Kluge Insekten Cliquenbildung schützt Ameisen vor Infektionen

Die einen hüten die Kinder, die anderen kümmern sich ums Essen. In Ameisenkolonien gibt es eine klare Aufgabenverteilung. Die dient offenbar auch der Gesundheit der Tiere.

Timothé Brütsch

Ameisen ändern ihr Verhalten, wenn der Kolonie der Ausbruch einer Infektionskrankheit droht. Sie beschränken etwa ihre Kontakte untereinander, um die Ausbreitung des Erregers einzugrenzen und vor allem, um die Königin im Inneren der Kolonie zu schützen. Dies fanden Forscher heraus, indem sie Tausende der kleinen Krabbler digital markierten.

Es sei die erste wissenschaftliche Studie, die zeige, dass eine Tiergesellschaft in der Lage ist, ihre Organisation aktiv zu verändern, um die Verbreitung von Krankheiten zu reduzieren, heißt es in einer Mitteilung zu der im Fachmagazin "Science" veröffentlichten Untersuchung.

In einer dicht bevölkerten Gemeinschaft wie einer Ameisenkolonie haben Infektionserreger leichtes Spiel: Sie können sich durch die genetische Ähnlichkeit und den engen Kontakt der Individuen zueinander leicht ausbreiten.

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Infektionsschutz bei Ameisen: Epidemie in der Kolonie

Jede halbe Sekunde ein Bild per Infrarotkamera

Fachleute vermuten, dass Ameisen das Infektionsrisiko vermindern, indem sie zum Beispiel in Untergruppen organisiert sind. Ältere Arbeiterameisen sammeln etwa außerhalb des Nests Nahrung, während jüngere Tiere sich im Inneren als Brutpflegerinnen um den Nachwuchs kümmern. Für die Sammlerinnen, die viel Zeit außerhalb des Nests verbringen, ist die Gefahr höher, sich einen Erreger einzufangen.

Nathalie Stroeymeyt von der Universität Lausanne und ihre Mitarbeiter vom Institute of Science and Technology Austria (IST Austria) testeten diese Annahme in 22 Kolonien von Schwarzen Wegameisen (Lasius niger). Dazu platzierten sie auf mehr als 2.000 Tieren einen winzigen Marker. Infrarotkameras machten jede halbe Sekunde ein Bild der Kolonie. So konnten die Forscher die Bewegungen der einzelnen Tiere verfolgen und prüfen, wie sie miteinander agieren.

Sie stellten fest, dass die Ameisen-Kolonie tatsächlich so organisiert ist, dass die Ausbreitung von Keimen erschwert wird. Untergruppen blieben etwa bevorzugt unter sich. Den Nutzen einer solchen Organisation bestätigten auch Computersimulationen zur Ausbreitung von Erregern in einer Kolonie.

Verstärkte Cliquen-Bildung

Als Nächstes infizierten die Forscher zehn Prozent der Sammlerinnen mit Sporen des Pilzes Metarhizium brunneum, einem natürlichen Krankheitserreger von Schwarzen Wegameisen, der durch direkten Kontakt übertragen wird. Für einen Tag beobachteten sie dann die Tiere und prüften am Ende, welche infiziert waren. Die Forscher stellten fest, dass die Ameisen ihr Verhalten nach der Infektion veränderten.

"Die Ameisen ändern, wie und mit wem sie interagieren", erläutert Ko-Autorin Sylvia Cremer vom IST Austria in einer Mitteilung des Instituts. "Die Cliquen unter den Ameisen werden noch stärker, und der Kontakt zwischen den Cliquen wird reduziert." Dabei änderten auch Tiere, die nicht selbst infiziert waren, ihr Verhalten. Wie die Ameisen eine Infektion feststellen, noch bevor die Erkrankung ausbricht, sei nicht klar. Womöglich spielten chemische oder mechanische Reize dabei eine Rolle.

Die Untersuchung zeigte weiter, dass die Sammlerinnen von den infizierten Tieren deutlich höhere Sporen-Dosen abbekommen hatten als die jungen Brutpflegerinnen oder die Königin.

"In einer Kolonie müssen nicht alle Tiere geschützt werden - aber die wertvollsten Individuen sollten überleben", sagte Laurent Keller, ein weiterer Mitarbeiter von der Universität Lausanne. Tatsächlich zeigte eine weitere Analyse, dass die Sterblichkeit bei den Sammlerinnen höher war als bei den Brutpflegerinnen. Zudem überlebten alle Königinnen das Experiment.

Im Video: Der Ameisenplanet - Anatomie einer Kolonie (BBC)

jme/dpa



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