Artenschutz Die Schildkrötensuppe ist zurück

Ob mit Curry oder Rotwein: Die lange geschmähte Schildkrötensuppe ist wieder in Deutschland erhältlich. Artenschützer protestieren gegen das Angebot eines Spezialhändlers.


Lange war die Schildkrötensuppe aus dem Angebot deutscher Händler verschwunden. Doch mittlerweile können Kunden die Delikatesse von zweifelhaftem Ruf wieder kaufen: Ein Spezialhändler aus Reinbek bei Hamburg offeriert auf seinen Webseiten neben Kängurufilet und Straußengulasch auch Schildkrötensuppe, wahlweise in den Geschmacksvarianten Curry oder Rotwein.

Knorpel-Weichschildkröte: Fast alle asiatischen Arten sind gefährdet
Pro Wildlife

Knorpel-Weichschildkröte: Fast alle asiatischen Arten sind gefährdet

"Was wir machen, ist völlig legal", sagt Dominik Schulz von der Bennetts Trading OHG. Das Fleisch stammt, so der Mitgründer der Firma, von der Chinesischen Weichschildkröte. Während der Import von Produkten aus Meeresschildkröten seit den achtziger Jahren verboten ist, sind die Sumpfschildkröten nicht geschützt. Schulz beruft sich auf ein Schreiben des Bundesamts für Naturschutz, dem zufolge die eingeführte Spezies keinen nationalen oder internationalen Artenschutzbestimmungen unterliege.

Dennoch ruft das Angebot von Bennetts die Tierschützer auf den Plan. Denn die Schildkrötenart mit dem lateinischen Namen Pelodiscus sinensis steht auf der Roten Liste der Internationalen Naturschutzvereinigung IUCN. "Die Bestände der Chinesischen Weichschildkröte sind rückläufig, weil sie in ihrer Heimat als Delikatesse gelten", so Sandra Altherr von der Münchner Artenschutzorganisation Pro Wildlife.

Vom Netz genommene Webseite mit Schildkrötenprodukten: "Keine Nachfrage"

Vom Netz genommene Webseite mit Schildkrötenprodukten: "Keine Nachfrage"

Zwar handelt es sich bei den strittigen Suppenschildkröten, wie Schulz versichert, nicht um Wildtiere, sondern um Zuchttiere von einer Farm in Thailand. Das macht jedoch für Altherr kaum einen Unterschied: "Die Farmen können die Nachfrage auf dem chinesischen Markt nicht decken", erklärt die Biologin. "Wenn man zusätzlich Tiere für den deutschen Markt importiert, erhöht man indirekt den Druck auf die Wildpopulation."

Zudem ist die in Thailand fremde Schildkröte, so Altherr, eine Gefahr für die dortige Fauna: "Wenn Tiere aus den Farmen entkommen, konkurrieren sie mit den heimischen Arten um den ohnehin schwindenden Lebensraum und können obendrein Krankheiten einschleppen." Pro Wildlife fordert daher zum Boykott der Schildkrötengerichte auf.

Bennetts hat unterdessen schon reagiert: Eine zweite Webseite der Firma mit der Adresse Schildkroetensuppe.de war am Dienstag nicht mehr zu erreichen. In dem blockierten Internet-Katalog fanden sich zusätzliche Produkte wie "Schildkröteneier in Whiskey" oder ein angeblich potenzsteigernder "Extrakt, gekocht und gefiltert aus Schildkrötenfleisch".

Nach Auskunft von Schulz handelte es sich dabei um ein Angebot, mit dem das Interesse der Kunden getestet werden sollte - eingeführt habe man diese Schildkrötenprodukte nie, weil es dafür "keine Nachfrage gibt". Obwohl auch die Schildkrötensuppe nur "gelegentlich" bestellt werde, wolle man die Dosen weiter verkaufen, bis die Lagerbestände verbraucht seien.

Selbst wenn sich die Spezialität hier zu Lande wegen mangelnden Interesses nicht durchsetzen sollte, hat sich das Problem für Pro Wildlife nicht erledigt. Nach Angaben der Artenschützer sterben hauptsächlich für den chinesischen Markt jährlich etwa 20 Millionen Schildkröten. Dadurch seien die Bestände nahezu aller 90 asiatischen Land- und Sumpfarten dramatisch zurückgegangen. Für die kommende Konferenz des Washingtoner Artenschutzübereinkommens, die im November in Santiago de Chile stattfinden wird, bereitet die Organisation daher Anträge auf einen weltweiten Schutz von sechs Spezies vor.

Martin Paetsch



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