Arktis Küstenerosion in Alaska nimmt dramatisch zu

Bis zu 24 Meter pro Jahr: An einem Küstenstück in Alaska haben Forscher dramatische Abbruchraten beobachtet. Der Landverlust scheint schneller zu werden. Bleibt die Frage, ob auch andere Teile der immer wärmer werdenden Arktis ähnlich hart getroffen werden.


Anchorage - Die steigenden Temperaturen auf der Erde machen der Arktis besonders stark zu schaffen: Ausdehnung und Dicke des Meereises nehmen ab, Tier- und Pflanzenwelt sind einem massiven Wandel unterworfen. Ein verzweifelter Eisbär auf einer schmelzenden Scholle ist längst zum Symbol dieser Veränderungen geworden.

Forscher um Benjamin Jones vom Geologischen Dienst der USA (USGS) haben nun durch Entdeckungen an der Küste Alaskas Hinweise auf eine weitere Dimension des Klimawandels in der Arktis bekommen: Im Fachmagazin "Geophysical Research Letters" berichten sie von einer dramatischen Erosion entlang der Beaufortsee. Die Forscher hatten Luftbilder eines 60 Kilometer langen Küstenstreifens östlich des Ortes Barrow ausgewertet. Die Bilder waren seit 1955 entstanden. Dabei konnten Jones und seine Kollegen einen großen Landverlust nachweisen, dessen Geschwindigkeit in der jüngeren Vergangenheit massiv zugenommen hat.

Während im Zeitraum von 1955 bis 1979 jährlich im Schnitt 6,8 Meter Land ins Meer stürzten, waren es zwischen 2002 und 2007 rund doppelt so viel. In einzelnen Abschnitten brachen allein im Jahr 2007 24 Meter Küste ab. Besonders betroffen waren eisreiche Steilküsten mit Permafrostböden. Auch aus Sibirien gibt es ähnliche Berichte über die Folgen des tauenden Permafrosts. Und am anderen Ende Alaskas, im Ort Kivalina an der Tschuktschensee verklagten Inuit-Aktivisten Energie- und Ölkonzerne, weil ihr Dorf wegen besonders starker Küstenerosion im Meer versinkt. Die Frage ist nun, ob sich aus diesen Einzelbeobachtungen ein genereller Trend für die Arktis ableiten lässt.

Die Forscher um Jones schränken ein, dass es sich bei den Beobachtungen in Alaska durchaus um eine kurzfristigere Episode mit besonders hohen Erosionsraten gehandelt haben könnte. Sie diskutieren aber gleichzeitig die Möglichkeit, dass es sich sehr wohl um einen Richtungsanzeiger für die Entwicklung rund um den Pol handeln kann: Geringere Meereisbedeckung, steigende Wassertemperaturen im Sommer, steigende Meeresspiegel, stärkere Stürme und mächtigere Wellen dürften nicht folgenlos für die Küsten bleiben.

Doch das genaue Ausmaß ist noch nicht klar. "Wir können nicht sagen, dass der Klimawandel in der Arktis Schuld an den beobachteten Effekten ist", sagt etwa Paul Overduin vom Alfred-Wegener-Institut in Potsdam auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Dafür würden Langzeitmessreihen zur Küstenänderung ebenso fehlen wie Daten zu den Faktoren, die die Küstenerosionsrate beeinflussen.

Die Beobachtungen könnten aber sehr wohl "erste Indizien" für die Konsequenzen der Klimaänderungen in der Arktis sein, sagt Overduin. Auch die Autoren der Studie äußern sich ähnlich. Tatsache ist, dass es in dem beobachteten Gebiet traditionell hohe Verlustraten an der Küste gemessen wurden, die sich in anderen Teilen der Arktis so nicht finden. Der frühere Handelsposten Esook liegt deswegen längst am Grund der Beaufortsee. Ebenso ergeht es einer Ölbohranlage, die in den Siebzigern zu Versuchszwecken errichtet worden war. Und auch der mittlerweile aufgegebenen Inupiaq-Siedlung Qalluvik droht ein ähnliches Schicksal.

Jerry Brown, ehemaliger Präsident der International Permafrost Association, sagte dem Online-Dienst "ScienceNow", der untersuchte Küstenstreifen in Alaska sei möglicherweise extrem. Doch aus Extremen lasse sich viel lernen.

chs



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