Angst vor Pandemie: Erster Schweinegrippe-Fall in Deutschland

Die Schweinegrippe erreicht Deutschland: In Bayern gibt es jetzt den ersten bestätigten Infektionsfall - bei einem Mann aus Regensburg wurde der Erreger festgestellt. Auch in Hamburg sehen Virologen eine Frau hochgradig unter Verdacht, sich in Mexiko mit H1N1 angesteckt zu haben.

München - Die Schweinegrippe ist in Deutschland angekommen. Nach Angaben des bayerischen Gesundheitsministeriums hat sich ein Verdachtsfall bestätigt - das Robert-Koch- Institut habe in Untersuchungen eine Infektion bei einem Patienten aus der Nähe von Regensburg festgestellt. Nähere Einzelheiten will das Ministerium am Vormittag auf einer Pressekonferenz in München mitteilen.

Feuerwehr-Demonstration von Schutzanzügen: Erster Fall in Deutschland
DPA

Feuerwehr-Demonstration von Schutzanzügen: Erster Fall in Deutschland

Außerdem gibt es in Bayern zwei weitere Verdachtsfälle im Raum Donauwörth und im Raum Kulmbach, über die Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) am Vortag informiert hatte. Seither waren die Behörden intensiv damit beschäftigt, Klarheit über eine mögliche Infektion mit dem Virus zu schaffen. Auch in Nordrhein-Westfalen gab es drei Verdachtsfälle.

Im Fall einer jungen Frau aus Hamburg sind sich Virologen laut einem Bericht der "Financial Times Deutschland" bereits sicher, dass es sich um das Virus vom Typ H1N1 handelt. Das endgültige Testergebnis soll am Mittag bekanntgegeben werden. Die Frau wurde am Dienstagmorgen mit hohem Fieber und anderen typischen Symptomen ins Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) eingeliefert. Der Verdacht auf Schweinegrippe sei "hochgradig", zitiert die Zeitung den Leiter der Virologie des Hamburger Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin Stephan Günther: "Sie passt in das Raster."

Wie die Klinik mitteilte, hatte sich die Frau in Mexiko aufgehalten und war nach der Landung in Düsseldorf nach Hamburg zurückgekehrt. Sie wurde im Krankenhaus isoliert, untersucht und mit Medikamenten behandelt. Es gehe ihr den Umständen entsprechend gut, hieß es.

Unterdessen bereitet sich der Münchner Flughafen auf die Ankunft eines Flugzeuges aus Mexiko vor, das gegen Mittag erwartet wird. Der Airbus 330 mit Platz für 275 Passagiere kommt aus Cancun und soll um 12 Uhr landen. Sollten an Bord des Fluges LT 1415 Reisende mit verdächtigen Symptomen sein, wird die Maschine an eine isolierte Abstellposition geleitet. Betroffene sollen dann je nach Ergebnis ärztlicher Untersuchungen in eine Isolierstation gebracht werden.

In Österreich ist ebenfalls mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine 28-Jährige mit dem Schweingrippe-Virus H1N1 infiziert. Das sagte der Leiter des Wiener Universitätsinstituts für Virologie, Franz X. Heinz, im ORF.

Aus etlichen anderen Ländern wurden weitere Verdachtsfälle gemeldet, darunter Frankreich, Belgien, die Schweiz und Chile. Zwei bestätigte Erkrankungen gab es am Dienstagabend in Großbritannien, zwei weitere in Spanien. Bei allen Patienten ist der Zustand jedoch nicht bedrohlich.

In Mexiko stieg die Zahl der wahrscheinlich an dem Virus gestorbenen Menschen indes auf 159. Weitere Krankheitsfälle wurden unter anderem aus den USA, aus Kanada und Costa Rica gemeldet. Der mexikanische Gesundheitsminister José Ángel Córdova setzte die Zahl der bestätigten Todesfälle durch Schweinegrippe hingegen von bislang 20 auf 7 herab. Er verwies darauf, dass für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nur in sieben Fällen die Kriterien erfüllt seien. Bislang hätten die Gesundheitsbehörden 2498 mögliche Infektionen mit Schweinegrippe gezählt, sagte Córdova. Von den Patienten seien 1311 noch im Krankenhaus.

Kalifornien ruft Notstand aus

Die Angst vor der Schweinegrippe legte das öffentliche Leben in Mexiko weitgehend lahm. Schulen und Universitäten blieben weiter geschlossen, in Mexiko-Stadt zudem alle Sportstätten, Kinos und Theater. Lokale durften nur Bestellungen für außer Haus annehmen. Die archäologischen Stätten im Land, darunter weltberühmte Bauwerke der Azteken und Maya, wurden bis auf weiteres geschlossen. Bei einer Parlamentssitzung trugen die Abgeordneten Atemmasken.

In den USA stieg die Zahl der bestätigten Erkrankungsfälle auf 66. Im Bundesstaat Kalifornien rief Gouverneur Arnold Schwarzenegger den Notstand aus, betonte aber, es bestehe kein Anlass zu Alarmismus. Im Bezirk Los Angeles überprüften die Behörden einen Todesfall, der möglicherweise in Zusammenhang mit der Schweinegrippe stehen könnte. In einem weiteren Todesfall wurde H1N1 als Ursache ausgeschlossen. US-Präsident Barack Obama forderte den Kongress auf, rund anderthalb Milliarden Dollar zur Bekämpfung der Schweinegrippe zu bewilligen.

Als erstes zentralamerikanisches Land bestätigte Costa Rica zwei Krankheitsfälle. In Kanada stieg die Zahl der bestätigten Schweinegrippe-Infektionen von 8 auf 13. Zuvor waren bereits Fälle in Neuseeland, Israel sowie in den EU-Mitgliedstaaten Spanien und Großbritannien bestätigt worden.

Treffen der WHO anberaumt

Die WHO berief für Mittwoch ein Treffen ein, bei dem Experten aus den betroffenen Ländern über die Schweinegrippe-Fälle informieren sollten. Außerdem sollte über Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus beraten werden.

In Kanada erhöhte sich die Zahl der bestätigten Infektionen auf 13 und in Neuseeland auf 14, wie die Gesundheitsbehörden mitteilten. In Israel sind ebenfalls zwei Infektionen bestätigt. Auch aus Südkorea wurde ein Verdachtsfall gemeldet. Die betroffene Frau habe sich inzwischen wieder gut erholt, berichtete die Nachrichtenagentur Yonhap am Mittwoch.

Weltweit wurden wegen der Ausbreitung der Krankheit die Sicherheitsmaßnahmen erhöht. Russland, Hongkong und Taiwan erklärten, Durchreisende mit Grippesymptomen würden sofort in Quarantäne eingewiesen. Als erstes Land stellte Kuba am Dienstag den Flugverkehr von und nach Mexiko für 48 Stunden ein. Argentinien erklärte, bis Sonntag würden alle Flüge aus Mexiko ausgesetzt.

Umbenennung der Schweinegrippe?

Nach der EU sprachen sich unterdessen auch die USA für eine Umbenennung der Schweinegrippe aus. Die derzeitige Bezeichnung suggeriere, dass es ein Problem mit Schweinefleischprodukten gebe, sagte Agrarminister Tom Vilsack. Bei der Grippe handele es sich aber nicht um eine Lebensmittelinfektion, und das Virus habe nichts mit dem Konsum von Schweinefleisch zu tun. Die Bezeichnung Schweinegrippe könnte Züchtern wirtschaftlich schaden.

Das Robert-Koch-Institut in Berlin hat eine Hotline zur Schweinegrippe geschaltet. Unter der Telefonnummer 030-187544161 können sich Interessierte bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr informieren. Bei Bedarf soll die Nummer auch am Wochenende und kommende Woche zur Verfügung stehen. Das Gesundheitsministerium in Berlin will am Mittwoch die kostenpflichtige Nummer 01805-996619 für Bürger freischalten.

Forscher arbeiten unterdessen an der Entwicklung eines Impfstoffs gegen die Krankheit. Reiseveranstalter bieten kostenlose Umbuchungen für Touristen an, die Touren nach Mexiko gebucht haben.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

amz/mbe/AFP/dpa

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