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Arktis: Eisberge pflügen den Meeresgrund um

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Die Arktis wird wärmer, immer mehr Eisberge brechen ab. Wo sie über den Meeresboden kratzen, bringen sie alles Leben durcheinander. Ein Meeresbiologe hat nun herausgefunden, dass dieses gelegentliche Umpflügen der Meeresfauna und -flora sogar guttun kann.

Wenn Jürgen Laudien über die Arktisstation Koldewey auf Spitzbergen spricht, dann klingt das, als ob er von einem tollen Urlaub erzählt. Dabei liegt die internationale Forschungsstation gar nicht so weit vom Nordpol entfernt - rund 1000 Kilometer sind es noch bis dorthin. Und es kann kalt werden dort. Sehr kalt. Im Winter bis zu minus 35 Grad Celsius.

Aber der Meeresbiologe vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven kommt meist im Früh- oder Spätsommer, dann ist es angenehmer. Er kommt, um zu tauchen. Er holt Plastikscheiben aus den Tiefen, die er dort an die Steilhänge geschraubt hat.

Die Welt wird wärmer, und in der Arktis mach sich das am deutlichsten bemerkbar: "Die Packeisgrenze verschiebt sich immer weiter gen Norden, die gewaltigen Gletscher ziehen sich zurück", sagt Laudien. Dadurch brechen immer mehr Eisberge ab. Forscher Laudien will wissen, wie die Tier- und Pflanzenwelt auf die immer wärmer werdende Arktis reagiert - und auf die immer häufiger werdenden Störungen durch Eisberge.

Ruhe hat man in Ny-Ålesund, maximal um die 45 Leute halten sich in der Station auf. "Im Winter sind es sogar nur halb so viele", sagt Laudien. Bis auf seltene Störungen durch Tagesausflügler, die ab und zu für wenige Stunden einfallen, kann man in Ruhe forschen. Nur vor den Eisbären muss man sich vorsehen. Deswegen müssen friedliche Wissenschaftler, die auf der Station Dienst an der Wissenschaft leisten wollen, auch den Dienst an der Waffe lernen. Ohne Gewehr darf dort keiner los, erzählt Laudien. Einen Bären erschießen musste er allerdings noch nie.

Der Fjord, in dem Laudien forscht, ist von drei Gletschern umgeben. Schrumpfende Riesen, von denen aufgrund der Erwärmung immer öfter Eisberge abbrechen und hinaus in den Fjord treiben. Kalben nennen die Wissenschaftler diesen Vorgang. Die abbrechenden Eisberge können bis zu 30 Meter groß werden - nur ein Siebtel bis ein Neuntel ihrer Masse ragt dabei aus dem Wasser. Die Spitze des Eisbergs eben.

Hunderte Eisberge sind es mittlerweile pro Jahr, die durch den Fjord ins Meer treiben. Viel mehr als früher. Wenn Laudien und sein Team zum Tauchen fahren, müssen sie sich vorsehen. "So ein Eisberg kann sich urplötzlich im Wasser verlagern", sagt er. Dann kann ganz schnell das Boot umgeworfen werden.

Gelegentliche Störung erhöht die Artenvielfalt

Die Eisberge sind Störenfriede. Wenn sie den 20 Kilometer langen und bis zu zehn Kilometer breiten Fjord entlangschwimmen, kratzen sie dabei über den Meeresboden. "So ein Eisberg pflügt den Meeresboden regelrecht um", sagt Laudien. Das bringt die Lebensgemeinschaft durcheinander. Klingt erst einmal negativ, aber gelegentliches Umpflügen muss gar nicht so schlecht sein, meint Laudien, denn es erhöhe die Artenvielfalt.

Das jedenfalls besagt die "mittlere Stör-Hypothese", die der Forscher beweisen möchte: Wird eine Artengemeinschaft ab und zu - nicht zu oft, aber auch nicht zu selten - gestört, dann erhöht sich die Zahl der Arten. Nur durch eine gelegentliche Störung werden langfristig etablierte Arten wieder vertrieben und können Platz machen für neue Pionierarten.

Das ist an Land nicht anders. Bäume brauchen lange, um zu wachsen. Aber sind sie einmal da, haben viele andere Konkurrenten keine Chance mehr, dem Baum Licht und Nährstoffe streitig zu machen. Bis ein Blitz, ein Feuer oder ein Holzfäller kommt.

Mit Bodenproben und den Plastikplatten untersucht Laudien, wie sich die Artenvielfalt in Tiefen von fünf bis 30 Metern entwickelt. Tiefen, die unterschiedlich häufig von Eisbergen gestört werden.

Im flachen Wasser wird der Meeresboden öfter durchgepflügt, in Tiefen von 30 Metern seltener, weil die meisten Eisberge gar nicht groß genug sind, um so tief zu reichen. Statistisch gesehen kratzen rund 90 Prozent aller Eisberge Böden in Tiefen bis zu fünf Metern. Nur knapp zehn Prozent kratzen fünf bis fünfzehn Meter tief. Und noch weniger pflügen die Böden in 30 Metern um.

Tatsächlich hat Laudien interessante Korrelationen gefunden: Die größte Artenvielfalt fand er in Tiefen zwischen zehn und 15 Metern - also genau da, wo nur ab und zu die Eisberg-Gärtner den Boden umgraben.

Ein leeres Fleckchen Meeresboden bleibt nicht lange unbesiedelt: Innerhalb von Minuten haften große Protein- und Zuckermoleküle an der Oberfläche an. Innerhalb einer Stunde sind schon die ersten Bakterien da und bilden einen Biofilm. Nach einem Tag gesellen sich einzellige Algen dazu, und schon eine Woche später siedeln Larven und Sporen verschiedener höherer Arten - von Quallen, Schnecken, Würmern bis zu Seesternen und Krebsen.

Auch Schleppnetze sind Störenfriede

Wenn Laudien jedes Jahr die Platten aus den Tiefen holt, kann er sehen, wie sich die Artenzusammensetzung darauf verändert. Nach 12 Monaten waren Rotalgen und Ringelwürmer auf den noch recht unbevölkerten Platten die vorherrschenden Arten. Nach drei Jahren gab es fast nur noch Seepocken. Die Artenvielfalt nimmt im Laufe der Zeit ab, die Komplexität der Arten jedoch zu. Wenn nicht ein Eisberg wieder durchpflügt und die Uhren auf null stellt.

Laudien hat auch wärmere Gegenden untersucht: Er meint, anhand der Artenverteilung einen Trend zu erkennen. Dass die arktischen Gewässer den reichen Fischgründen vor Chile immer ähnlicher werden.

Laudien will seine Erkenntnisse nicht bewerten, dennoch sind sie von Relevanz. Zwar gibt es in vielen Fischgründen keine Eisberge, die die Meeresböden stören. Diese Rolle aber übernehmen Menschen - indem sie mit Schleppnetzen über den Meeresboden kratzen.

Sollte die "mittlere Stör-Hypothese" stimmen, dann würden wir mit der häufigen Störung des Meeresbodens durch die Schleppnetz-Fischerei die Artenvielfalt am Meeresboden verringern. Und das wäre auch für uns schlecht. Denn damit würden wir die Fischbestände von zwei Seiten angreifen: "von oben" durch ständiges Abfischen. Und "von unten", indem wir durch permanente Störung des Meeresbodens verhindern, dass ihre Futtergrundlage nachwächst.

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