Radar-Analysen Forscher finden gigantischen Hohlraum in Antarktis-Gletscher

Das Tauen des Thwaites-Gletschers in der Antarktis ist bereits jetzt für etwa vier Prozent des globalen Meeresspiegelanstiegs verantwortlich. Was hat es mit dem gewaltigen Hohlraum auf sich, den Forscher unterm Eis entdeckten?

Thwaites-Gletscher
NASA / OIB / Jeremy Harbeck

Thwaites-Gletscher


Das Loch nimmt zwei Drittel der Fläche von Manhattan ein und ist fast 300 Meter hoch: Im Thwaites-Gletscher in der Westantarktis haben Forscher der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa einen gewaltigen Hohlraum gefunden.

Die Region um den Gletscher ist dafür bekannt, dass sie viel Eis verliert. Zu Beginn der Untersuchung gingen die Forscher daher bereits davon aus, dass sie am Gletscherende einige Lücken zwischen Eis und Untergrund finden würden, berichtet die Nasa in einer Mitteilung. Die Größe und das extrem schnelle Wachstum des Hohlraums überraschten sie dann aber doch.

Das entstandene Loch fasste einst 14 Milliarden Tonnen Eis - der Großteil davon sei innerhalb der vergangenen drei Jahre abgeschmolzen, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin "Science Advances" nach der Auswertung verschiedener Radaraufnahmen.

Der Endbereich des Gletschers, wo sich der Hohlraum gebildet hat, ist besonders empfindlich, weil dort wärmeres Meerwasser zum Eis vordringen und es von unten abschmelzen kann. Entsteht dabei ein großes Loch, beeinflusst das auch die Zukunft des Gletschers. "Da mehr Wärme und Wasser unter den Gletscher gelangen, schmilzt er schneller", sagt Pietro Milillo vom Jet Propulsion Laboratory der Nasa in Pasadena.

Für vier Prozent des Meeresspiegelanstiegs verantwortlich

Der Thwaites-Gletscher ist ungefähr so groß wie der US-Bundesstaat Florida und derzeit für etwa vier Prozent des globalen Meeresspiegelanstiegs verantwortlich. Würde er komplett abschmelzen, wäre ein Meeresspiegelanstieg von 65 Zentimetern die Folge. Außerdem stabilisiert der Thwaites weitere Gletscher, deren vollständiges Abschmelzen den Meeresspiegel laut Nasa um 2,4 Meter anheben würde.

Forscher wollen die abgelegene Region in den kommenden Jahren weiter untersuchen, um die Vorgänge am Gletscher besser zu verstehen und exakte Prognosen für deren Entwicklung treffen zu können.

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Der Gletscher entwickelt sich an verschiedenen Seiten unterschiedlich. An der Westseite, wo sich auch der große Hohlraum befindet, schwankt die Grundlinie mit Ebbe und Flut derzeit zwischen drei und fünf Kilometern. Die Grundlinie ist der Punkt, an dem der Gletscher beginnt, auf Meerwasser zu schwimmen.

Furche verändert Grundlinie

Durch eine Furche im Gestein löst sich der Gletscher immer weiter von der Landmasse - die Grundlinie zieht sich seit 1992 jedes Jahr 0,6 bis 0,8 Kilometer zurück. Gleichzeitig schmilzt das Eis in dem Bereich extrem schnell.

An der Ostseite des Gletschers sieht es etwas anders aus. "Der Rückzug der Grundlinie erfolgt dort über viele kleine Wasserkanäle", erklärt Milillo. Man könne sie sich vorstellen wie Finger, die unter den Gletscher reichen, um ihn von unten abzuschmelzen.

In dieser Region hat sich die Geschwindigkeit, mit der sich die Gletscherlinie zurückzieht, verdoppelt - von 0,6 Kilometern pro Jahr im Zeitraum 1992 bis 2011 auf 1,2 Kilometer pro Jahr von 2011 bis 2017. Trotzdem schmilzt der Gletscher hier langsamer als an der Westseite.

Zuletzt gab es wiederholt Berichte über die Eisschmelze in der Antarktis. Mitte Januar warnten Forscher etwa, dass der bisher für recht stabil gehaltene Osten des Kontinents deutlich mehr Eis verliert als bislang angenommen.

jme



insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
blödbacke 31.01.2019
1. Kein linearer Anstieg
Ich habe den Eindruck, dass die Eisschmelze nicht linear ansteigt, sondern eher exponentiell oder logarithmisch?
Oliver Sprenger de Montes 31.01.2019
2.
Klar, das ist ein sich selbst verstärkender Prozeß, weil durch das Verschwinden des Eises auch die Albedo der Antarkis geringer wird. Wir werden noch unser blaues Wunder erleben …
dunnhaupt 31.01.2019
3. Wenig überraschend für erfahrene Geophysiker
Die Antarktis hat ebenso wie Island diverse aktive Vulkane und heiße Quellen unter dem Eis. Was diese Klimaforscher zu verwirren scheint, ist der Geophysik längst bekannt: Das Eis wird von unten abgeschmolzen.
willibaldus 31.01.2019
4.
Zitat von blödbackeIch habe den Eindruck, dass die Eisschmelze nicht linear ansteigt, sondern eher exponentiell oder logarithmisch?
Es scheint sich zu beschleunigen. Zu mehr reicht die Beobachtungszeit und Qualität nicht. Auch scheinen Annahmen, die in der Vergangenheit beruhigten, nicht zu stimmen. Etwa die Stabilität der Ostantarktis, die ist nicht so groß, wie gedacht.
shadock 01.02.2019
5.
Ich bin wirklich gespannt, wie lange es noch dauert, bis sich derartige Meldungen im politischen Tagesgeschäft Deutschlands niederschlagen und Konsequenzen in Sachen CO²-Reduktion tatsächlich umgesetzt werden. Ich fürchte es wird erst ernsthaft reagiert, wenn die Niedersachen, Niederländer und Dänen in die höher gelegenen Regionen Deutschlands emigrieren und dort um Wohncontainer mit den aus dem Süden kommenden Mittelmeeranrainern konkurrieren, die es dort wegen der Hitze und ebenso nasser Füße nicht mehr aushalten. Dann ist es allerdings wohl zu spät.
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