Alpen: Biologen rätseln über Otter-Comeback

Von Kurt F. de Swaaf

Fischotter stellen Forscher vor ein großes Rätsel: Jahrzehntelang galten sie fast als ausgestorben, jetzt breiten sie sich wieder aus, ganz ohne menschliche Hilfe. In den Alpen fühlen sich die schwimmenden Räuber schon wieder pudelwohl - die Bevölkerung sieht ihre Rückkehr mit gemischten Gefühlen.

Fischotter-Forschung: Der unsichtbare Wasserräuber Fotos
Andreas Kranz

Alena schläft. Oder vielleicht nicht mehr. "Sie kann uns wahrscheinlich hören", sagt Susana Freire, und deutet dabei mit der Antenne auf die Mitte des Holzstapels. Ein Traktor dröhnt vorbei. Ruhig ist es hier nicht gerade, so direkt an der Landesstraße, aber Freire möchte trotzdem nicht näher an den Haufen aus Stämmen herantreten. Man könnte sie verschrecken.

Sie, Alena, ist ein Fischotter, und Susana Freire Biologiestudentin der Universität Lissabon. Ort des Geschehens ist Niederdorf im Laming-Tal, tief in der österreichischen Obersteiermark, eine etwas verschlafene, landschaftlich aber reizvolle Gegend. Im Norden türmen sich die schroffen Kalkgipfel des Hochschwab, Kulisse für touristische Klischees. Seit Frühling dieses Jahres jedoch ist das Tal auch Schauplatz eines bisher einzigartigen Forschungsprojekts.

Der Grund für ihr Vorhaben: Lutra lutra, der Fischotter, ist in die Alpen zurückgekehrt - und keiner weiß exakt wieso. Das soll nun genauer geklärt werden. Mit Alenas Hilfe.

Seit Anfang Mai steht sie im Dienst der Wissenschaft. Die mehr als sieben Kilo schwere Otterdame ging damals dem Wildökologen Andreas Kranz in die Falle. Direkt nach dem Fang pflanzten zwei Veterinäre Alena einen Peilsender in die Bauchhöhle ein. Seitdem können Kranz und Kollegen praktisch jede Bewegung Alenas verfolgen - und jede Menge Fragen klären. Wie groß ist zum Beispiel das Revier eines Fischotters in einer Alpenlandschaft? Wo jagen sie bevorzugt, und wo verbringen die nachtaktiven Räuber den Tag?

Alena schläft zur Zeit mit Vorliebe in diesem Holzstapel, erklärt Andreas Kranz. "Der Otter ist sehr sicher da drinnen." Trotz der Nähe zu Menschen und deren Hunden. Zwischen den schweren Stämmen kann sie niemand überraschen, und sollte es dennoch mal notwendig sein, zu fliehen, dann ist die Laming nur zwei Sprünge entfernt. Im Wasser ist Lutra lutra buchstäblich unfassbar.

Verräterische Kotspuren

Fischotter leben im Verborgenen. Meist nimmt keiner Notiz von ihnen, man sieht sie so gut wie nie. Fachleute wissen allerdings genau, wie die Tiere ihre Anwesenheit verraten. Gut einen Kilometer stromaufwärts von Niederdorf stoppt Andreas Kranz seinen Wagen und läuft die Böschung zum Flussufer hinunter. Der Ökologe zeigt auf einen mit Algen und Moos bedeckten Felsblock. An der Oberseite sieht man eine seltsam kahle Stelle sowie etwas bräunliches, matschiges: Otterkot, "Losung" in der Sprache der Jäger.

"Das ist unser Gold", sagt Kranz grinsend. Die Schmiere steckt voller Gräten, Schuppen und Fischwirbel. Experten können daraus genau den Speisplan des Urhebers ablesen. Auf anderen Steinen liegt kein Kot, und der Bewuchs ist unangetastet. "Er hat halt seine Litfasssäulen, wo er immer hinmacht." Dem Otter dienen die so explizit platzierten Exkremente als Markierung. Alena zeigt den Artgenossen ihre Präsenz. Eine Warnung, denn diese sind normalerweise nicht willkommen.

Das gilt allerdings zum Teil auch für Alena selbst. Die lokale Bevölkerung sieht die Otterrückkehr mit gemischten Gefühlen. Viele Leute im Tal glauben, die Tiere seien ausgesetzt worden, und zwar von einem Investor, der entlang der Laming einige sogenannte Ausleitungswasserkraftwerke bauen will. Die Otter würden den Fischbestand dezimieren. Wenn dann bei anstehenden Prüfungen weniger Forellen da sind, muss der Betreiber den Gewässerpächtern weniger Entschädigung zahlen, so lautet die Mär. Humbug natürlich, aber Alenas Ruf tun solche Gerüchte nicht gut.

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insgesamt 86 Beiträge
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1. Der Otter, der einen Menschen tötete...
C.Jung 15.12.2010
Zitat von sysop... die Bevölkerung sieht ihre Rückkehr mit gemischten Gefühlen.
Wer ist "die Bevölkerung"? Ich kann nur dem folgen, was im Artikel berichtet wird und da sieht es nach Interessen der Fischerei-/Angelwirtschaft aus, die den Otter nicht will. Ein Otter hat noch nie einen Menschen ernsthaft verletzt oder gar getötet. Trotzdem wieder das Geschrei mancher Menschen, wenn eine Wildtierart ihre seit Jahrtausenden angestammte Heimat zurückkommt. Beim Wolf wird das Geschrei auf die angebliche Gefährlichkeit gerichtet, dto beim Luchs im Harz usw. ... und nun auch selbst beim Otter. Der Mensch disqualifiziert sich nur selbst als selbsternannte "Krone der Schöpfung" wenn er keine andere "Schöpfung" neben sich duldet, zumindest keine, die er nicht unmittelbar ausbeuten kann. Aber die Natur kommt auch sehr gut ohne den Menschen aus, nur umgekehrt funktioniert es nicht.
2. Problemotter
karsten112 15.12.2010
Zitat von sysopFischotter stellen Forscher vor ein großes Rätsel: Jahrzehntelang galten sie fast als ausgestorben, jetzt breiten sie sich wieder aus, ganz ohne menschliche Hilfe. In den Alpen fühlen sich die schwimmenden Räuber schon wieder pudelwohl - die Bevölkerung sieht ihre Rückkehr mit gemischten Gefühlen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,732184,00.html
Wenn die hiesige Bevölkerung so leichtgläubig ist, sollten die Biologen das Gerücht streuen das es für den Otterschutz kräftig was von der EU gibt, dann spuren die Hinterwäldler auch ,-)
3. Biologen rätseln über Otter-Comeback
follow_me 15.12.2010
Alle lieben die Natur, nur natürlich soll sie nicht sein!
4. Schützen!
simha 15.12.2010
Bitte, bitte dieses wunderbare Comeback der Natur schützen! Macht aus Ottern, die allen Problemen trotzen keine Problemotter.
5. auf die Nerven
clr1 15.12.2010
Zitat von sysopFischotter stellen Forscher vor ein großes Rätsel: Jahrzehntelang galten sie fast als ausgestorben, jetzt breiten sie sich wieder aus, ganz ohne menschliche Hilfe. In den Alpen fühlen sich die schwimmenden Räuber schon wieder pudelwohl - die Bevölkerung sieht ihre Rückkehr mit gemischten Gefühlen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,732184,00.html
irgendwie geht mir unsere Bevoelkerung auf die Nerven, mit dem Finger auf andere Nationen zeigen, die Vorreiter im Thema Umweltschutz sein wollen, aber die Rueckkehr des Fischotters mit gemischten Gefuehlen entgegensehen. Die hat jemand ausgesetzt, damit weniger Fische sind und der Investor weniger bezahlen muss. Erfinderisch waren wir ja schon immer um mit ruhigem Gewissen Tiere abknallen zu koennen. Der Problembaer laesst gruessen. Ps. Ich bin kein Gegner der Jagd.
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