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13. Dezember 2012, 11:18 Uhr

Artenschutz

Wildnis und Zoo verschmelzen

Von Thomas Wagner-Nagy

Um bedrohte Arten zu erhalten, sollen Zoos umdenken, fordert ein Naturschützer. Die Trennung zwischen freier Natur und Tierparks müsste enden - der Weg für neue Schutzprogramme wäre frei.

Hamburg - Für viele bedrohte Tierarten sind Zoos wie eine Arche Noah - sie sichern ihr Überleben, selbst wenn die Spezies in freier Wildbahn ausstirbt. So konnte der Balistar wohl nur überleben, weil er in Tierparks gezüchtet wurde. Der extrem seltene Singvogel lebte ursprünglich entlang eines kleinen Küstenstreifens auf der indonesischen Insel Bali. 2004 lebten dort nur noch etwa zwei Dutzend Exemplare - doch mit ausgewilderten Zoo-Nachzuchten wurde die Art gerettet, der Bestand erholt sich langsam.

In den vergangenen Jahrzehnten haben es sich viele Zoos zur Aufgabe gemacht, eigenständig stabile Populationen aufzubauen und möglichst keinen Einfluss auf Wildpopulationen zu nehmen. Nach Ansicht des US-Naturschützers Kent Redford ist dies jedoch der falsche Ansatz. Denn es lassen sich bei Weitem nicht alle bedrohten Arten in Zoos erhalten. Entweder weil sie nur sehr wenige Nachkommen zeugen, nicht nachträglich ausgewildert werden können oder sich in Gefangenschaft erst gar nicht vermehren.

Für diese Arten braucht es nach Ansicht von Redford neue Ansätze, bei denen Zoos eine tragende Rolle spielen. Zootiere müssten wie wilde Populationen betrachtet und entsprechend in Schutzprogramme integriert werden, fordert Redford in einem Aufsatz im Fachjournal "Science". Aktuelle Untersuchungen konnten zeigen, dass man nur wenige Tierarten isoliert von der Wildnis in Zoos verwalten kann, schreibt der Naturschützer.

Natürlich haben die Zoos der Welt sehr unterschiedliche Maßstäbe was die Haltung der Tiere angeht. Auch lässt sich ganz allgemein darüber streiten, ob man Tiere überhaupt einsperren sollte. Fest steht aber: Zoos bieten viele Möglichkeiten, die Tiere zu studieren und Strategien zu ihrer Erhaltung zu entwickeln.

Nestraub mit Starthilfe ins Leben

Redford nennt einige Konzepte, die - auch dank der Erkenntnisse aus Zoos - schon eingesetzt oder derzeit getestet werden, um die strikte Trennung zwischen Wildnis und Gefangenschaft aufzuheben:

Nicht jede Methode taugt für jede Art. So sei vor einigen Jahren der Versuch, einen jungen Tiger auszuwildern, gründlich misslungen, berichtet Redford. Die Großkatze wurde kurze Zeit nach ihrer Entlassung in die Freiheit von einem Rivalen getötet. Bei Primaten habe man hingegen gute Erfahrungen mit Auswilderungen gemacht.

Viele Ansätze werden nur vereinzelt in Pilotprojekten eingesetzt und müssten weiter ausgebaut werden, fordert Redford. Gar nicht ausgeschöpft werde hingegen das Potential der Zoobesucher. Eine bessere Sensibilisierung der Besucher könnte dabei helfen, die Spendenbereitschaft für Schutzprogramme zu erhöhen.

Natur kann sich nicht mehr allein helfen

Gute Zoos mit hohen Standards soll es daher laut Redford auch in Zukunft geben. Jedoch müssen sich deren Struktur und Rolle ändern: Sie sollen viel enger in Schutzprogramme eingebunden werden. Jedes Wildtier, das in Gefangenschaft landet, müsste zum Schutz seiner Art eingesetzt werden. Zootiere sollten daher nicht als geschlossene Gruppe, sondern vielmehr als eine Art Metapopulation verstanden werden, die mit wilden und halbwilden Beständen - etwa in Reservaten - verbunden ist.

"Wahrscheinlich können wir Menschen nie wieder aufhören, Tierarten zu managen, wenn wir den Reichtum und die Vielfalt erhalten wollen." Redfords Fazit klingt nach einem Plädoyer für einen immerwährenden menschlichen Eingriff in die Natur. Aus seiner Sicht würde es nicht reichen, gefährdete Arten nicht zu jagen, ihren Lebensraum zu erhalten und zu warten, dass sich die Natur von selbst erholt. "Dafür ist der menschliche Einfluss mit seinen wirtschaftlichen Interessen schon zu weit fortgeschritten. Die verschiedenen Faktoren, die die Artenvielfalt bedrohen, allen voran der Klimawandel, sind schlicht schon zu schwerwiegend, als dass sich die Natur selbst helfen könnte", sagt Redford.

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