Warme Luft in der Arktis Warum es am Nordpol gerade so warm ist wie in Berlin

Die Temperaturen in Teilen der Arktis liegen derzeit bis zu 30 Grad über den Mittelwerten. Es ist das dritte Mal innerhalb weniger Wochen, dass große Mengen warmer Luft in die Polarregion strömen. Was ist da los?

Forschungsstation AWIPEV auf Spitzbergen (Archivbild)
DPA / Rene Buergi / Alfred-Wegener-Institut

Forschungsstation AWIPEV auf Spitzbergen (Archivbild)

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Klar, so richtig gemütlich ist der Tag in Ny-Ålesund natürlich trotzdem nicht. Es regnet, das Thermometer zeigt zwei Grad plus. Doch wenn man weiß, dass die Forschungsstation auf der norwegischen Insel Spitzbergen nur wenig mehr als 1000 Kilometer vom Nordpol entfernt ist und dass es zum Beispiel im 3000 Kilometer weiter südlich gelegenen Paris etwa genauso kalt ist, in Städten wie Hamburg oder Berlin noch deutlich kälter, dann beginnt man zu verstehen, dass da irgendetwas gerade ziemlich eigenartig ist.

Teile der Arktis - neben Spitzbergen und Grönland auch die unmittelbare Nordpolregion und Teile Russlands - erleben gerade einen bemerkenswerten Wärmeeinbruch. Es ist der dritte innerhalb weniger Wochen. Im Dezember lagen die Temperaturen sogar am Nordpol im Plusbereich. Ob es diesmal wieder dazu kommt, ist noch unklar - doch ausgeschlossen ist es nicht. Normal wären 30 Grad weniger, wenn man den Schnitt der Jahre 1979 bis 2000 betrachtet.

"Wir sehen immer häufiger Wetterlagen mit Tiefdruckgebieten, die bis nach Spitzbergen ziehen", sagt Polarforscherin Marion Maturilli vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Potsdam. Sie ist verantwortlich für die meteorologischen Messungen der deutsch-französischen Forschungsstation auf der Insel. "Im Dezember gab es eine extrem warme Phase, jetzt im Februar ist es schon wieder so weit."

Wärme bis in zehn Kilometer Höhe

Täglich messen die AWI-Forscher auf Spitzbergen, auf 79 Grad nördlicher Breite, Temperatur, Luftfeuchte und Wind, lassen meteorologische Sonden in den Himmel steigen. Und immer häufiger sehen sie Kurioses: So fiel im November allein bei einem Sturm mehr Niederschlag als normalerweise innerhalb eines Vierteljahres.

Doch nicht nur solche anekdotischen Beobachtungen gibt es, die Daten belegen vielmehr einen klaren Trend: Gerade im Winter steigen die Durchschnittstemperaturen langfristig stark an - und zwar nicht nur am Boden, sondern auch in der bis in rund zehn Kilometer Höhe reichenden Troposphäre.

Und immer wieder sind es dieselben atmosphärischen Zirkulationsmuster, die für die arktischen Wärmeeinbrüche sorgen - so auch diesmal: Wieder und wieder ziehen intensive Tiefdruckgebiete vom Nordatlantik in die Framstraße und Barentssee. Dabei bringen sie große Mengen warmer und feuchter Luft in die hohe Arktis. Die Polarregion kommt ins Schwitzen.

Im Fachmagazin "Scientific Reports" seziert eine Forschergruppe um Baek-Min Kim vom Südkoreanischen Polarforschungsinstitut in Incheon gerade einen Wärmeeinbruch im vergangen Winter. Die zugrunde liegende Wetterlage war genau dieselbe, wie sie aktuell vorherrscht.

Was genau das für den Pol bedeutet, weiß Marcel Nicolaus vom AWI in Bremerhaven. Der Meereisphysiker überwacht die Daten der Bojen, die das Institut im vergangenen September in der hohen Arktis ausgesetzt hat. Vier von ihnen, derzeit zwischen 85 und 88 Grad nördlicher Breite unterwegs, zeigten im Verlauf des Donnerstags Temperaturen zwischen null und minus sechs Grad an. Damit ist es also auch direkt am Nordpol gerade so kalt - oder warm - wie in Hamburg oder Berlin.

Arktische Wärme bringt Kälte nach Europa

Was ist nun aber schuld an der arktischen Wärme? Eine Rolle könnte die sinkende Eisbedeckung des Polarmeeres spielen. Nach Angaben des National Snow and Ice Data Center in den USA war sie im Januar so gering wie noch nie um diese Jahreszeit, zumindest seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1979: 13,38 Millionen Quadratkilometer Eis waren noch übrig, das sind 260.000 Quadratkilometer weniger als im Januar vergangenen Jahres, als ebenfalls ein Allzeit-Negativrekord aufgezeichnet wurde.

Und wo kein Eis (mehr) ist, so hat es zuletzt auch Kent Moore von der University of Toronto ebenfalls in "Scientific Reports" vorgerechnet, liegt stattdessen das vergleichsweise warme Wasser des arktischen Ozeans frei - und kann die Luft darüber erwärmen.

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Dadurch verändert sich wiederum das Temperaturgefälle zwischen den hohen nördlichen Breiten rund um den Pol und den weiter südlich gelegenen Gebieten bis nach Europa - und damit die Zirkulation der Winde in der Erdatmosphäre. In Europa werden die Westwinde schwächer, die uns bisher oft die sprichwörtliche sibirische Kälte vom Hals gehalten haben.

Diese frostigen Luftmassen können daher immer häufiger nach Zentraleuropa vordringen. Die warmen Winter in der Arktis sorgen hier also für mehr Kälte. Und während man auf Spitzbergen derzeit eher den Regenschirm als die Schneeschaufel benötigt, hat der britische Wetterdienst gerade seine Kältewarnung angehoben - auf die dritte von vier möglichen Stufen.



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