Alkohol Wenn Tiere trinken

Die einen erweisen sich als absolut trinkfest, die anderen berauschen sich bei exzessiven Gelagen: Viele Tiere trinken, sogar Fruchtfliegen. Warum wirkt Alkohol so anziehend?

In einem Zoo in China trinkt ein Schimpanse Bier
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In einem Zoo in China trinkt ein Schimpanse Bier


Auch Tiere dröhnen sich gern zu. Das Internet ist voll von Filmen über taumelnde Elefanten und besoffene Affen. Elche berauschen sich an faulen Früchten, Vögel an gefrorenen Beeren. Igel schlürfen Bierfallen leer (marinierte Schnecken inklusive), Rentiere fressen halluzinogene Pilze.

Vieles ist belegt und dokumentiert - aber nur wenig davon erforscht. Ist der tierische Alkohol- und Drogengenuss Absicht oder Versehen? Bringt es die Tiere in Gefahr, oder macht es ihnen Spaß? Sind es Einzelfälle, oder ist es gelerntes Verhalten? Und, letztendlich: Was können wir vom Tierreich über das Suchtverhalten des Menschen lernen?

Fliegen im Suff

Mit lustigen Filmen kann Henrike Scholz, Neurobiologin und Verhaltensforscherin an der Universität Köln, nicht dienen. Ihre Mitarbeiter arbeiten mit Fruchtfliegen, die sie mit Alkohol füttern und dann beobachten. "Wenn man ihnen Alkohol anbietet, sie ausnüchtern lässt und ihnen dann erneut Alkohol gibt, verändern sie ihr Verhalten", berichtet Scholz. Die Tiere werden hyperaktiv, rasen herum, laufen Kurven. Irgendwann fallen sie um und liegen bewegungsunfähig auf dem Rücken.

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Alkoholkonsum bei Tieren: Schnatter, Tröt, Hicks - mit der Natur am Tresen

"Beim zweiten Mal dauert es viel länger, bis sie betrunken werden", erklärt die Wissenschaftlerin. Der Stoffwechsel der Fliegen hat sich angepasst. Das sei ähnlich wie bei Alkoholikern. Für ihre Droge nehmen sie nach ersten Erfahrungen sogar Unangenehmes in Kauf.

In den Experimenten waren sie etwa bereit, Bitterstoffe zu tolerieren, wenn sie damit Alkohol bekamen. Auch in freier Natur stehen Fliegen auf Alkoholisches - in Form von vergorenem Obst. "Die Tiere haben gelernt: Wo es nach Alkohol riecht, da gibt es Kalorien", erklärt Scholz.

Suche nach Alkohol fest im Gehirn verschaltet

Die Forscherin glaubt allerdings nicht, dass die Tiere im klassischen Sinne süchtig werden. Was es ihrer Ansicht nach gibt, ist "abnormes Verhalten Einzelner in Extremsituationen". In der Regel wählten Tiere alkoholhaltige Nahrung nicht wegen der Folgen auf die Psyche, auch wenn diese vielleicht als angenehm empfunden werden.

Nach verrotteten Früchten - und damit nach Alkohol als Energiequelle - zu suchen sei "ein ganz natürliches Verhalten, das im Gehirn möglicherweise fest verschaltet ist und nicht erlernt werden muss", erklärt Wolfgang Sommer vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit. Abhängigkeit hingegen gebe es bei Tieren kaum. "Sucht können sich die meisten Tiere gar nicht leisten: Sie würden sofort ihren Feinden zum Opfer fallen."

Je höher entwickelt die Tiere sind - ergo: je weniger natürliche Feinde sie haben - desto eher können sie es allerdings riskieren, beim Drogenkonsum auch mal über die Stränge zu schlagen. "Ausgeprägtes Suchtverhalten sehen wir nur bei höher entwickelten Spezies", sagt Sommer. "Es scheint so zu sein, dass man ein recht entwickeltes Gehirn braucht, um Suchtverhalten zu entwickeln."

Besäufnis mit Palmwein

So sind etwa sturzbetrunkene Affen keine Seltenheit. In Guinea beobachteten portugiesische Forscher, dass wild lebende Schimpansen bis zu drei Liter vergorenen Palmsaft trinken. "Schimpansen konsumieren vergorenen Palmensaft in Bossou selten, aber gewohnheitsmäßig", schrieben sie im Jahr 2015 im Fachblatt "Royal Society Open Science". Daran beteiligten sich beide Geschlechter und sämtliche Altersgruppen.

Berichte über Delfine, die Kugelfische wegen des Nervengiftes, das diese absondern, wie einen Joint im Kreis herumreichen, verweisen seriöse Wissenschaftler allerdings ins Reich der Anekdoten. "Denkbar" sei das zwar schon, sagt Sommer - aber wohl eher Zufall als Absicht. Tiere seien von Natur aus neugierig. Daher könne es auch vorkommen, dass sie mal psychoaktive Pilze oder Koka-Blätter fressen.

Eine Flasche Wodka fürs Hörnchen

Manche anderen, kleineren Spezies sind dagegen offenbar gar nicht in der Lage, einen Rausch zu entwickeln. Federschwanz-Spitzhörnchen (Ptilocercus lowii) in Malaysia ernähren sich während der Blütezeit beispielsweise fast ausschließlich vom Nektar einer bestimmten Palme - und der hat fast vier Prozent Alkohol.

Federschwanz-Spitzhörnchen in Malaysia
DPA/ Annette Zitzmann

Federschwanz-Spitzhörnchen in Malaysia

Angesichts des geringen Körpergewichts der Tiere entspricht die täglich verzehrte Menge - auf den Menschen übertragen - etwa einer Flasche Wodka pro Tag. Trotzdem zeigen die Tiere keinerlei Ausfallerscheinungen. Für Rainer Spanagel, Pharmakologe am Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, sind die Federschwanz-Spitzhörnchen "ein Beispiel für evolutionäre Anpassung": Der Stoffwechsel hat sich so entwickelt, dass er Alkohol besonders effektiv abbauen kann.

jme/dpa



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