Archäologie in Mexiko Die Fremden in Teotihuacán

Vor knapp 2000 Jahren war Teotihuacán eine der größten Städte der Welt. Wer aber dort herrschte, ist ungeklärt. Nun haben Forscher Spuren von fremden Adligen in dem Ort entdeckt. Was machten die dort?

AFP

Von


Die mächtige Sonnenpyramide von Teotihuacán beeindruckt täglich Tausende Besucher. Das mit über 60 Metern Höhe größte Bauwerk der Ruinenstadt bei Mexiko-City lässt erahnen, wie gigantisch die Metropole mit ihren vielen Stadtvierteln und Straßen einst gewesen sein muss.

Schon lange wissen Forscher, dass die bis zu 20 Quadratkilometern große Stadt zu ihrer Blütezeit ab dem dritten Jahrhundert nach Christus die größte auf dem gesamten amerikanischen Doppelkontinent war. Nach vorsichtigen Schätzungen dürften in der wie auf einem Schachbrett geplant und erbauten Stadt wohl weit über 150.000 Einwohner gelebt haben.

Doch seit Jahren treibt eine Frage die Archäologen um: Wer regierte die frühzeitliche Megacity im weitläufigen Tal, etwa 45 Kilometer nordöstlich der mexikanischen Hauptstadt einst? Die Maya, die ihre Stadtstaaten etwa zeitgleich Hunderte Kilometer weiter südlich ausdehnten, berichteten in ihren Hieroglyphen ausgiebig über ganze Herrscherdynastien. Zudem fanden Forscher nahezu in jeder Stadt Königsgräber.

In Teotihuacán dagegen finden sich zwar Spuren von Eliten, doch wer sie waren, ist unbekannt. Seit Jahren graben sich Forscher durch Tunnelsysteme unter der Stadt, seit Jahren hoffen sie auf ein Königsgrab - bisher vergeblich. Noch immer ist ungeklärt, wer den Ort einst regierte.

Nun berichten Forscher über interessante Entdeckungen in Teotihuacán. Bei einem vierjährigen archäologischen Projekt fanden sie Hinweise darauf, dass dort einst Eliten der Maya lebten. Die neuen Erkenntnisse wurden nun vom Nationalen Institut für Anthropologie und Geschichte (INAH) in Mexiko veröffentlicht.

Laut INAH hat ein Archäologen-Team um Saburo Sugiyama von der Arizona State University unter anderem die Überreste eines Wandbildes im Maya-Stil sowie rituell niedergelegte Figuren, Jadestücke und Fragmente von Maya-Keramik gefunden. Alle Funde wurden um die Plaza de las Columnas gemacht, dieses Areal liegt zwischen der der Sonnen- und der Mondpyramide, unweit der Straße der Toten, der Hauptachse der Stadt. Dort gruben die Archäologen unter anderem alte Brunnen und einen Tunnel aus.

Die Forscher vermuten, dass das Viertel bis mindestens 350 nach Christus für administrative und zeremonielle Aktivitäten genutzt wurde und den Teotihuacán-Eliten wohl auch als Wohnviertel diente. Doch Art und Datierungen der Funde zeigten auch: Hier lebten Maya-Adlige.

SPIEGEL.TV

Offenbar waren sie nicht nur Gäste in der Stadt. "Ihre Anwesenheit war nicht nur kurzfristig für etwa ein religiöses Ritual, sie lebten hier dauerhaft", sagt Sugiyama, der seit fast vier Dekaden hier gräbt. Er hat ein Gebäude am nördlichen Rand des Gebiets ausgemacht, das über einen längeren Zeitraum von hochgestellten Maya genutzt worden sein könnte und an dem das Wandbild wohl angebracht war.

Sein Team fand über 500 Fragmente des Kunstwerks in etlichen Farben. Bisher konnte es noch nicht komplett zusammengesetzt werden. Doch schon jetzt ist sich der Japaner sicher: Nur ein hochgestellter Maya-Künstler und Schreiber kann das mit typischen Maya-Glyphen aus dem Tiefland versehene Werk gefertigt haben. Einfache Händler wären dazu nicht in der Lage gewesen. Offenbar gab es in Teotihuacán eine Allianz zwischen den Eliten der Stadt und Maya-Adligen.

Fotostrecke

7  Bilder
Mexiko: Auf der Spur der Zapoteken

Dass es zwischen der Maya-Region und Teotihuacán eine Zeit lang regen Kontakt gab, ist schon länger bekannt. Allerdings verlief der nach bisherigen Daten eher einseitig. Im Süden zeigte man sich beeindruckt von der Megastadt in Zentralmexiko, das zeigen archäologische Funde etwa in Tikal. Allerdings belegen sie auch: Das geschah nicht ganz freiwillig - zumindest teilweise.

Dort, im Urwald des heutigen Guatemala, übernahmen im vierten Jahrhundert nach Christus Teotihuacános die Macht, nachdem eine Armee den Ort eroberte. Doch vermutlich gab es Unterstützer der Invasion auf Seiten der Maya, glauben einige Forscher. Jedenfalls lebten in der Folgezeit wohl Menschen aus der zentralmexikanischen Metropole im Maya-Tiefland. Selbst der typische Architekturstil aus dem Norden fand sich nun für einige Jahre in den Tempeln der Maya wieder.

Doch umgekehrt gab es in Teotihuacán bisher eher spärliche Belege für eine Anwesenheit oder den Einfluss von Menschen aus dem Süden. Die neuesten Funde zeigen nun sehr viel klarer: Offenbar hat man die Maya-Kunst auch in Teotihuacán geschätzt. Und ihre Erschaffer zum Bleiben eingeladen.



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.