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Arktisches Meereis: Forscher befürchten neuen Minusrekord

Der negative Trend im hohen Norden scheint sich fortzusetzen. Nach ersten Simulationen befürchten Polarforscher auch für diesen Sommer eine massive Eisschmelze in der Arktis, sogar ein neuer Negativrekord droht.

Bremerhaven - In einem Wettstreit besonderer Art versuchen Forscher derzeit das Schicksal des arktischen Meereises in diesem Sommer zu ergründen - und die ersten Prognosen bieten wenig Anlass zur Begeisterung. Beim " Sea Ice Outlook" versuchen zahlreiche Wissenschaftlergruppen rund um den Globus, das Schicksal der weißen Pracht hoch im Norden verherzusagen. Aus Deutschland nehmen Klimaforscher des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) und des KlimaCampus der Universität Hamburg teil.

Arktisches Meereeis vor der Grönländischen Küste (2008): "Durchaus die Möglichkeit, dass wir die Rekordwerte von 2007 erreichen"
AFP

Arktisches Meereeis vor der Grönländischen Küste (2008): "Durchaus die Möglichkeit, dass wir die Rekordwerte von 2007 erreichen"

Nach ihren Vorhersagen wird das Meereis der Arktis auch in diesem Sommer wieder extrem abschmelzen. "In diesem Jahr gibt es durchaus die Möglichkeit, dass wir die Rekordwerte von 2007 erreichen", sagt AWI-Eisexperte Rüdiger Gerdes im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE - und stellt damit die Möglichkeit eines neuen Negativrekords in den Raum.

Nach bisheriger Berechnung liegt die Wahrscheinlichkeit bei 28 Prozent, dass die Eisfläche in diesem Sommer so klein sein wird wie niemals zuvor. Die Prognose vom KlimaCampus der Universität Hamburg fällt etwas positiver aus. Sie beziffert die Chance auf einen Negativrekord mit sieben Prozent, allerdings mit steigender Tendenz.

Die Bremerhavener Forscher nutzten für die Vorhersagen ein Rechenmodell, das mit Beobachtungsdaten aus der jüngsten Zeit gespeist wurde. Die Prognose der Hamburger Wissenschaftler stützte sich auf eine Hochrechnung von Satellitendaten aus den vergangenen 36 Jahren.

In jedem Fall ist die Unsicherheit der Vorhersagen zum jetzigen Zeitpunkt recht groß. Gerdes weist deswegen auch darauf hin, dass man den Wahrscheinlichkeitswert von 28 Prozent nicht für bare Münze nehmen dürfe. Ein entscheidendes Problem bei der Eisvorhersage: Die Forscher bekommen von Satelliten zwar tagesaktuelle Karten zur Eisausdehnung. Flächendeckende Informationen zur Eisdicke sind aber nach wie vor nicht verfügbar. Erst der Start des Esa-Satelliten "Cryosat 2" Ende des Jahres soll das ändern.

Am langfristigen Trend besteht für Lars Kaleschke vom Institut für Meereskunde in Hamburg kein Zweifel: "Das arktische Meereis wird auch in diesem Jahr wieder extrem abschmelzen - mit weitreichenden Folgen für die globale Wärme- und Strahlungsbilanz."

Im Grundsatz ist klar, dass die Meereisbedeckung im Nordpolargebiet in Zukunft massiv abnehmen wird - sehr zur Freude von Schifffahrtsunternehmen, die auf kürzere Transportrouten hoffen. Auch die Förderung von arktischem Öl- und Gas wird dadurch attraktiver. Wann die gesamte Arktis im Sommer eisfrei sein wird, dazu gibt es unterschiedliche Prognosen.

Auch im vergangenen Jahr verheerende Werte

Am Ende des vergangenen Sommers hatte die minimale Eisausdehnung nach Angaben des National Snow and Ice Data Center (NSIDC) der USA nur knapp über den früheren Negativrekorden gelegen - und das, obwohl das Wetterphänomen La Niña viele Teile der Erde gekühlt hatte. Man habe eine minimale Eisfläche von 4,5 Millionen Quadratkilometer gemessen, erklärte das NSIDC. Der schlechteste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1979 wurde 2007 erreicht, als gerade einmal noch 4,1 Millionen Quadratmeter Eis zu finden waren.

Die genauen Zahlen zur Eisbedeckung sind vom angewendeten Verfahren abhängig. Die Berechnungsmethoden unterscheiden sich zum Beispiel bei der Frage, wie genau vom Eis umschlossene Wasserflächen in die Bilanz eingehen. Auch ist es manchmal schwierig, die Satellitenbilder richtig zu interpretieren. Wasserlachen, die auf Eisschollen stehen, können dann als offene Wasserfläche angesehen werden - und die Berechnung verfälschen. Doch die Tendenz scheint klar: "Ein eisfreier arktischer Ozean im Sommer ist unvermeidlich", wiederholt etwa der Eisforscher Mark Serreze vom NSIDC immer wieder.

chs/dpa

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