Fotografierende Robben in der Antarktis Sonderbare Lebensform, bitte lächeln!

Unter dem Eis am Rand der Antarktis haben deutsche Forscher überraschende Lebensformen gefunden - dank tierischer Hilfe: Sie ließen Robben mit Kameras in eine kaum erforschte Welt tauchen.

Alfred-Wegener-Institut/ C. Oosthuizen

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Der Weg in die Einsamkeit ist erst einmal ziemlich stressig. Erst ab Kapstadt mit einer Iljuschin IL-76 zur russischen "Novo"-Basis. Dann mit einer DC-3 weiter zur deutschen Station "Neumayer III". Anschließend auf den Eisbrecher "Polarstern". Von dort schließlich mit dem Hubschrauber weiter auf das Eis, zusammen mit zehn Tonnen Ausrüstung.

Und dann: nichts mehr. Gar nichts.

"Plötzlich wird es still um einen herum, das ist der erste Moment, in dem man wirklich wahrnimmt, wo man ist", sagt Horst Bornemann, wenn man ihn in der Antarktis anruft. "Man steht auf dem Eis, bis zum Horizont ist alles weiß. Da begreift man, dass man allein ist."

Später kommen dann die Geräusche wieder, das Brummen der Generatoren und der drei Motorschlitten zum Beispiel. Das kleine Camp erwacht dann zum Leben: Man lebt in zwei knallroten Glasfaser-Iglus, eines zum Kochen, eines als Schlafplatz für zwei Wissenschaftler. Ein weiteres Zelt dient als Werkstatt und als Unterkunft für zwei weitere Männer. Dann noch ein Toilettenzelt - das war's.

Und natürlich das Depot mit 600 Litern Flugzeugsprit. Damit ein Evakuierungsflug, wenn nötig, nicht nur das Eiscamp erreichen kann - sondern von dort auch wieder wegkommt.

Eiscamp nach starker Schneedrift: "Plötzlich wird es still um einen herum"
Alfred-Wegener-Institut/ Dominik Nachtsheim

Eiscamp nach starker Schneedrift: "Plötzlich wird es still um einen herum"

Mit drei Kollegen hat Meeresbiologe Bornemann vom Alfred-Wegener-Institut gerade einen Monat an einem der einsamsten Orte der Erde verbracht, dem Riiser-Larsen-Schelfeis. Das ist eine über 400 Kilometer lange Eistafel am Rand der Antarktis. Dort haben die Forscher das Leben unter dem Eis untersucht, auch dank tierischer Hilfsarbeiter. "Der Lebensraum unter dem Schelfeis gehört zu den am wenigsten erforschten Gebieten der Erde", sagt Bornemann.

Um das zu ändern, haben er und seine Kollegen Messgeräte auf den Köpfen von zuvor betäubten Weddellrobben befestigt. Mit ihnen können die Forscher die bis zu 400 Kilogrammm schweren Tiere bis zum nächsten Fellwechsel in einem Jahr beim Tauchen verfolgen. Dann wird die Technik zusammen mit dem alten Fell einfach abgeworfen.

Tauchen in 600 Metern Tiefe

Vier Robben tragen nun für die kommenden zwölf Monate einen Sender auf dem Kopf, von dem die Forscher hoffen, dass er auch so lange durchhält. Er meldet sich bei einem amerikanisch-europäischen Satellitenverbund, wenn ein Tier nach einem Tauchgang für ein paar Minuten zum Luftholen an die Oberfläche kommt. Dann werden die bis dahin gesammelten Daten übermittelt. Weddellrobben können bis zu 600 Meter tief tauchen und eine Stunde unter Wasser bleiben.

Weddellrobbe in ihrem Atemloch: "Entspanntes Temperament"
Alfred-Wegener-Institut/ Joachim Plötz

Weddellrobbe in ihrem Atemloch: "Entspanntes Temperament"

Die Forscher statteten auch einige der Meeressäuger mit Infrarotkameras aus. Hier waren die gesammelten Datenmengen allerdings so groß, dass eine Übertragung per Satellit nicht in Frage kam - auch wenn die Fotos häufig dasselbe zeigten: "Auf tausend Bildern sieht man schwarzes Wasser, auf ein oder zwei Bildern sieht man dann vielleicht Lebensformen."

Bornemann und seine Kollegen mussten die Tiere nach ihren Tauchgängen wiederfinden und ihnen die Kameras abnehmen. Kein leichter Job. Immerhin zwei Mal gelang er auf der aktuellen Expedition. "Die Wedellrobbe hat ein entspanntes Temperament", sagt Bornemann. Die stahlgrauen, rund zweieinhalb Meter langen Tiere haben am Rand des Packeieses keine natürlichen Feinde. Für die Forscher ist das praktisch: "Wenn man sich ruhig verhält und keine hektischen Bewegungen macht, nehmen sie einen als natürlichen Bestandteil der Umgebung hin."

Hinweise auf ein kaum bekanntes Ökosystem

Die Öffentlichkeit nimmt die Arbeit von Wissenschaftlern meist wahr, wenn sie Artikel in Fachzeitschriften publizieren, wenn sie Vorträge halten oder Preise bekommen. Doch den größten Teil seiner Zeit verbringt ein Forscher mit ganz alltäglichen Dingen. Im Fall von Horst Bornemann und seinen Kollegen hieß das: mit den Motorschlitten durchs ewige Weiß vom Schelf- aufs Meereis fahren, zehn Kilometer one way, das Camp stundenlang vom Schnee befreien, wenn der Wind wieder gewütet hatte, Löcher fürs Forschungsgerät ins mehr als einen Meter dicke Meereis graben - und sie, nach jedem Sturm, wieder vom Schnee freischaufeln. Und so weiter.

Robbenforscher Bornemann: "Hängende Gärten unter dem Eis"
Alfred-Wegener-Institut/ Markus Eser

Robbenforscher Bornemann: "Hängende Gärten unter dem Eis"

Aber der Aufwand hat sich gelohnt: Die Robbenkameras lieferten den Forschern Hinweise auf ein bisher kaum bekanntes Ökosystem am Rand des Antarktischen Ozeans. Die Aufnahmen belegen: An der Unterseite des Schelfeieses leben, jenseits von 50 Metern Wassertiefe, größere Mengen Asseltiere. An manchen Stellen hätten die Meeresbewohner dicht an dicht gesessen, dann habe es aber auch wieder Lücken gegeben. Bornemann spricht trotzdem von "hängenden Gärten unter dem Eis".

Die hellen Krebstierchen seien vergleichbar mit Krill und bis zu fünf Zentimeter groß. Ob sie den Robben als Nahrung dienen, ist - obwohl durchaus plausibel - bisher noch nicht erwiesen. Auch ob die Art schon bekannt ist, wissen Bornemann und seine Kollegen derzeit noch nicht. Das sollen molekularbiologische Untersuchungen klären.

Die Wissenschaftler bereiten dazu eine wissenschaftliche Veröffentlichung vor. Deswegen sind sie auch noch zurückhaltend, wenn man sie nach Fotos der Asseltiere fragt. Ihr größter Schatz sind die Exemplare, die sie unter dem Eis einsammeln konnten, mit Hilfe eines ferngesteuerten Unterwasserroboters. Ein Loch für dessen Einsatz ins Eis zu schneiden, habe allein fünf Tage gedauert, berichtet Bornemann: "Das hat richtig viele Nerven gekostet."

Derzeit sind die Forscher auf dem Rückweg aus der Einsamkeit nach Hause. Im nächsten Südsommer will Bornemann wiederkommen, diesmal mit dem Schiff. Seine Kollegen und er haben gerade erst begonnen, die Geheimnisse der Welt unter dem Schelfeis zu erkunden.



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