Alpen Eiger-Felsen stürzen auf Gletscher

Der Felssturz an der Ostflanke des Eiger hat begonnen. In der vergangenen Nacht sind mehrere Hunderttausend Kubikmeter Gestein auf den Unteren Grindelwaldgletscher gefallen. Experten rechnen mit weiteren Abbrüchen.


Grindelwald - Zwischen 400.000 und 700.000 Kubikmeter Gestein - die Angaben schwanken noch - sind am späten Donnerstagabend von der Ostflanke des Eiger in den Schweizer Alpen abgebrochen. Über der Gemeinde Grindelwald bildete sich für mehrere Stunden eine dicke Wolke aus Geröllstaub.

Länger als eine Viertelstunde donnerten Gesteinsbrocken auf den Unteren Grindelwaldgletscher und weiter ins Tal. Die Menge abgebrochenen Materials entspricht in seinem Volumen etwa der Hälfte des New Yorker Empire State Buildings.

Seit Tagen hatten Geologen und die Einwohner von Grindelwald mit Sorge eine Spalte an der Ostflanke des Eiger beobachtet. Ein 250 Meter langer und sieben Meter breiter Spalt zeugte davon, dass sich ein 200 Meter hohes Felspaket vom Hang gelöst hatte. Vermutlich ragt seine Basis weitere 200 Meter in den Untergrund hinein. Der zuständige Leiter des Schweizer Alpenvereins, Kurt Amacher, geht deshalb davon aus, dass sich in den kommenden Tagen noch einmal die doppelte bis dreifache Menge an Gestein lösen wird.

Insgesamt rechnen Experten damit, dass sich bis zu zwei Millionen Kubikmeter Fels lösen werden. Es wäre der größte Felssturz in Europa seit 15 Jahren.

Eine erste Inspektion planen Geologen im Lauf des heutigen Freitags. Erst dann werde es genauere Angaben zur Menge des Felsabbruchs und zum weiteren Risiko geben, hieß es in Grindelwald. Bereits am Donnerstagnachmittag war die sogenannte Madonna vom Eiger abgebrochen, ein etwa 30 Meter hoher, schlanker Felsturm mit einem Volumen von rund 600 Kubikmetern. Der instabile Fels um den Turm herum hatte schon seit Tagen gebröckelt.

Die Ursache für den Abbruch sehen Geologen im Zurückweichen des Grindelwaldgletschers: Durch die schwindende Last des Eises dehne sich nun das Gestein aus, und Spannungen könnten sich entladen. Zusätzlich könne Wasser in das Gestein eindringen. Anfang der Woche hatten Züricher Forscher berichtet, dass die Alpen-Gletscher bis Ende des Jahrhunderts bis auf ein Fünftel schmelzen oder sogar ganz verschwinden werden.

Nach Angaben Amachers war der Ort Grindelwald nicht gefährdet. In Reichweite der Gesteinsmassen sollen keine Häuser liegen. Der 3970 Meter hohe Eiger ist bei Bergsteigern für seine Nordwand bekannt.

stx/AFP/AP/dpa



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