Alpen-Klima Das Eis geht, die Palmen kommen

Die letzten deutschen Gletscher sind nicht mehr zu retten. Was die Erwärmung den Alpen sonst noch bringt, soll ein EU-Projekt herausfinden. Der oberste Uno-Umweltschützer warnt schon vor den Auswirkungen auf Talsperren, Kraftwerke und die Landwirtschaft.


Realismus macht sich in der Klimafolgendebatte breit, nach der Wissenschaft nun auch in der Politik. "Es ist zu spät, die globale Erwärmung ganz zu verhindern", sagte etwa Achim Steiner der Chef des Uno-Umweltprogramms (Unep). "Talsperren, Landwirtschaft und konventionelle Kraftwerke sind bislang auf bestimmte Niederschlagsmengen angewiesen", so Steiner. Künftig werde es bei Niederschlägen zu deutlich größeren Schwankungen kommen. Darauf müsse sich die deutsche Wirtschaft einstellen.

Was aber die Konsequenzen - konkret und regional - sind, beginnen die Menschen gerade erst zu erforschen. Gleichzeitig staunen sie über die Dynamik der Veränderungen in der Atmosphäre: Die Temperaturen auf der Welt stiegen viel schneller, als alle Computermodelle bisher prognostiziert hätten. "Es ist zu spät, die globale Erwärmung ganz zu verhindern", sagte Steiner der "Financial Times Deutschland". Jetzt müsse es darum gehen, sie auf ein Maß zu begrenzen, das Wirtschaft und Ökosysteme verkraften können. Wenn man nur wüsste, was genau da kommt.

"Um der Erwärmung des Klimas zu begegnen", so kündigte Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) an, werde für den Alpenraum jetzt ein "Drehbuch" entwickelt, das die Veränderungen der nächsten Jahre beschreiben soll.

Politik, Wirtschaft und Bevölkerung müssen sich auf das neue Wetter einstellen, das ein unabwendbarer Klimawandel bringt - diese Einsicht spricht aus einem EU-Projekt, das am Mittwoch auf der Zugspitze vorgestellt wurde.

In 20 Jahren sind Bayerns Gletscher weg

"Unabhängig von den Ergebnissen der internationalen Klimaschutzanstrengungen wird es bis zum Ende des Jahrhunderts in Süddeutschland und besonders im Alpenraum immer wärmer", erklärte Schnappauf im Trachtenjanker. "In den letzten 50 Jahren war im Alpenraum mit 1,2 Grad Celsius ein doppelt so hoher Temperaturanstieg zu verzeichnen wie weltweit." Und auch bis 2100 sei Süddeutschland überdurchschnittlich von der Erwärmung betroffen.

Die Folgen für Tourismus, Verkehr und Landwirtschaft soll "ClimChAlp" abschätzen helfen. Die ungelenke Abkürzung steht für "Climate Change Impacts and Adaption Strategies in the Alpine Space" - Klimawandelfolgen und Anpassungsstrategien im Alpenraum. Der Freistaat koordiniert diese Forschung.

Während Schnappauf zusammen mit Wissenschaftlern am Zugspitz-Gipfel das Forschungsprojekt der sieben Alpen-Anrainerstaaten vorstellte, rollten 300 Meter unterhalb auf dem Zugspitz-Plateau die Bagger: Der Schwund des Schneeferner-Gletschers auf der Zugspitze erzwingt Bauarbeiten zum Schutz der Skifahrer. Momentan wird ein kleiner Felshügel abgetragen, um die Trasse für einen Schlepplift zu sichern.

Großer Schwund in der Juli-Hitze

Zum Schutz des Gletschers vor der Sonneneinstrahlung und vor warmem Regen haben die Bergbahnbetreiber rund 6000 Quadratmeter mit Planen abgedeckt. Der Freistaat hingegen verlege keinen Plastikschutz, "um zu verhindern, was nicht zu verhindern ist", wie eine Sprecherin des Umweltministeriums zu SPIEGEL ONLINE sagte. Denn selbst wenn der Ausstoß aller Klimagase heute gestoppt würde, gehe die Erwärmung noch 30 Jahre lang weiter.

An heißen Tagen büßt der Gletscher ungeschützt bis zu zehn Zentimeter an Stärke ein. An Hitzetagen, wie sie im Juli häufig waren, entstehen so alleine am nördlichen Schneeferner - dem einzigen bedeutenden Gletscher in Deutschland - täglich 35 Millionen Liter Schmelzwasser, teilte das Umweltministerium in München mit. Vom südlichen Schneeferner existieren bloß noch Reste.

Schon heute sind die bayerischen Gletscher drastisch geschrumpft, voraussichtlich in spätestens 20 Jahren seien sie weg, sagte Schnappauf. Jüngste Klimaprognosen zeichneten ein "dramatisches Bild". Mit auf dem Zugspitzgipfel war der Zürcher Glaziologe Michael Zemp, der kürzlich in der Fachzeitschrift "Geophysical Research Letters" vorausberechnet hatte: Auch die Gletscher in den Schweizer Alpen werden bis zum Jahr 2100 mindestens auf ein Fünftel ihrer jetzigen Größe schrumpfen.

Für das Eis in den bayerischen Alpen zeichnete der Klimaforscher Wolfgang Seiler ein noch düstereres Bild: Der Plattferner auf der Zugspitze werde voraussichtlich bereits in 15 Jahren komplett verschwunden sein. In der großen Hitze des Julis hat die Null-Grad-Grenze wochenlang bei über 4000 Metern gelegen - der Gipfel der Zugspitze ist nur 2962 Meter hoch.

Palmen wie am Lago Maggiore

In dem zweijährigen, dreieinhalb Millionen Euro teuren ClimChAlp-Projekt sollen zunächst die konkret zu erwartenden Auswirkungen - wie Überschwemmungen, Felsstürze wie jüngst am Eiger, Erdrutsche oder Trockenperioden - abgeschätzt werden. Diese Ergebnisse sollen dann "sehr rasch in konkretes politisches und Verwaltungshandeln eingehen", etwa in der Raumplanung.

Neben viel Poltern am Berg befürchtet Bayerns Umweltminister Schnappauf auch Engpässe bei der Trinkwasserversorgung als Folge der Erwärmung. Andererseits könnten in 100 Jahren an den bayerischen Seen Palmen wachsen "wie am Lago Maggiore". Die Veränderungen würden aber für den Tourismus und die Landwirtschaft auch neue Chancen bergen, so das Ministerium.

ClimChAlp dürfte nicht lange das letzte regionale Programm zur Prognose dieser Veränderungen bleiben - auch weil die Menschen immer noch von der Dynamik der Veränderung überrascht werden. "Nach den neuesten Trends erwärmt sich die Erde in hundert Jahren nicht wie bisher angenommen um zwei Grad, sondern um drei bis vier Grad", sagte Uno-Umweltschützer Steiner. In einigen Weltregionen könne die Erwärmung sogar fünf Grad betragen. Entsprechend werde der nächste Bericht der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) der Uno, der im kommenden Jahr veröffentlicht wird, die Vorhersage für die Erwärmung nach oben korrigieren, sagte Steiner.

Der Klimawandel hängt von vielen Faktoren ab. Deshalb sagen auch die Forscher selbst, dass alle Aussagen über Klimafolgen immer auch auf Spekulationen beruhen. Verschiedene Szenarien werden teilweise heftig diskutiert. Eine Modellrechnung des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie hatte etwa für die deutsche Küste tropische Verhältnisse vorhergesagt.

Abwenden lässt sich der Klimawandel nicht, wie der Potsdamer Klimaforscher Peter Werner erklärte. Die dafür mitverantwortlichen Klimagase wie Kohlendioxid blieben rund hundert Jahre in der Atmosphäre und wirkten deshalb noch lange nach. "Wichtig ist aber, dass der Klimawandel gebremst wird", sagte Werner, "damit Mensch und Umwelt genügend Zeit zur Anpassung haben."

stx/AFP/AP/ddp

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