Alle 62 Millionen Jahre Massensterben folgt mysteriösem Rhythmus

Im Abstand von 62 Millionen Jahren kommt es auf der Erde zu einem massenhaften Artensterben. Die Entdeckung amerikanischer Physiker verblüfft die Forschergemeinde. Eine Erklärung für den rhythmischen Exitus gibt es bislang nicht - nur Spekulationen.


Dinosaurier vor 230 Millionen Jahren (Zeichnung): Periodischer Tod
AAAS / Science / Carin L.Cain

Dinosaurier vor 230 Millionen Jahren (Zeichnung): Periodischer Tod

"Müssen wir alle sterben?", fragen Boulevardblätter besorgt, wenn Wissenschaftler eine bald drohende Katastrophe ausgemacht haben. Neues Futter für derartige Endzeitspekulationen liefern jetzt Robert Rohde und Richard Muller von der University of California in Berkeley. Die beiden Physiker haben eine Datenbank über Meeresfossilienfunde ausgewertet und dabei festgestellt, dass etwa alle 62 Millionen Jahre massenhaft Arten auf der Erde ausgestorben sind.

Das Beängstigende daran: Die letzte Sterbewelle, die auch die Saurier dahinraffte, liegt schon 65 Millionen Jahre zurück. Der nächste Exitus wäre demnach überfällig, wenn er tatsächlich dem entdeckten Rhythmus folgt.

Rhode und Muller studierten Fossilienfunde von über 36.000 Meerestiergattungen aus den vergangenen 542 Millionen Jahren. Zu ihrer eigenen Überraschung stießen sie dabei auf eine Periode von 62 plus/minus drei Millionen Jahren. Das Muster sei zu regelmäßig, um es mit dem Zufall zu erklären, sagte Rohde.

Der entdeckte Sterberhythmus erweist sich als mysteriös - eine plausible Erklärung dafür haben die Forscher bislang nicht. Möglicherweise bewege sich unser Sonnensystem periodisch durch Gaswolken im Universum, schreiben Rhode und Muller im Magazin "Nature" (Bd. 434, S. 208). Oder aber, die Ursache liege innerhalb der Erde selbst. Wiederkehrende vulkanische Aktivitäten oder Schwankungen des Meeresspiegels könnten ebenfalls Grund für den regelmäßigen Exodus sein. Denkbar sei auch ein bislang unbekannter Sonnenbegleiter, der periodische Kometenschauer auslöst.

Im Atlantik gefangener Ur-Fisch: Bedroht von Kometen, Vulkanen oder einem Sonnenbegleiter?
AP

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Bislang kannten Wissenschaftler nur einen Aussterbezyklus von 140 Millionen Jahren, der sich gut mit den wiederkehrenden Eiszeiten erklären lässt. Es gab auch schon früher Hinweise auf eine zweite Periode, doch die Forscher wollten ihren Daten nicht so recht trauen oder hielten sie statistisch für nicht zuverlässig. Das ist jetzt anders.

Gleichwohl gibt es Zweifel an der Veröffentlichung von Rhode und Muller: "Schön, dass sie detailliert darlegen, dass kein Mechanismus bekannt ist, der das Muster erklären kann", sagte der US-Biologe John Alroy vom National Center for Ecological Analysis and Synthesis in Santa Barbara gegenüber "National Geographic News".

Nach Angaben des deutschen Paläontologen Wolfgang Kiessling von der Humboldt-Universität Berlin gehen die beobachteten periodischen Muster am ehesten auf Schwankungen des Meeresspiegels zurück. Die Zahl der Fossilienfunde auf dem Meeresgrund sei für Zeiten aus der Erdgeschichte geringer, in denen das Wasser weniger hoch gestanden habe, sagte er.

Rohde und Muller haben bereits eine Wette darüber abgeschlossen, was der Grund für das regelmäßige Massensterben sein könnte. "Ich wette, es ist Astronomie", sagte Muller. Rohde glaubt eher an ein irdisches Phänomen.

Angst davor, dass das statistisch überfällige Aussterben morgen beginnt, haben sie nicht: Man müsse zwar mit einem neuen Exitus rechnen, sagte Muller der Zeitung "The Observer". "Aber ich würde noch keine Panik schieben."



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