Pilzkrankheit Frosch-Killer entpuppt sich als evolutionäres Schwergewicht

Eine Pilzkrankheit rafft seit Jahren Amphibien weltweit dahin, die erstaunlich hohe Zahl von 300 Spezies ist betroffen. Doch der Erreger ist gar nicht so jung wie lange vermutet. Gen-Analysen zeigen, dass der Pilz schon seit Jahrtausenden existiert.

AFP/ Imperial College London/ Matthew Fischer

Wenn der Pilz die Haut seines Opfers befällt, hat es oft keine Chance mehr. Die Haut verhärtet sich, der überlebenswichtige Austausch mit dem umgebenden Wasser bleibt aus - der Frosch verendet. Seit Jahren wütet der Erreger Batrachochytrium dendrobatidis (Bd) unter Amphibien. Auf allen Kontinenten, auf denen die Tiere leben, findet sich auch der Auslöser der sogenannten Chytridiomykose. Laut der Weltnaturschutzorganisation IUCN ist es "die schlimmste Infektionskrankheit, die je unter Wirbeltieren beobachtet wurde, mit Blick auf die Zahl der betroffenen Arten und die Tendenz, dass diesen sogar das Aussterben droht". Knapp 300 Spezies sind von der Krankheit betroffen

Zwar sind manche Spezies immun gegen den Pilz, doch viele haben ihm kaum etwas entgegenzusetzen - insbesondere die in Amerika und Australien heimischen Arten. Seit der Erreger 1999 wissenschaftlich beschrieben wurde, gibt es zwei Theorien zu seiner Entwicklung:

  • Es handelt sich um einen jungen, neuartigen Krankheitserreger.
  • Veränderte Umweltbedingungen haben dazu geführt, dass aus einer vorher ungefährlichen Beziehung von Pilz und Amphibien eine Krankheit wurde.

Wie ein internationales Forscherteam im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichtet, sprachen frühe Studien für die erste Theorie. Die Untersuchung von Erica Bree Rosenblum von der University of California in Berkeley und ihren Kollegen weist jetzt aber in eine andere Richtung. Gen-Analysen deuten darauf hin, dass sich der Pilz bereits vor 10.000 bis 40.000 Jahren entwickelt hat. Allerdings kommen die Forscher zum Schluss, dass ihre Daten zu keiner der beiden Theorien richtig gut passen. Die Wahrheit müsste irgendwo dazwischen liegen.

Die Forscher untersuchten das Erbgut von 29 Pilzproben, die weltweit eingesammelt worden waren. Zusätzlich analysierten sie einen verwandten Chytridpilz, der keine Krankheit bei Fröschen und Kröten auslöst. So konnten sie ein Verwandtschaftsmuster erstellen und abschätzen, wie alt der Erreger ist. "Bd-Stämme sind älter, unterscheiden sich stärker und haben eine uneinheitlichere Genom-Architektur, als bislang bekannt", schreiben die Wissenschaftler.

Das wirft die Frage auf, warum das vom Pilz verursachte Amphibiensterben erst seit wenigen Jahrzehnten beobachtet wird.

Frösche wurden für Schwangerschaftstest genutzt

Beantworten lässt sich das nur für die Regionen, in die der Erreger erst kürzlich eingeschleppt wurde, wozu wohl Mittelamerika und Australien zählen. Dort traf der Pilz auf Populationen, die noch nie mit einem derartigen Erreger zu tun gehabt hatten und dementsprechend ungeschützt waren.

Weltweit verbreiten konnte sich der Erreger höchstwahrscheinlich durch internationalen Handel. Eine wichtige Rolle spielte dabei wohl ein Test, der bis in die sechziger Jahre hinein genutzt wurde: Um herauszufinden, ob eine Frau schwanger war, spritze man einem Krallenfroschweibchen etwas Urin der Patientin. Der enthält bei Schwangeren ein bestimmtes Hormon, durch das die Frösche innerhalb kurzer Zeit Eier legen. Die aus Afrika stammenden Amphibien wurden für diese Tests weltweit gehandelt und gezüchtet. Zusätzlich kommen sie international als Modelltiere in Labors zum Einsatz. Da diese Art mit der Pilzinfektion gut klarkommt, kommt sie als Überträger in Frage. Denn wenn Tiere weltweit verkauft werden, gelangen auch Exemplare in die freie Wildbahn, wo die Amphibien dann heimische Arten anstecken konnten. In Chile etwa tragen viele wild lebende Krallenfrösche den Erreger.

Die Ausbreitung des Pilzes jetzt noch zu stoppen, ist kaum möglich. Und wenn er erst einmal wild lebende Tiere befallen hat, lässt sich kaum etwas tun. In Zoos und Laboren ist es möglich, die kranken Amphibien mit Anti-Pilz-Medikamenten zu behandeln - in freier Wildbahn aber nicht. Die Krankheit verdeutlicht die Gefahr, die mit dem Einschleppen fremder Arten einhergeht - und welche Vorsicht beim internationalen Handel mit Tieren und Pflanzen vonnöten ist.

Die größte Bedrohung für Amphibien ist der Pilz trotz seiner schrecklichen Wirkung nicht. Am stärksten gefährdet sie der fortschreitende Verlust ihrer Lebensräume. Nach jüngsten Angaben der IUCN gelten 41 Prozent der Amphibien-Arten als bedroht.

wbr



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