Antarktis Gigantischer Eisberg droht Pinguinkolonie auszurotten

Eisberg B09B hat schon öfter Schlagzeilen gemacht, jetzt gilt der Gigant vor der Küste der Antarktis als Pinguin-Killer: Forschern zufolge hat er eine Kolonie um 170.000 Tiere schrumpfen lassen.

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Die Pinguine am Kap Denison in der Commonwealth-Bucht im Osten der Antarktis leiden derzeit nicht nur am Klimawandel, an schmelzendem Eis und schrumpfenden Nahrungsreserven. Ihren Lebensraum bedroht auch ein gewaltiger Eisberg.

Das Monstrum mit dem Namen B09B hat sich zwischen eine einst riesige Brutkolonie und das offene Meer geschoben, und nun verhungern oder flüchten die Tiere augenscheinlich zu Zehntausenden, wie Forscher der University of New South Wales in Australien festgestellt haben.

In einem Artikel (PDF) in der Fachzeitschrift "Antarctic Science" berichten Kerry-Jayne Wilson und ihre Kollegen, die Anzahl der in der Region lebenden Adeliepinguine habe sich im Verlauf weniger Jahre "um eine Größenordnung" reduziert. Im Februar 2011 schätzten Forscher die Zahl der Pinguine am Kap Denison und auf den der Landzunge vorgelagerten Mackellar-Inseln auf Basis von Satellitenbildern noch auf über 90.000 Paare, also über 180.000 Pinguine. Die Zählung, die Wilson und ihre Kollegen im Dezember 2013 durchführten, ergab nur 5500 Paare am Kap Denison und wenige Tausend auf den Mackellar-Inseln.

"Katastrophaler Rückgang"

Binnen weniger Jahre sind demnach etwa 160.000 oder 170.000 Pinguine aus der Gegend verschwunden. Ein "katastrophaler Rückgang", wie die Forscher schreiben.

Den Schuldigen am massenhaften Verschwinden der Vögel glauben die Forscher auch ausgemacht zu haben: Ein Eisberg namens B09B hat sich vor der Küste in der Commonwealth Bay festgesetzt. Das Objekt ist gewaltig, B09B ist nach aktuellen Messungen (PDF) noch heute über 50 Kilometer lang und mehr als 18 Kilometer breit. Seit Wilson und ihre Kollegen die Pinguine in der Region 2013 gezählt haben, ist der Berg damit schon deutlich geschrumpft - im Oktober 2015 brach ein gut 22 Kilometer langer Brocken von ihm ab (PDF), der nun den Namen B09I trägt.

Karte
Beide waren einst Teil eines noch viel gewaltigeren Brockens: Im Jahr 1989 brach der damals B09 benannte Eisberg vom Ross-Schelfeis ab, ein Monstrum von 146 Kilometern Länge und 35 Kilometern Breite. Seitdem ist B09 in diverse Stücke zerbrochen, die nun der Konvention folgend mit angehängten Buchstaben benannt werden. B09B ist der größte davon.

Tote Pinguinküken gefunden

Auf Basis von Satellitenaufnahmen schätzen die Forscher, dass die Tiere wegen des riesigen Hindernisses nun eine Strecke von 60 Kilometern zurücklegen müssen, um an Futter zu kommen. Die Wissenschaftler fanden bei ihrem Besuch in der Region verlassene Nester, zurückgelassene Eier und tote Pinguinküken. Große mit Guano bedeckte Zonen deuteten darauf hin, dass dort noch bis vor Kurzem Zehntausende Tiere gelebt hatten.

Die Forscher zählten zum Vergleich auch die Pinguine einer weit kleineren Kolonie, die viel näher am Rand der Eisfläche liegt, nur 8 Kilometer entfernt vom offenen Wasser. Dort hatte sich die Populationsgröße gegenüber einer Zählung in den frühen Achtzigerjahren kaum verändert.

B09B hat schon mehrmals für Schlagzeilen gesorgt, etwa 2011, als er Touristenschiffen in den Weg geriet, die zum Jahrestag einer berühmten Polarexpedition ein historisches Basislager des Polarforschers Douglas Mawson besuchen wollten - ein eher harmloser Zwischenfall. Schon damals aber warnten Forscher, der Eisberg schneide den Adeliepinguinen den Weg zum Wasser ab.

2010 krachte der Eisberg gegen die 160 Kilometer lange Mertz-Gletscherzunge an der antarktischen Küste und brach so ein Stück von der Größe Luxemburgs davon ab (siehe Fotostrecke), ein neuer Eisberg entstand. Gemeinsam haben die beiden Rieseneisberge nun dafür gesorgt, dass das einst offene Wasser vor diesem Teil der antarktischen Küste sich mit festem Eis bedeckt hat, was die brütenden Pinguine offenbar vor unlösbare Probleme stellt.

Gefährlicher als Eisberge: Der Klimawandel

Wenn B09B sich nicht noch einmal weiterbewegt oder das Eis in der Commonwealth Bay auf andere Weise aufbricht, könnten die Adeliepinguine in dieser Region binnen 20 Jahren vollständig ausgerottet sein, befürchten die Forscher.

Trotz alledem ist B09B bei Weitem nicht die größte Gefahr für die Adeliepinguine, deren Zahl noch in den Neunzigerjahren auf etwa 4,7 Millionen geschätzt wurde. Die Zahl der Tiere schrumpft anderen Forschungsarbeiten zufolge schon seit vielen Jahren - weil durch den Klimawandel das Meereis zurückgeht, das die Tiere zum Brüten nutzen, und zudem die Menge an Krill in den Meeren rund um die Antarktis abnimmt. Krill aber gehört für Adeliepinguine zu den wichtigsten Nahrungsquellen.


Zusammengefasst: Ein Eisberg namens B09B hat sich vor der Küste der Antarktis an einer Stelle festgesetzt, an der bislang Zehntausende Adeliepinguine brüteten. Weil er den Tieren den Zugang zum offenen Meer versperrt, droht die dortige Brutkolonie auszusterben.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
G-Punkt 13.02.2016
1. tun mir leid
Mir tun diese Tiere leid, obwohl das rohe Natur ist, und nicht das erste Mal seit den Zugmillionen von Jahren, in denen die Antarkis vereist ist, passiert. Aber andere Nachrichten sind mir verleidet.
gucky2009 13.02.2016
2.
Pre-ElNino 15/16. Aktuell ist die Eisausehnung relativ gering (http://nsidc.org/data/seaice_index/images/daily_images/S_stddev_timeseries.png)
Mondaugen 13.02.2016
3. Wandel
Schon Darwin stellte fest, dass nichts beständiger ist als der Wandel, und so müssen sich nun eben auch in der Antarktis die Pinguine umorientieren. Selbst wenn dann eine Kolonie ausstirbt, wird es an anderer Stelle neue Populationen geben.
jamguy 13.02.2016
4.
Zitat von G-PunktMir tun diese Tiere leid, obwohl das rohe Natur ist, und nicht das erste Mal seit den Zugmillionen von Jahren, in denen die Antarkis vereist ist, passiert. Aber andere Nachrichten sind mir verleidet.
Es geht hand in Hand als nächstes sind dann die Seeleoparden dran und die sieht man selten und kann es nicht nachvollziehen?
robinlott 14.02.2016
5. Kann man etwas tun?
Da die Lage der Pinguine offenbar dramatisch ist: Gibt es denn keine Möglichkeit, den Pinguinen zu helfen?
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