Artenschutz-Erfolg: Aktivisten zwingen Japan zu Walfangstopp

Von

Aggressive Umweltschützer haben Japans Walfang-Lobby eine beispiellose Niederlage zugefügt. Mitten in der Saison macht die Walfangflotte kehrt und stoppt ihren Einsatz. Die Aktivisten von Sea Shepherd hatten sich ein Rennen mit den Jägern geliefert und den Fang unmöglich gemacht.

Sea Shepherd: Operation "No Compromise" beendet japanische Walfangsaison Fotos
REUTERS/ Sea Shepherd

Wegen wiederholter "Übergriffe" durch die Meeresschutzorganisation Sea Shepherd hat Japan seinen umstrittenen Walfang vorerst beendet. Tatsuya Nakaoku, ein Sprecher der japanischen Fischereibehörde, erklärte am Mittwoch, dass Japan den eigentlichen Fang schon seit dem 10. Februar eingestellt habe, weil es zu andauernden "gewalttätigen Unterbrechungen" durch die Walschützer gekommen sei.

Deren Schiffe hatten die japanische Walfangflotte seit deren Auslaufen im Dezember 2010 kontinuierlich behindert. Mit drei Schiffen, der "Bob Barker", der "Steve Irwin" und der "Gojira", war es den Walschützern gelungen, das Gros der Walfangflotte, die in diesem Winter eigentlich 945 Wale zu "Forschungszwecken" töten sollte, zu binden.

Zwei der drei japanischen Harpunenboote wurden so eng beschattet, dass sie nicht zum Fang kamen. In einem Fall gelang es den Aktivisten, ein Seil in die Schraubenwelle eines Fangbootes zu bekommen, das Harpunenboot war danach nur noch eingeschränkt manövrierfähig. Nachdem es die Aktivisten auch noch schafften, das Wiederauftanken der Walfänger deutlich zu verzögern, versuchte sich das Fabrikschiff Nisshin Maru nach Osten abzusetzen.

Am Freitag letzter Woche verließ die "Nisshin Maru" dabei das japanische Walfanggebiet und steuerte auf die Südspitze von Südamerika zu - aus japanischer Perspektive ein Ausbruchsversuch, aus der Sicht von Sea Shepherd eine Treibjagd. Inzwischen, meldet Sea Shepherd, bewege sich die "Nisshin Maru" rund 2000 Seemeilen außerhalb ihres Fanggebietes in chilenisch kontrollierten Gewässern, aber noch außerhalb chilenischen Seegebietes. Offenbar hatte die Walflotte versucht, die Sea-Sherpherd-Boote durch ihre größere Reichweite abzuhängen. Das Kalkül, den Walschützern könnte der Treibstoff ausgehen, ging jedoch nicht auf.

Inzwischen wird die "Nisshin Maru" von der chilenischen Marine überwacht: Chile verbietet in seinen Gewässern nicht nur den Walfang, sondern auch den Transport von Walteilen.

Sea Shepherd: Naturschützer unter Piratenflagge

Für Sea Shepherd bedeutet der vorzeitige Abbruch des diesjährigen Walfangs der Japaner den bisher größten Erfolg. Die 1977 gegründete Organisation macht mit ihren spektakulären Aktionen immer wieder Schlagzeilen: Sie gilt als eine der aktivsten, aber auch als die kompromissloseste unter den Walschutzorganisationen, vielen Kritikern gelten die Aktivisten als Radikale. Beide Seiten beschuldigten sich in den letzten Jahren zunehmend ruppiger Methoden.

Dokumentiert sind etliche Zusammenstöße, weltweite Schlagzeilen machte im Januar 2010 die Versenkung des Sea-Shepherd-Bootes "Ady Gil", das in zwei Teile zerbrach, nachdem es von einem Harpunenboot gerammt wurde. Eine neuseeländische Untersuchungskommission befand später, dass die Schuld dafür bei beiden Parteien zu suchen sei: Aktivisten wie Walfänger hätten die Kollision in Kauf genommen.

Der Kapitän des Bootes, Peter Bethune, wurde einige Tage nach dem Sinken der "Ady Gil" festgesetzt und verhaftet, als er das Harpunenboot von einem Jetski aus enterte. Nach Aussage der Aktivisten habe er nur versucht, den angeblichen Verursachern des Schadens eine Rechnung zu überbringen. Wegen gewalttätigen Angriffs, Vandalismus und anderen Vergehen verurteilte ihn ein japanisches Gericht später zu zwei Jahren Haft auf Bewährung.

Der "schwarze Block" der Meere

Die amerikanische Organisation, deren Schiffe unter anderem unter niederländischer und australischer Flagge fahren, verfolgt eine deutlich härtere Linie als etwa Greenpeace, aus deren Umfeld einige der Gründungsmitglieder stammen. Gegner der durch Spenden finanzierten Organisation werfen ihr eine Form des Ökoterrorismus vor.

Sea Sheperd selbst segelt unter einer Art Piratenflagge und nimmt für sich in Anspruch, Polizeiaufgaben auf hoher See auszuführen. Das geht hin bis zur Versenkung illegal operierender Walfänger. Zehn solche Harpunenboote will die Organisation seit 1979 versenkt haben.

Gegenüber Menschen agiert die Organisation dabei nach eigenem Anspruch gewaltlos, Verletzungen gibt es trotzdem immer wieder auf beiden Seiten. Zu den regelmäßig eingesetzten Mitteln, Arbeitsabläufe zu stören, gehören Fahrtbehinderungen und Rammaktionen. Besondere Kritik erntet Sea Shepherd immer wieder wegen Buttersäure-Würfen, durch die es mehrmals zu Verletzungen kam. Auch im Rahmen der aktuellen Kampagne "No Compromise" sollen wieder Flaschen mit Buttersäure auf die Besatzungen der Walfangschiffe geworfen worden sein. Beantwortet wird das von Walfänger-Seite mit Wasserkanonen, angeblich aber auch mit dem Einsatz von Reizgas.

Dem Statement der japanischen Fischereibehörde zufolge handelt es sich um eine zeitweilige Einstellung des Walfangs, der wieder aufgenommen werden soll, wenn die Sicherheitslage das erlaube. Wenige Wochen vor Ende der Walfangsaison gilt es nun aber als sehr unwahrscheinlich, dass es in diesem Jahr noch dazu kommt. Nach Informationen von Greenpeace steht der Walfang auch in Japan selbst unter zunehmender Kritik: Abnehmende Nachfrage nach Walfleisch hätte zu erheblichen Lager-Überkapazitäten geführt. Schon diese Lagerkosten sorgten für Unmut, dazu käme nun die Rechnung für die gescheiterte Fangsaison 2011.

Der Druck auf Japan, den Walfang einzustellen, wird in den nächsten Monaten noch wachsen. Ab Mai verhandelt der Internationale Gerichtshof in Den Haag über eine Klage Australiens gegen Japan. Der Vorwurf: Japan unterlaufe mit seinem angeblich wissenschaftlich motivierten Walfang das seit 1986 geltende Moratorium gegen die kommerzielle Tötung von Walen, das Fleisch aber lande im Handel. Im Rahmen des seit 23 Jahren laufenden angeblichen Forschungsprogramms wurden bisher rund 10.000 Wale in den Gewässern der Antarktis getötet.

Am Mittwoch bekräftigten die australische Regierungschefin Julia Gillard und Neuseelands Premier John Key bei Gesprächen in Wellington ihre gegenseitige Unterstützung beim Versuch, den Walfang in der Antarktis endgültig zu beenden. Mitte Dezember hatten die beiden Länder vereinbart, dass Neuseeland nicht als Mitkläger gegen Japan auftreten, sondern den Prozess durch Eingaben an das Gericht unterstützen solle. Parallel will sich Neuseeland bemühen, auf Ebene der Internationalen Walfangkonferenz ein Verbot zu erwirken. Ein Urteil des Internationalen Gerichtshofs wird nicht vor 2013 erwartet.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 167 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Danke
bürger mr 16.02.2011
Im Namen derf Wale, Danke.
2. Gut
thesheeep2 16.02.2011
Man mag von den Methoden halten, was man möchte. Aber sie erzielen Erfolge, und darauf kommt es an. Und natürlich, dass keine Unbeteiligten zu Schaden kommen. Großartiger Erfolg.
3. ....
Ephemeris 16.02.2011
Super Sea Sheperd , weiter so ! nur mir radikalen Methoden kann man heutzutage noch etwas erreichen
4. auf die Finger klopfen.
the_flying_horse 16.02.2011
Wo Greenpeace mit ihrem Kuschelkurs nicht weiter kommen, müssen halt andere ran. Was Japan macht, ist eine Verars.... der Welt. Seit Jahrzenten berufen die sich auf angeblich wissenschaftliche Arbeiten, nehmen dabei aber in Kauf, ganze Arten auszurotten; und das Fleisch ist eh für den Supermarkt. Nur das in Japan selber Walfleisch kaum gegessen wird, das liegt wie Blei in den Regalen. Nicht nur Wale, auch Thun für ihr Sushi steht auf der roten Liste und wird bald, dank der Japaner, aus den Meeren verschwunden sein. Man sollte denen noch viel heftiger auf die Finger klopfen.
5. Manchmal geht es nicht anders...
dasbertl 16.02.2011
Gegen Walfangpiraten kommt man offenbar nur mit Piratenmethoden an. Die Arbeit von Sea Shepherd ist wichtig und richtig und das diesjährige Ergebnis zeigt, dass das auch funktioniert. Danke Sea Shepherd
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS
alles zum Thema Walfang
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 167 Kommentare
Fotostrecke
Sea Shepherd gegen Walfänger: Walkrieg in der Antarktis