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Ameisen: Superkolonien breiten sich aus

Ameisen in Süddeutschland: Die krabbelnde Plage Fotos
DPA

Ameisen verbreiten sich neuerdings gern im Kollektiv: Sie bilden Superkolonien über ganze Landstriche, so wie aktuell in Süddeutschland. In den Megafamilien sind alle Tiere verwandt und vermehren sich ungehindert.

München - Rundum krabbelt es, und ganz schnell sind die schwarzen Tierchen überall: an den Beinen, an den Armen, in den Haaren, an den Ohren. In schlimmen Zeiten haben die Ameisen in München Kinder und Eltern von Spielplätzen vertrieben. "Es ist tatsächlich an manchen Stellen wie in einem Horrorfilm, dass der Boden völlig bedeckt ist. Die Tiere sind binnen weniger Minuten überall an einem", sagt der Münchner Biologe Volker Witte.

Forscher glauben, dass die aus den Alpen stammende Formica fuscocinerea weiter auf dem Vormarsch ist. "Sie hat das Potential, sich in ganz Mittel- und Nordeuropa auszubreiten", sagt Witte. In Tübingen ist sie bereits. Sie wurde mit Kies von Schotterbänken aus den Alpen für den Bau des Uni-Campus eingeschleppt, sagt Bernhard Seifert vom Senckenbergmuseum für Naturkunde Görlitz. "Sie hat sich dort ausgebreitet - und hat jetzt die ganze Innenstadt im Griff."

In München versucht die Verwaltung mit diversen Methoden, der Plage Herr zu werden. Wenn es warm wird, werden die Tiere aktiv. Und weil sie sandigen Boden und Sonne lieben, fühlen sie sich unter anderem auf Kinderspielplätzen wohl.

Superkolonie im gesamten südlichen Oberbayern

Das Ameisen-Problem könnte zunehmen. Normalerweise bilden die Tiere Kolonien, die sich gegenseitig bekämpfen und damit begrenzen. Doch die sechs Millimeter große schwarze Formica fuscocinerea mit dem glänzenden Ring am Hinterleib hat offenbar im gesamten südlichen Oberbayern eine Superkolonie entwickelt, eine Art Megafamilie, in der alle Tiere verwandt sind und sich ungehindert ausbreiten.

Das Team um Witte brachte Ameisen aus Murnau und aus München in der Petrischale zusammen, also aus rund 60 Kilometer voneinander entfernten Orten (Luftlinie). Sie gingen nicht aufeinander los, sondern putzten sich - ein Zeichen, dass sie sich als Zugehörige einer Kolonie erkannten.

"Das Problem bei diesen Superkolonien ist: Sie haben unheimlich viele Königinnen", erläutert Witte. "Tausende Königinnen sitzen in unterirdischen Nestern und produzieren permanent Eier. Letztlich ist es nur eine Frage der Nahrung, wie viele sie großziehen können."

Argentinische Ameise dominiert den Mittelmeerraum

Auch bei anderen Arten haben sich Superkolonien entwickelt. Einen Grund sehen die Forscher in der Globalisierung. Eingeschleppte Tiere vermehren sich - die folgenden Generationen sind somit alle miteinander verwandt.

"Das ist ein Trend, der weltweit zunimmt" sagt Jürgen Heinze vom Lehrstuhl für Biologie der Universität Regensburg. Die Argentinische Ameise stammte aus Südamerika, kam aber mit dem Gütertransport per Schiff oder Flugzeug in den Mittelmeerraum. Hier bildet sie mittlerweile eine Superkolonie, die sich über Tausende Kilometer erstreckt - von Spanien bis Italien.

"Das hat weitreichende Konsequenzen für das Ökosystem", sagt Heinze. Vielfach verdrängt die Argentinische Ameise heimische Arten. Eine ähnliche Entwicklung gibt es in den USA. Dort breitet sich die in den dreißiger Jahren aus Südamerika eingeschleppte Rote Feuerameise aus und richtet Schäden an.

Kinder reagieren empfindlich auf Ameisensäure

Wo Ameisen überhandnehmen, kann die Natur leiden. Ameisen spielen aber in Ökosystemen auch eine wichtige Rolle - teils mit positiven Effekten für den Menschen. Etwa fördern sie die Forstwirtschaft durch den schnelleren Abbau von altem Holz. Zudem wirken sie manchen schädlichen Insekten entgegen und nutzen so den Bauern.

Für den Menschen sind Ameisen ungefährlich. Aber sie können beißen und schmerzhafte Ameisensäure versprühen. Gerade Kinder sind empfindlich. Ein Kind musste laut Volker Witte sogar zum Arzt - weil eine Ameise im Ohr saß und nicht mehr heraus wollte.

von Sabine Dobel, dpa

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insgesamt 82 Beiträge
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1. Die Natur holt sich alles zurück
brechthold 25.08.2013
Wer heute noch glaubtder mensch könne Welt beherrschen, ist naiv. D Natur wird immer stärker bleiben, dazu hat sie einfach zu viele Möglichkeiten, die wir nicht einmal erahnen. Mich erstaunt lediglich, dass die "Offensive" jetzt schon losgeht.
2. Qualijourn
Pat-Riot 25.08.2013
Irgendwie öde: Man liest jahrelang nichts über Ameisen und nun in allen Blättern das Gleiche. (Mal davon abgesehen, dass seit Jahren bekannt ist, dass es eine einzige Kolonie von Cádiz bis Palermo gibt.) Wo bleibt die originelle, journalistische Eigeninitiative - für die es sich lohnen würde, doch mal den AdBlocker auszuschalten=
3. Gedankenfehler
Pat-Riot 25.08.2013
Zitat von brechtholdWer heute noch glaubtder mensch könne Welt beherrschen, ist naiv. D Natur wird immer stärker bleiben, dazu hat sie einfach zu viele Möglichkeiten, die wir nicht einmal erahnen. Mich erstaunt lediglich, dass die "Offensive" jetzt schon losgeht.
einen Gegensatz von Mensch und Natur aufzubauen. Der Mensch ist Teil der Natur.
4. Naiv
temp1 25.08.2013
Zitat von brechtholdWer heute noch glaubtder mensch könne Welt beherrschen, ist naiv. D Natur wird immer stärker bleiben, dazu hat sie einfach zu viele Möglichkeiten, die wir nicht einmal erahnen. Mich erstaunt lediglich, dass die "Offensive" jetzt schon losgeht.
Nein, der Mensch ist TEIL DER NATUR. Die Natur ist emotionslos, was das Überleben einzelner Arten angeht. Nur wer mit seinem System klarkommt überlebt. Wer das System so modifiziert, daß er es nicht überlebt .... dumm gelaufen ...
5. Fluch und Segen
thorusch 25.08.2013
Zitat von Pat-Rioteinen Gegensatz von Mensch und Natur aufzubauen. Der Mensch ist Teil der Natur.
Die Gefahr für solche Superkolonien ist mE, dass die Gefahr von Epedemien maximal ist. Der Segen könnte sich dann in einen Fluch für die Tiere umkehren. Dann würde wieder Platz für zurückgedrängte Ameisenarten frei werden.
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