Arktis: Bohrkerne belegen rasante Erderwärmung

Der Temperaturanstieg der vergangenen Jahrzehnte ist beispiellos in der Erdgeschichte. Anhand der Bohrkerne aus Sedimentschichten eines arktischen Sees haben Forscher belegt, dass es in den letzten 200.000 Jahren keine vergleichbare Wärmeperiode gegeben hat.

Bohrkernproben: Anhand der Sedimentschichten eines arktischen Sees haben Forscher die Geschichte des Klimas der letzten 200.000 Jahre rekonstruiert. Zur Großansicht
Jason Briner / University at Buffalo

Bohrkernproben: Anhand der Sedimentschichten eines arktischen Sees haben Forscher die Geschichte des Klimas der letzten 200.000 Jahre rekonstruiert.

Temperaturschwankungen in der Arktis gibt es immer wieder. Doch während der vergangenen 200.000 Jahre hat es niemals eine auch nur vergleichbare Wärmeperiode gegeben. Das hat jetzt die Analyse von Bohrkernen aus den Sedimentschichten eines Sees in der Arktis ergeben. "Diese historische Aufzeichnung zeigt, dass wir die Ökosysteme dramatisch beeinflussen, von denen wir abhängen", sagt der Umweltbiologe John Smol von der Queen's University im kanadischen Kingston.

Er ist einer der Forscher von insgesamt fünf nordamerikanischen Hochschulen, die an der Studie beteiligt waren. An der kanadischen Baffin-Insel untersuchten die Wissenschaftler die Sedimentschichten, die sich im Lauf der Jahrtausende unter einem kleinen, knapp zehn Meter tiefen See abgelagert hatten.

Die Bohrkerne lieferten einen umfangreichen Einblick in das Klima der letzten 200.000 Jahre: Pflanzen, Tiere und chemische Verbindungen aus der Zeitspanne waren in den Sedimentproben eingeschlossen. Auf insgesamt zwei Eiszeiten und drei Wärmeperioden konnten die Forscher zurückblicken - die Schichten reichen um 80.000 Jahre weiter zurück als frühere Bohrkerne aus anderen Untersuchungen, die in Grönland gezogen waren.

"Unsere Resultate zeigen, dass die vergangenen Jahrzehnte während der letzten 200.000 Jahre ökologisch einmalig sind", sagt Neal Michelutti, ein Kollege Smools. Er untersuchte die eingeschlossenen Mücken in den Bohrkernen. Micheluttis Ergebnis: Mehrere Mückenarten, die bei niedrigen Temperaturen gedeihen, lebten über Jahrtausende in großer Zahl an der Baffin-Insel. Erst von 1950 an begannen die Populationen abzunehmen. Inzwischen seien zwei dieser Arten sogar verschwunden, wie die Forscher in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichten.

Im Gegensatz dazu breite sich eine Kieselalge rasant aus, die früher nur sporadisch auftrat. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass der menschliche Fußabdruck langdauernde natürliche Prozesse selbst in entlegenen arktischen Regionen überlagert", sagt Smol. "Die Situation ist weit schlimmer als wir dachten, und das ist erst der Anfang."

cib/AP

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