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Defekter Antrieb: Forschungsschiff "Polarstern" muss Expedition abbrechen

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"Polarstern" (Archivbild): "Keine Gefahr für Schiff und Besatzung" Zur Großansicht
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"Polarstern" (Archivbild): "Keine Gefahr für Schiff und Besatzung"

Der deutsche Forschungseisbrecher "Polarstern" hat eine Panne in der Antarktis und muss nach Hause in die Werft. Doch vorher muss noch eine Forschungsstation beliefert werden - sofern Eis und Wetter mitspielen.

Normalerweise ist die "Polarstern" ein ziemliches Kraftpaket. Der 118 Meter lange deutsche Forschungseisbrecher kann mit fünf Knoten, also knapp zehn Kilometern pro Stunde, noch anderthalb Meter dicke Schollen aus dem Weg räumen. Immerhin haben die vier Dieselmotoren eine Gesamtleistung von rund 20.000 PS. Doch derzeit hat das Schiff massive Probleme mit dem Antrieb - und muss so schnell wie möglich zur Wartung nach Bremerhaven.

Betroffen ist ein Hydrauliksystem im linken Antriebsstrang der "Polarstern". Das verstellt eigentlich die Flügel an den Propellern des 32 Jahre alten Schiffes - und steuert damit, wie schnell es vorwärts oder rückwärts geht. Doch nun ist die Anlage kaputt. "Weder in Chile noch in Südafrika finden wir eine Werft, die das so schnell repariert", sagt Rainer Knust, der wissenschaftliche Koordinator der "Polarstern", im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Also geht's über fünf Wochen zurück nach Deutschland, mit einem Zwischenstopp im südafrikanischen Kapstadt. (Die aktuelle Position der "Polarstern" finden Sie hier.)

Das Schiff ist nur noch mit halber Kraft in der Antarktis unterwegs. Es liegt derzeit in einer kleinen Bucht, die dank einiger auf Grund gelaufener Eisberge frei von treibenden Eisschollen ist. Dass die "Polarstern" eingeschlossen werden könnte, glaubt Koordinator Rainer Knust nach eigenem Bekunden nicht - obwohl die Bedingungen gerade in diesem Jahr als besonders schwierig gelten: "Wir sehen keine Gefahr für Schiff und Besatzung." Die Crew der "Polarstern" werde Rinnen im Eis dazu nutzen, möglichst kraftsparend in wärmere Gefilde zu navigieren.

Bevor sie sich auf den Rückweg macht, muss die Besatzung aber noch die Vorräte der deutschen Antarktis-Forschungsstation "Neumayer III" auffüllen. Wichtig ist vor allem neuer Treibstoff. Dazu ist das Schiff in der Atka-Bucht möglichst nahe an die antarktische Schelfeiskante gefahren. Doch allein dort zu bleiben, ist mit dem stark beschädigten Antrieb alles andere als einfach. Ein Teil der Versorgungsgüter wurde deswegen über das Meereis ausgeladen.

Nächster Versuch am Donnerstag

Neben der Eisdrift erschwert ein mächtiger Sturm aus Osten die Arbeiten. Das Umladen von Treibstoff musste deswegen abgebrochen werden. Erst ein Drittel der benötigten 180 Tonnen Sprit konnten bisher zur Station gepumpt werden. Von "Neumayer III" aus lässt sich die Eiskante mit Pistenbullis aktuell nicht erreichen - weil im Schneesturm ein sogenannter Whiteout drohen würde, also der komplette Orientierungsverlust.

Ab Donnerstag soll es nun einen neuen Versuch geben, den restlichen Treibstoff umzupumpen. Dazu muss ein Schlauch mit Hilfe eines Hubschraubers von Bord der "Polarstern" auf das 30 Meter hohe Schelfeis gehoben werden - und das geht nur bei gutem Wetter. "Jeder Tag, der in die Logistik geht, fehlt als wissenschaftlicher Forschungstag", sagt Olaf Boebel, AWI-Fahrtleiter der Expedition an Bord des Schiffes, im Interview über das Satellitentelefon.

Für die Wissenschaftler an Bord der "Polarstern" ist der Abbruch der aktuellen Mission extrem ärgerlich. "Wir versuchen, das Beste daraus zu machen", sagt Boebel, "aber man ist hier unten einfach sehr stark von der Umwelt abhängig."

In den vergangenen Tagen hat der Ozeanograph das wissenschaftliche Programm immer wieder umgeplant, damit die Forscher noch möglichst viele Daten sammeln konnten: Die Meereisphysiker mussten auf andere Eisschollen ausweichen als ursprünglich geplant, die Biologen ihre Krillproben woanders einsammeln. Es gehe auch darum, die Daten für ein halbes Dutzend Doktoranden zusammen zu bekommen, deren Promotionen direkt von dieser "Polarstern"-Expedition abhängen, sagt Boebel.

Nächste Expedition komplett abgesagt

Noch schwerwiegender ist jedoch die komplette Absage der kommenden Expedition des Schiffes. Die sollte eigentlich ab Februar den Boden der Amundsensee in der Antarktis untersuchen. Das Wasser in dem Gebiet erwärmt sich derzeit um 0,1 bis 0,3 Grad Celsius pro Jahrzehnt, das Schelfeis schmilzt deswegen von unten. Wer die Zukunft des Eises in der Region verstehen will, muss auch die Vergangenheit kennen. Für Forschungen dazu hat die "Polarstern" eigentlich das Bohrgerät "MeBo" vom Forschungszentrum Marum an der Universität Bremen an Bord. Es sollte bis zu 80 Meter lange Bohrkerne vom Meeresboden der Pine-Island-Bucht holen - und so die Vereisungsgeschichte des Westantarktischen Eisschildes über mehrere Millionen Jahre rekonstruieren helfen.

Bisher gibt es nur zehn Meter lange Bohrkerne aus der Region, die Forscher nur um die 20.000 Jahre zurück schauen lassen. Nun müssen die Geophysiker wohl noch eine Weile auf bessere Daten warten.

Die Experimente auf der "Polarstern" werden lange Zeit im Voraus geplant, das Schiff ist rund 310 Tage pro Jahr auf See. Viel Luft ist da nicht, um Verpasstes nachzuholen. "Noch ist nicht aller Tage Abend", versichert AWI-Mann Knust. Man habe Möglichkeiten, das Programm zu gestalten - nach dem Herbst 2016, bis dahin ist schon alles festgezurrt.

Der Antriebsschaden der "Polarstern" wird wohl zu reparieren sein. Trotzdem ist er eine Erinnerung daran, dass das Arbeitspferd der deutschen Polarforscher schon mehr als drei Jahrzehnte auf dem Buckel hat - und bald abgelöst werden sollte. Die Vorarbeiten laufen derzeit: Bis Ende März können sich Werften in ganz Europa um den Auftrag bewerben, im Sommer müssen sie konkrete Pläne vorstellen - und im Jahr 2019 soll der neue deutsche Forschungseisbrecher dann fertig sein.

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels fand sich die deutsche Antarktis-Station in einer falschen Schreibweise. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 12 Beiträge
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    Seite 1    
1. Georg von Neumayer
udo.friess 07.01.2015
Die deutsche Antarktisstation wurde nach dem Polarforscher Georg von Neumayer benannt und schreibt sich folglich nicht "Neumeyer"
2.
christoph.seidler 07.01.2015
Zitat von udo.friessDie deutsche Antarktisstation wurde nach dem Polarforscher Georg von Neumayer benannt und schreibt sich folglich nicht "Neumeyer"
Stimmt! Wir bitten den Fehler zu entschuldigen - und haben korrigiert.
3.
sagichned 07.01.2015
"Das Wasser in dem Gebiet erwärmt sich derzeit um 0,1 bis 0,3 Grad Celsius pro Jahrzehnt, das Schelfeis schmilzt deswegen von unten." Was für ein Schwachsinn. Sowas kann keiner ernstnehmen, der Schon mal tatsächlich mit Thermometern gearbeitet hat und selbst etwas messen musste. Selbst unter Laborbedingungen sind Messungen mit der Zehntel Genauigkeit eine Seltenheit. Und die Leute wundern sich immer noch, dass man sie für Pseudowissenschaftler hält.
4. Für Doktoranden ?
diefreiheitdermeinung 07.01.2015
"Es gehe auch darum, die Daten für ein halbes Dutzend Doktoranden zusammen zu bekommen, deren Promotionen direkt von dieser "Polarstern"-Expedition abhängen, sagt Boebel." - bei aller Sympathie, aber ist das nicht ein Luxusproblem ? Soviel Aufwand für 6 Doktoranden und zig-Millionen fehlen an anderen Stellen im Forschungs- und Universitätshaushalt ? Nur um die tägliche Klimaänderungs-Sau mit "neuen Erkenntnissen" wieder durchs Dorf jagen zu können ?
5. Oh die Experten sind auch schon da.
enzo canuzzi 07.01.2015
Die natürlich auch alle Superdis Ahnung haben. Herrlich! Fast wie beim Fussball. Und sie kennen sich alle natürlich viel besser aus, als der Trainer.
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