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Trinkfeste Würmer: Genforscher hoffen auf Anti-Alkohol-Pille

Nüchtern und betrunken: Veränderte Würmer sind alkoholresistent Zur Großansicht
Jon Pierce-Shimomura/ University of Texas

Nüchtern und betrunken: Veränderte Würmer sind alkoholresistent

Dieser Wurm wird niemals betrunken: Wissenschaftler haben Fadenwürmer genetisch so verändert, dass Alkohol ihnen nichts anhaben kann. Auch Menschen könnten von den Erkenntnissen profitieren.

Forscher, so heißt es oft, haben zwar durchaus Humor - aber nur solange der Gegenstand der Heiterkeit nicht die eigene Forschung ist. Dieses Klischee widerlegen gerade Wissenschaftler der University of Texas in Austin, die ihre Studie mit einem kleinen Comic illustrieren: ein sich fröhlich kringelnder Fadenwurm über einem nüchternen und offenbar gut gelaunten Menschen, daneben ein schlafender Betrunkener und ein Wurm, der ebenso schlaff daliegt.

Der Comic hat einen durchaus ernsten Hintergrund: Den Forschern um Scott Davis ist es nach eigenen Angaben gelungen, Fadenwürmer genetisch so zu verändern, dass sie selbst nach extremer Alkoholzufuhr keineswegs erschlaffen, geschweige denn sterben, sondern vom Rauschmittel völlig unbeeindruckt bleiben.

Es ist zwar nicht das erste Mal, dass dies gelungen ist. Schon Ende 2003 haben Forscher in San Francisco Fadenwürmer genetisch so verändert, dass Alkohol ihnen nichts mehr anhaben konnte. Dazu hatten sie den Tieren der Art Caenorhabditis elegans das slo-1-Gen genommen. Es trägt die Information für den sogenannten BK-Kanal, der die Aktivität von Nervensignalen regelt, indem er Kalium-Ionen aus den Nervenzellen fließen lässt. In Anwesenheit von Alkohol öffnet sich dieser Kanal häufiger, was die Nervenaktivität verlangsamt und einen Betrunken unkoordiniert torkeln lässt.

Würmer mit verändertem menschlichem Ionenkanal

Die entscheidende Frage aber war: Könnte man auch Menschen alkoholresistent machen? Die neue Studie von Davis und seinen Kollegen lässt nun auf eine Antwort hoffen. Denn anstatt den Würmern einfach das slo-1-Gen zu nehmen, manipulierten sie die menschliche Variante des BK-Kanals so, dass sie unempfindlich gegen Alkohol wurde - und statteten dann die Würmer mit dem veränderten Gen aus. Anschließend widerstanden die Tiere dem Rauschmittel, schreiben die Forscher im "Journal of Neuroscience" - zu erkennen daran, dass die Würmer sich weiterhin schlängelten und Eier legten.

Es sei das erste Mal, dass Derartiges gelungen sei, erklärte Jonathan Pierce-Shimomura, einer der beteiligten Forscher. Wichtig sei, dass die Mutation ausschließlich die Reaktion des BK-Kanals auf Alkohol beeinflusse. Alle anderen wichtigen Funktionen des Ionenkanals - etwa die Regulierung der Aktivität von Nervenzellen, von Blutgefäßen, der Atemwege und der Blase - blieben von der Veränderung unberührt.

"Wir hatten ziemliches Glück, dass wir einen Weg gefunden haben, diesen Kanal gegenüber Alkohol unempfindlich zu machen, ohne seine normale Funktion zu stören", wird Pierce-Shimomura in einer Pressemitteilung seiner Universität zitiert.

Forscher hoffen auf "James-Bond-Pille"

Der Umstand, mit einer veränderten menschlichen Variante des BK-Kanals ein Tier trinkfest gemacht zu haben, lasse auf neue Therapien beim Menschen hoffen. Denkbar ist laut Pierce-Shimomura etwa die Behandlung der Folgen von Alkoholsucht.

Allerdings bleibe abzuwarten, welche Aspekte der entsprechenden Beschwerden von der Veränderung des BK-Kanals beeinflusst würden. Denn anders als etwa bei Kokain, das ein bestimmtes Ziel im Nervensystem hat, ist die Wirkung von Alkohol im Körper komplex: Der BK-Kanal ist bei Weitem nicht das einzige Molekül, an das Alkohol bindet.

Zwar sei Caenorhabditis elegans durchaus geeignet, Trunkenheit beim Menschen zu modellieren. Für die anderen Wirkungen des Rauschmittels wie Abhängigkeit, Verlangen oder Entzugserscheinungen seien die Fadenwürmer dagegen weniger gut geeignet. Das ginge mit Mäusen besser - und der veränderte menschliche BK-Kanal könnte auch in die Nager integriert werden, so die Forscher.

Pierce-Shimomura spekuliert gar, dass auf Basis dieser Erkenntnisse eines Tages eine "James-Bond-Pille" entwickelt werden könnte, die es einem Spion erlauben würde, seinen Gegner unter den Tisch zu trinken und dabei selbst stocknüchtern zu bleiben.

mbe

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
salamicus 17.07.2014
Zitat von sysopJon Pierce-Shimomura/ University of TexasDieser Wurm wird niemals betrunken: Wissenschaftler haben Fadenwürmer genetisch so verändert, dass Alkohol ihnen nichts anhaben kann. Auch Menschen könnten von den Erkenntnissen profitieren. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/alkoholsucht-genforscher-machen-wuermer-trinkfest-a-981547.html
Der therapeutische Sinn erschließt sich mir noch nicht. Warum sollte irgendjemand ein teures alkoholisches Getränk kaufen, wenn die Droge nicht wirkt? Da kann man gleich Brause trinken, oder die Brause in eine leere Sektflasche gießen, wenn die Verpackung wichtig ist. Also wer soll wie und mit welchem Ziel "therapiert" werden?
2. weitreichende Folgen
butzibart13 17.07.2014
Die längerfristigen Auswirkungen von permanentem Alkoholgenuss sind damit nicht erfasst, auch wenn bei kurzfristig hoher Alkoholzufuhr Würmer und auch Menschen nicht ins "Torkeln" kommen.
3. schneller zur Leberzirrhose
noalk 17.07.2014
Der außer Kraft gesetzte Mechnaismus dient dem Schutz der Gesundheit. Der Alkohol bleibt für den menschlichen Organismus trotzdem giftig.
4. Und wieder ein geniales Forschungsergebnis!
mcvitus 17.07.2014
Einfacher wäre es allerdings gewesen, auf alkoholfreie Getränke zu verweisen, Ausnahme: Alkoholiker. Vorglühenen macht dann allerdings nur noch wenig Sinn. Vielleicht entdecken unsere lieben Forscher ja noch ein Gen, welches gegen Fettleibigkeit bei ungezügelter Kalorienaufnahme wirkt, das wäre ein echter Durchbruch.
5. Alter Hut ...
jeepee 17.07.2014
Die "James-Bond-Pille" hat das Schweizer Pharmaunternehmen Hoffmann-La Roche schon in den 80er-Jahren entwickelt - aus ethischen Gründen aber nie auf den Markt gebracht. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13521793.html
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Therapie bei Alkoholsucht
Ziel der Behandlung
Das erste Ziel der Therapie ist, den alkoholkranken Patienten vor einer akuten Vergiftung oder dem Tod im Rausch zu schützen. Anschließend soll sein Alkoholkonsum eingeschränkt werden, um ihm schließlich ein Leben ganz ohne Alkohol zu ermöglichen.

Um diese Ziele zu erreichen, ist es grundlegend, die Alkoholabhängigen so früh wie möglich zu behandeln. Sobald das Problem erkannt ist, sollten die Patienten vor allem Hilfe zur Selbsthilfe erhalten. Wenn möglich erfolgt die Therapie ambulant und dort, wo der Abhängige wohnt. Reicht das nicht, werden die Patienten in spezialisierten Zentren stationär behandelt.

Mit dem Ende einer von Ärzten oder Psychotherapeuten begleiteten Behandlung ist die Alkoholabhängigkeit nicht geheilt - wer einmal getrunken hat, muss lebenslänglich an seiner Abstinenz arbeiten.
Kurzintervention
Hausärzte und Krankenhausmitarbeiter sollten bei Patienten sofort aufmerksam werden, wenn sie eine Alkoholsucht bemerken. Lange vor einer stationären Behandlung können sie durch ein vertrauensvolles Gespräch, Hilfestellungen im Alltag und regelmäßige Termine früh eingreifen. Untersützt werden sie dabei von Suchtberatungsstellen, die es in ganz Deutschland gibt.

Problematisch ist, dass auch die vermeintlichen Profis häufig schlecht auf den Umgang mit Süchtigen vorbereitet sind. Ärzte vermeiden es zum Beispiel häufig, ein offensichtliches Alkoholproblem bei ihren Patienten anzusprechen - und werden so zu Co-Abhängigen, die die Sucht des Patienten verleugnen.
Entgiftung & Entwöhnung
Für die akute Entgiftung kann der Patient in einem normalen Krankenhaus aufgenommen werden. Für die Entwöhnungsphase sind dagegen Fachkliniken oder psychiatrische Abteilungen zuständig, die sich auf Suchtkranke spezialisiert haben.

Der Klinikaufenthalt schützt den Patienten vor seiner gewohnten Umgebung, gemeinsam mit anderen Patienten lernt er, einen Alltag ohne Alkohol durchzustehen. Psychiater und Psychologen arbeiten in dieser Phase mit tiefenpsychologischen oder verhaltenstherapeutischen Verfahren. Schwierig ist vor allem der Schritt zurück ins Leben außerhalb der Klinik.
Nachsorge
Kehrt der Patient in seine gewohnte Umgebung zurück, gilt es, einen Rückfall zu verhindern. Dabei helfen vor allem Selbsthilfegruppen, wie die Anonymen Alkoholiker , der Kreuzbund , die Guttempler oder das Blaue Kreuz .
Mehr Informationen & Hilfe
Hintergrundinformationen zum Thema Alkohol und das Heft "Alkoholabhängigkeit" zum Download als PDF bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V.

Aktion "Kenn dein Limit." der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Anonyme Alkoholiker

Kreuzbund

Guttempler

Blaues Kreuz

Quelle: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen


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