Geheimnisvolle Struktur Forscher lösen antarktisches Eisrätsel

Eine große, ringförmige Bruchstelle im Eis der Ostantarktis ließ Forscher rätseln: War dort ein riesiger Meteorit niedergegangen? Nun glauben sie zu wissen, was wirklich geschah.

Sanne Bosteels

Das merkwürdige Ding war mit bloßem Auge gut zu erkennen: Aus dem Fernster des deutschen Forschungsflugzeugs "Polar 6" entdeckten Forscher in den Weihnachtstagen des Jahres 2014 zufällig eine etwa zwei Kilometer messende kreisförmige Struktur im König-Baudouin-Eisschelf der Antarktis.

Tiefe Risse waren dort im Eis zu sehen - und die Wissenschaftler spekulierten darüber, dass der Einschlag eines Hunderte Tonnen schweren Meteoriten schuld daran gewesen sein könnte.

"Niemand in unserem Team ist Experte für Impakt-Prozesse", bemühte sich der britische Expeditionsleiter, der Geophysiker Graeme Eagles, damals in einer Mail an SPIEGEL ONLINE um Vorsicht. Die gefundene Struktur erinnere tatsächlich an andere Einschlagkrater auf der Erdoberfläche. Man wisse aber auch, dass das allein nicht als Beweis für einen Impakt ausreiche.

Und tatsächlich war wohl kein kosmischer Brocken auf Crashkurs mit der Erde schuld an den beobachteten Rissen im Eis. Im Fachmagazin "Nature Climate Change" berichtet Forscher Jan Lenaerts von der Universität im niederländischen Utrecht nun stattdessen von einer anderen Erklärung: Forscher gehen davon aus, dass im Bereich der gefundenen Struktur einst ein großer Schmelzwassersee auf dem Eis schwappte.

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Antarktis: Risse im Eis

Nach Ansicht der Forscher handelt es sich bei der Ringstruktur um eine sogenannte Eisdoline. "Sie entsteht, wenn sich Schmelzwasser im Inneren oder nahe der Oberfläche eines Gletschers ansammelt, an seiner Oberseite wieder friert, das Wasser darunter aber nach unten abfließt", erklärt Olaf Eisen vom Alfred-Wegener-Institut, der an der aktuellen Studie beteiligt war. "Dann entsteht im Gletscher ein Hohlraum, dessen Decke irgendwann einstürzt."

"Das kann auf Dauer das Schelfeis schwächen"

Solche Eistrichter kennen Wissenschaftler bereits aus Grönland und vom Schelfeis vor der Antarktischen Halbinsel. Für die Ostantarktis ist der Fund dagegen ein Novum. Mittlerweile ist aber auch klar, dass die Ringstruktur seit mindestens 1989 existiert. Das belegten alte Satellitenbilder aus dieser Zeit, so Eisen. Darauf hatte bereits sein Kollege Eagles unmittelbar nach dem Fund hingewiesen.

Die Forscher vermuten, dass das Schmelzwassersystem, das für die Entstehung der Eisdoline verantwortlich war, empfindlich auf Veränderungen der Umweltbedingungen reagieren könnte: Sogenannte katabatische Winde wehen vom Hochplateau des antarktischen Inlandeises in Richtung Küste. Direkt am Übergang zwischen Festlandeis und dem auf dem Wasser liegenden Schelfeis werde der auf dem Eis liegende Schnee besonders stark verwirbelt.

"Das dadurch teilweise offen liegende feste Eis ist dunkler als der weiße Schnee und absorbiert folglich mehr Sonnenenergie - die Oberfläche wird stärker erwärmt", sagt Forscher Eisen. Normalerweise reichten die kalten Jahresmitteltemperaturen aus, damit das Wasser schnell wieder friert. Wenn es allerdings zu warm werde, bilde sich so viel Schmelzwasser, dass es sich durch das Schelf seinen Weg ins Meer suche. "Das kann auf Dauer das Schelfeis schwächen und instabiler machen" , warnt Eisen.

chs



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