Arktisches Meereis Forscher fordern Freigabe von Geheimdaten

Forschen mit Geheimdienstinformationen: US-Wissenschaftler fordern, Hunderte Aufnahmen von Spionagesatelliten freizugeben. Mit ihrer Hilfe wollen sie das Schmelzen des arktischen Meereises besser als bisher verstehen.


Washington - Es war eine wundersame Allianz. Anfang der neunziger Jahre machte sich der spätere US-Vizepräsident Al Gore dafür stark, dass Geowissenschaftler Zugang zu Geheimdienstinformationen bekommen. Mit Hilfe normalerweise unzugänglicher Daten sollte es ihnen auf diese Weise möglich sein, die Veränderungen unseres Planeten deutlich besser als bisher zu erfassen - und die Schlapphüte vom Geheimdienst ließen sich tatsächlich auf den Vorschlag des Senators aus Tennessee ein.

Aus der für diesen Zweck gegründeten Environmental Working Group wurde wenig später das sogenannte Medea-Projekt, an dem sich in den Folgejahren sogar Russland beteiligte. Im Zuge der neuen Offenheit kamen "Medea"-Forscher sogar versenkten Nervengasbeständen aus Sowjetzeiten in arktischen Gewässern auf die Spur.

Zahllose Datensätze aus Geheimdienstarchiven haben handverlesene Forscher seitdem auswerten können. Doch dem National Research Council (NRC), dem Nationalen Forschungsrat der USA, geht das nicht weit genug. In einem aktuellen Gutachten fordert ein NRC-Komitee die sofortige Freigabe von Hunderten Bildern aus der hohen Arktis, die mit Hilfe von Geheimdiensttechnik, also Spionagesatelliten, entstanden sind.

Aufnahmen von sechs Stellen rund um den Pol

Das arktische Meereis schrumpft, so viel scheint klar - sowohl in der Ausdehnung als auch in der Dicke. Prognosen, wann die Arktis eisfrei sein wird, unterscheiden sich jedoch signifikant voneinander.

Die Aufnahmen könnten dabei helfen, so die Forscher, das Werden und Vergehen des arktischen Meereises im Jahreszyklus besser zu verstehen. "In einer Zeit, in der es Befürchtungen gibt, dass die Erdbeobachtungssysteme unzuverlässiger und älter werden, wäre die Freigabe der Bilder ein Schritt, um die Wissenschaftsgemeinde weiter mit entscheidenden Informationen zu versorgen", sagt der Atmosphärenforscher Ralph Cicerone, der auch Chef der National Academy of Sciences ist.

Die Aufnahmen, um die es geht, stammen von insgesamt sechs Orten rund um den Pol. Sie zeigen jeweils den Zeitraum von Mai bis September, also die Zeit in der das arktische Meereis schmilzt. Forscher mit einer speziellen Sicherheitsüberprüfung hatten die Stellen gezielt ausgewählt und den Geheimdienstlern die Überwachung aus wissenschaftlichen Gründen nahegelegt.

Ein kleiner Teil der Daten, aus den Jahren 1999 bis 2001, wurde auch bereits für einige wissenschaftliche Veröffentlichungen genutzt. Doch die Forscher erhielten selbst dafür nur massiv bearbeitete Informationen - und nicht den kompletten Datenbestand der Geheimdienstexperten.

Und auch jetzt fordert das NRC-Gutachten nicht die Originalaufnahmen - offenbar im Wissen darum, dass diese von den Spionen ohnehin nicht zu erhalten wären -, wohl aber Aufnahmen mit einer Auflösung von bis zu einem Meter. Die Bilder sollen dabei helfen, existierende Modelle des arktischen Meereises zu verbessern. Forscher versuchen, mit Hilfe der Computerrechnungen vorherzusagen, wie sich die weiße Pracht in Zukunft entwickeln wird. Für dieses Jahr halten einige Teilnehmer am Modellierungswettbewerb "Sea Ice Outlook" einen neuen Minusrekord für möglich. Eine neue Prognose soll noch in dieser Woche vorgestellt werden.

Der bisher schlechteste Wert bei der Seeeisausdehnung wurde im Jahr 2007 erreicht, als gerade einmal noch 4,1 Millionen Quadratkilometer Eis zu finden waren. Die NRC-Kommission drängt nicht zuletzt deswegen darauf, auch bisher unzugängliche Bilder aus diesem Rekordsommer freizugeben.

chs



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