Antarktis Meeresforscher finden geheimnisvollen Ur-Kraken

Der Kopffüßer, der aus der Kälte kam: Aus den eisigen Gewässern der Antarktis haben sich die Kraken über die Weltmeere verbreitet. Das glauben Wissenschaftler, die nun einen engen Verwandten heute lebender Tiere aufgespürt haben wollen.


Seit 2000 ziehen sie Jahr für Jahr los, die Forscher des " Census of Marine Life"-Projekts, mit einer fast unlösbar scheinenden Aufgabe: In einer Welt, die sich durch den Klimawandel immer stärker ändert, arbeiten sie an einer Bestandsaufnahme der Meere. Ob in flachen, badewannenwarmen Tropengewässern, in den Tiefen des sturmgepeitschen Nordatlantiks oder in den eisigen Meeresgebieten der Antarktis, sie haben ein Ziel: Neue Arten entdecken, bevor diese - im schlechtesten Fall - aussterben. Rund 2000 Wissenschaftler arbeiten derzeit an der Katalogisierung der Meereswelt.

Und eigentlich immer, wenn sie vor die Presse treten, haben sie höchst interessante Neuigkeiten zu verkünden. Bislang wurden bei dem Projekt rund 110 neue Arten entdeckt (siehe Fotostrecke), weitere 5300 Verdachtsfälle werden noch geprüft. Nun ist den Meeresbiologen wieder einmal ein ganz besonderer Fang ins Netz gegangen: Ein Krake, der eng mit dem Urahn aller Krakenarten der Erde verwandt sein soll.

Wie seine Vorfahren lebt auch die neu entdeckte Art tief im Süden, in den kalten und klaren Gewässern vor der antarktischen Eiswelt. Megaleledone setebos heißt das Tier, das am engsten mit dem Ur-Kraken verwandt sein soll. Am liebsten hält sich der Krake in verhältnismäßig flachem Wasser auf. Jan Strugnell vom British Antarctic Survey in Cambridge habe die Verwandtschaftsverhältnisse mit Hilfe von Genanalysen geklärt, berichtet die BBC auf ihrer Web-Seite. Demnach hätten sich die Kopffüßer vor rund 30 Millionen Jahren aufgemacht, um die Weltmeere zu erobern.

Schuld daran sei die wachsende antarktische Eisbedeckung gewesen, die zu Änderungen in den Meeresströmungen geführt habe. Als sich in den Gewässern vor der Antarktis mehr und mehr Eisschollen gebildet hätten, sei das darunter übriggebliebene Wasser immer salziger geworden und damit schwerer. Dadurch sei ein Strom von sauerstoff- und nährstoffreichem Wasser entstanden, der die Kraken nach Norden gebracht habe.

Dort hätten sich dann zahlreiche neue Arten gebildet, die sich an ihre jeweiligen neuen Lebensräume angepasst hätten. Trickser, Täuscher, Mörder - all das gibt es unter den Kraken. Doch nicht alle konnten etwas mit ihrem antarktischen Erbe anfangen. So hätten bestimmte Tiefseekraken ihre früher zur Verteidigung eingesetzten Tintensäcke einfach nicht mehr benötigt - weil es in ihrer neuen Heimat, der Tiefsee, viel zu finster für derartige Verschleierungstaktiken gewesen wäre. Dafür sind Tiefseetintenfische auf einen neuen Trick verfallen: Sie jagen mit Licht.

chs



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.