Artenschutz für Gorillas Dschungelcamp der letzten Hoffnung

In der hintersten Ecke der Zentralafrikanischen Republik, mitten im Regenwald liegt Bai Hokou. Sechs junge Biologinnen haben sich hier freiwillig ins Dschungelcamp begeben. Ihr Auftrag ist es, Gorillas zu beschatten. Momentaufnahme einer jahrelangen Verfolgungsjagd.

Aus Bai Hokou berichtet Dominik Baur


Dominik Baur

Wenn Mbanda seine Flipflops auszieht, verheißt das nichts Gutes. Seine Plastiklatschen nimmt der Fährtenleser der Bayaka-Pygmäen auf seinen Streifzügen durch den Dschungel meist nur dann in die Hand, wenn Gefahr im Verzug ist. Die Gefahr heißt in diesem Fall Njoku, Waldelefant. Auf der Flucht vor den gefährlichen Tieren verlässt sich der Pygmäen lieber auf seine bloßen Füße.

Mbanda steht regungslos da und horcht. Aber noch ehe die ungeübten Sinne der "Monju", der weißen Begleiter, die Gegenwart des Elefanten überhaupt gemerkt haben, ist die Gefahr schon wieder vorüber. Der graue Koloss ist in eine andere Richtung davongetrottet. Mbanda schlüpft wieder in seine Flipflops, die Gruppe setzt ihren Weg fort. Das Ziel: der Aufenthaltsort von Makumba, einem der mächtigsten Gorillas der Gegend.

Makumba: Können Ökotouristen sein Überleben sichern?
Dominik Baur

Makumba: Können Ökotouristen sein Überleben sichern?

Chloé Cipolletta hat sich um sechs Uhr in der Früh, unmittelbar nach Sonnenaufgang, im Forschungscamp von Bai Hokou mit Mbanda und zwei anderen Bayaka auf den Weg gemacht, um Makumba aufzuspüren. Zusammen mit fünf weiteren Biologinnen aus den USA, Großbritannien, Italien und Australien, einheimischen Assistenten und den Bayaka hat sich die 34-Jährige der Aufgabe verschrieben, den Ökotourismus im Dzanga-Nationalpark voranzutreiben und so, mit viel Glück, das Überleben der Menschenaffen zu sichern. Denn Touristen bringen Geld für die Bevölkerung und für den Schutz der einzigartigen Tierwelt. Aber dafür wollen die Reisenden aus Deutschland, Frankreich, Amerika oder der Schweiz auch etwas sehen. Am liebsten wilde Gorillas. Bai Hokou ist der einzige Ort auf der Welt, an dem Touristen Flachlandgorillas in der Wildnis beobachten können.

Die Italienerin weiß jedoch, dass ihr Unterfangen ein Wettlauf mit der Zeit ist. Der in Freiheit noch kaum erforschte Westliche Flachlandgorilla ist vom Aussterben bedroht. Wilderer jagen die Tiere als Delikatesse. Holzfirmen zerstören den Lebensraum der Gorillas. Indem sie Schneisen in den Regenwald schlagen, schaffen sie zudem Zugangswege für die Wilddiebe in zuvor unzugängliche Gegenden. Mit Ebola ist eine neue Gefahr hinzugekommen. In manchen Gebieten hat der Virus bereits ganze Bestände ausgerottet.

Hier muss der Gesuchte vorbeigekommen sein

"Klck, Klck, Klck!" Mit Schnalzlauten machen die drahtige Italienerin und ihre Begleiter auf sich aufmerksam, sobald sie in die Gegend kommen, in der sie die Gorillas vermuten. Die Tiere sollen schließlich nicht überrascht werden, sondern wissen, dass es sich bei den ungeladenen Gästen um die ihnen schon bekannten, harmlosen Zweibeiner handelt, die Tag für Tag zungenschnalzend durch den Wald stapfen. Doch noch ist von Gorillas nichts zu sehen oder zu hören.

So bekommt man die Gorillas als Tourist häufig zu sehen. Nämlich gar nicht. Oder doch? In diesem Bild versteckt sich ein Gorilla. Wenn Sie ihn selbst in der Großbildansicht nicht erkennen sollten - am Ende dieses Artikels finden Sie die Auflösung.
Dominik Baur

So bekommt man die Gorillas als Tourist häufig zu sehen. Nämlich gar nicht. Oder doch? In diesem Bild versteckt sich ein Gorilla. Wenn Sie ihn selbst in der Großbildansicht nicht erkennen sollten - am Ende dieses Artikels finden Sie die Auflösung.

Zielstrebig folgen die Pygmäen Mbanda, Mobambu und Balonyona den scheinbar unsichtbaren Spuren Makumbas. Nur manchmal bleiben sie kurz stehen und beraten sich. Die Schlafnester des Vorabends sind schnell gefunden. Dann geht es weiter entlang den von den Elefanten ausgetretenen Pfaden, über umgefallene Baumstämme und quer durchs Dickicht. Dorniges Gestrüpp peitscht ins Gesicht, Treiberameisen krabbeln in die Hosenbeine. Die Suche ist schwierig: Vor einer Stunde hat es geregnet, viele Spuren sind verwischt. Die Bayaka lassen sich dadurch nicht entmutigen. An einer Stelle sind auf Kniehöhe ein paar Blätter etwas geknickt. Für die Spurensicherung der Pygmäen steht sofort fest: Hier muss der Gesuchte vorbeigekommen sein. Sie folgen ihm.

Plötzlich bleibt Cipolletta stehen und zeigt in einen Baum. Etwa 20 Meter vor uns blickt das schüchterne Gesicht eines jungen Gorillas in unsere Richtung. Als er uns sieht, klettert er den Baum herunter und verschwindet im Dickicht, ein zweiter folgt ihm. Das Rascheln der Blätter ist nun das einzige Zeichen, das die unmittelbare Nähe der Gorillatruppe verrät. Dann schiebt sich Makumba höchstpersönlich durch ein Loch in der dichten Blätterwand.

Das Naturschutzgebiet Dzanga Sangha
SPIEGEL ONLINE

Das Naturschutzgebiet Dzanga Sangha

Dass Makumba die Nähe von Menschen so ohne weiteres hinnimmt, ist der Erfolg einer jahrelangen Verfolgungsjagd. Habituierung nennen Biologen das, was Cipolletta und ihre Mitarbeiter nunmehr seit sieben Jahren tun, um Urlauber in die Region zu holen. Doch der Beitrag, den Ökotourismus bislang zum Artenschutz leisten kann, ist bescheiden. Maximal zwei Touristen dürfen gleichzeitig zu den Tieren; mehr will man Makumba und seiner scheuen Gruppe nicht zumuten. Haben sich die Gorillas einmal völlig an den menschlichen Besuch gewöhnt, soll die Zahl auf drei erhöht werden. Außerdem ist das Team gerade dabei, eine zweite Gruppe zu habituieren. Langfristig könnten also täglich sechs Touristen auf Gorillapirsch.

"Entscheidend für die Habituierung ist, dass wir die Möglichkeit haben, dieselbe Gorilla-Gruppe fortlaufend zu begleiten und täglich mit ihr in Kontakt zu treten", erklärt Cipolletta. "Das hört sich leicht an, ist aber hier im Wald unglaublich schwierig. Der Boden ist mit Laub bedeckt, und die Tiere hinterlassen kaum sichtbare Spuren." Ohne die Hilfe der Bayaka wäre die Arbeit der Biologinnen von Bai Hokou daher völlig undenkbar. Die Pygmäen kennen den Wald wie niemand sonst. Ohne Kompass, GPS oder Karte führen sie ihre Arbeitgeber instinktsicher jeden Tag aufs Neue zu den Gorillas. "Die Bayaka haben ihre ganz eigene Art den Wald wahrzunehmen. Ich gehe jetzt seit sieben Jahren Tag für Tag mit ihnen durch den Wald und sehe noch immer nur einen winzigen Bruchteil von dem, was sie sehen."



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