen auf. Ein millionenschweres Programm zur Bekämpfung der Plage verfehlt seine Wirkung - und Präsident Sarkozy empört die Umweltschützer.

Algenplage: Der grüne Touristenschreck Fotos
AP

Die Pampe ist grün, matratzendick und stinkt zum Himmel. Gut hundert Meter vor dem Strand von Morieux, tief in der Bucht von Saint-Brieuc hat sich längs einer Sandbank der Algenteppich zusammen mit Schlick zu einer Masse aufgetürmt, die bei auflandigem Wind heftigen Gestank verbreitet: Ein Brei, der nicht nur unappetitlich, sondern auch giftig sein kann und in entsprechenden Konzentrationen sogar lebensgefährlich.

Die Algen befallen die Küsten der Bretagne seit mehr als dreißig Jahren - jetzt soll endlich Schluss sein damit. Dieses Jahr hat die Algenpest die Strände besonders früh erobert. Inzwischen ist die Algenplage zu einem nationalen Politikum geworden, um das heftig gestritten wird. Denn der grüne Teppich vertreibt die zahlungskräftigen Urlauber aus der Region.

109 betroffene Stellen sind derzeit aufgelistet, zugleich wurde der wuchernde Brei auch in der Normandie und an einigen Orten der Atlantikküste ausgemacht. Ursache für die hässliche Erscheinung ist eine Alge, die längs der bretonischen Côtes d'Armor durchaus verbreitet und eigentlich vollkommen harmlos ist.

Bedrohlicher Salat des Meeres

Sonst bekannt als "Salat des Meeres" wird die Ulva armoricana, deren lateinischer Name vom Bretonischen "Ar Mor" (Meer) abgeleitet ist, erst zur Bedrohung, wenn Massen dieser Gewächse angeschwemmt und aufgehäuft werden: Dann bilden sie an der Oberfläche eine weißliche Kruste unter der die Algen vergären und dabei einen Mix von toxischen Gasen freisetzen - vor allem Schwefelwasserstoff. Die Schwaden können bereits in einer Konzentration von 2 ppm (Anteile pro Million) nach einer halben Stunde etwa bei einem Asthmatiker einen Anfall auslösen, so ein Experte; ab 500 ppm droht Lebensgefahr.

Das Phänomen tritt auf, wenn hohe Temperaturen, flacher Wasserstand und geringer Tidenhub für unzureichende Spülung der ufernahen Buchten sorgen. Und das zunehmend wärmere Klima verursacht immer öfter eine rasante Vermehrung der Algen, mit bisweilen dramatischen Folgen.

Während der Hitzewelle im Sommer 2009 sorgte der Tod eines Pferdes bei Saint-Michel-en-Grève für Schlagzeilen. Der Reiter, der mit seinem Tier am Strand entlanggetrabt war, überlebte nur, weil aufmerksame Anwohner den Sturz beobachtet hatten. Möglicherweise kam damals auch ein Arbeiter an den Folgen der giftigen Dämpfe um - der Mann, beschäftigt bei einer Kompostfabrik, hatte seinerzeit die Lkw-Ladungen der grünen Pampe entsorgt und war überraschend gestorben. Seither sind die Fahrer mit Warnmeldern unterwegs.

Paris, aufgescheucht durch den Medienwirbel, schickte damals Premier François Fillon an Ort und Stelle. Der Ministerpräsident versprach die Reinigung der befallenen Strände durch die Armee und die Entsorgung der Algen "im Winter, um die Vermehrung der Algen zu vermeiden." Zudem sollte eine "interministrielle Kommission" Ursachen und Folgen der "grünen Flut" ergründen.

Zu viel Dünger

Die Gründe sind durchaus bekannt. Denn Schuld an der oft "monströsen Algenvrmehrung", so das Blatt "Ouest-France", ist die örtliche intensive Landwirtschaft: Die Bretagne, bekannt für Artischocke und Blumenkohl, verfügt über gerade fünf Prozent von Frankreichs Anbaufläche, die Region produziert aber 60 Prozent der Schweine, 45 Prozent der Hühner und 30 Prozent der Kälber. Dank der Vielzahl von Bächen und Flüssen gelangt die mit Nitrat angereicherte Gülle rascher als anderswo in das Seewasser: Die Folge sind steigende Anteile von Nitrat - die Konzentration stieg zwischen 1971 und 1998 von 5 Milligramm je Liter auf 38 Milligramm; an manchen Stellen wurden seither sogar Werte von 50 Milligramm pro Liter gemessen.

Ein Regierungsprogramm, mit einem Umfang von 134 Millionen Euro über fünf Jahre, gestartet im Februar 2010 als "Nationalplan zum Kampf gegen die grüne Flut" zur Sammlung, Verarbeitung und Entsorgung der Gülle blieb bisher ohne durchschlagenden Erfolg. Umweltschützer beklagen vor allem den mächtigen Einfluss der Landwirtschaft, deren wiederholte Versprechen eines schonenden Einsatzes von Dünger offenbar nur wenig bewirkt haben.

Jetzt hat sich auch Präsident Nicolas Sarkozy noch in die Kontroverse eingeschaltet. Bei einem Besuch in der Region warf sich der Staatschef mächtig für die Landwirte in die Bresche. Die Bauern trügen keine Verantwortung für die Verbreitung der grünen Algen, beteuerte Sarkozy. Es sei absurd, sie als die Schuldigen hinzustellen. Die Landwirte könnten nicht für wirtschaftliche Entscheidungen zur Rechenschaft gezogen werden, die vor langer Zeit gefällt wurden.

"Fundamentalisten, die es immer geben wird"

Und mit einem Seitenhieb auf die Grünen, die in der Bretagne bereits manches Rathaus erobert haben, wetterte Sarkozy gegen die "Fundamentalisten, die es immer geben wird." Je exzessiver die Forderungen der Ökologen, "umso mehr lässt man sie zu Wort kommen", so der Präsident. "Landwirtschaft und Umwelt gegeneinander zu stellen macht keinen Sinn, denn die Bauern sind die ersten Opfer bei der Nichteinhaltung von Umweltschutzregeln."

Die mannhafte Verteidigung der wichtigen Wählerschaft lässt sich angesichts der Präsidentenwahl im nächsten Jahr verstehen - inhaltlich aber war die Entschuldigung Sarkozys falsch. Noch einen Tag vor seinem Auftritt in der Bretagne hatte die "Nationale Agentur für Hygienesicherheit" (Anses) als wichtigste Maßnahme gegen die gefährliche Plage einen Stopp des Düngemitteleinsatzes empfohlen. An der Vermehrung so die Anses-Studie, ist "in erster Linie die erhöhte Konzentration von Nitraten im Wasser schuld, die durch menschliche Aktivität verursacht werden, besonders durch die Landwirtschaft."

Auf diese Argumentation wollte sich Sarkozy vor den potentiellen Sympathisanten nicht einlassen. Er versprach vollmundig weitere Staatshilfe bei der Sammlung der grünen Algen. "Das ist wichtig für den Tourismus", so der Präsident. "Der Staat wird an der Seite der Territorialverwaltung stehen."

In Morieux, wo sich die grüne Pampe in besonders großen Mengen ablagert, wollte der Bürgermeister indes nicht auf die Entsorgung der Algen warten. Angesichts der möglichen toxischen Gase verbot er Anfang Juli den Zugang zum Meer: "Strand gesperrt", steht auf dem Schild an der Barriere. Auf unbestimmte Zeit.

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insgesamt 38 Beiträge
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1. So viel Biomasse...
Zweiundvierzigneu 19.07.2011
- Wieso machen die kein Biogas...sprich Energie daraus?
2. Was nun
surfer200 19.07.2011
"Im Sommer 2009 ist vermutlich ein Mann daran gestorben." Ob es ein Mann war sollte sich doch herausfinden lassen.
3. Etwas mehr Differenzierung bitte ...
kwkd 19.07.2011
... "die" Landwirtschaft gibt es nicht. Und Gülle enthält auch kein Nitrat!
4. .
MatthyK, 19.07.2011
Zitat von Zweiundvierzigneu- Wieso machen die kein Biogas...sprich Energie daraus?
Das habe ich mich auch gefragt... Es ist ja technisch möglich und wenn es nicht wirtschaftlich ist (Einsammeln der Algen, Salzentfernung, etc.), sollte man an dieser Stelle vielleicht über entsprechende Prämien nachdenken, um z.B. mobile Biogasanlagen auf einem Schiff für genau solche Zwecke attraktiv zu machen. Wenn man überlegt, was an anderer Stelle für ein Aufwand betrieben werden muss, um an Biomasse zu kommen ist es fast schon pervers, dass die kostenlos rumliegende einfach vergammelt und dabei auch noch zum Gesundheitsrisiko wird.
5.
Susiisttot 19.07.2011
Zitat von Zweiundvierzigneu- Wieso machen die kein Biogas...sprich Energie daraus?
vielleicht weil bei denen der Atomstrom so billig ist und man kein Interesse an alternativen Energien hat?
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