Artentod: Massenzucht soll Thunfisch retten

Von Richard Ellis

Er ist ein gewaltiger Raubfisch, bis zu viereinhalb Meter lang und 700 Kilogramm schwer - und er wird vom Menschen rücksichtslos gejagt: Der Rote Thunfisch steht mittlerweile vor dem Aussterben. Nun soll ihn ausgerechnet die Massenzucht in Gefangenschaft retten.

Es gibt ganz verschiedene Thunfische. Konserven enthalten meist das eher helle Fleisch von den kleineren Arten wie dem einen Meter langen Bonito oder dem fast eineinhalbmal so großen Weißen Thun - beides weltweit verbreitete, von der Fischindustrie in rauen Mengen verarbeitete Räuber. Zu Steaks dienen gewöhnlich Gelbflossen- und Großaugenthune, die bis zu 200 Kilogramm wiegen und an die zweieinhalb Meter lang werden.

Thunfisch: Vielerorts stehen die Bestände vor dem Kollaps
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Thunfisch: Vielerorts stehen die Bestände vor dem Kollaps

Aber für die modischen japanischen Rohfischgerichte, Sushi und Sashimi, gelten als erste Delikatesse die riesigen Blauflossenthune mit ihrem dunklen Fleisch, darunter allen voran der Gewöhnliche Thunfisch. Hauptsächlich diese Art heißt wegen der Farbe ihres Fleisches auch Roter Thun. Mit an die 700 Kilogramm und viereinhalb Meter Länge gehört sie zu den größten Fischen überhaupt. Leider avancierte der Rote Thun in den vergangenen Jahren außerdem zum begehrtesten Speisefisch der Welt - und damit zugleich an die Spitze einer anderen Rangliste: Er dürfte inzwischen die am stärksten bedrohte große Fischart darstellen.

Rote Thunfische leben im nördlichen Atlantik und im Mittelmeer, ein etwas kleinerer Blauflossenthun ist in Teilen des Pazifiks zu Hause, eine dritte Art in den südlichen Meeren. Manche bezeichnen auch diese Arten als Rote Thunfische. Der Fischhandel macht zwischen ihnen nicht viel Unterschied. Wahrscheinlich können wir ihr Aussterben durch maßlose Überfischung nur noch verhindern, wenn es gelingt, diese anspruchsvollen Raubfische zu domestizieren, also für kommerzielle Zwecke in Gefangenschaft zu züchten.

Die Gewöhnlichen Thune gehören zu den ganz wenigen warmblütigen Fischen - die somit nicht wie die meisten Fische ihre Umgebungstemperatur annehmen. Sie heizen sich mit ihren Muskelpaketen ein. Tauchen sie zum Beispiel tausend Meter tief in Zonen, wo oft nur fünf Grad Celsius herrschen, können sie trotzdem eine Körpertemperatur von 27 Grad bewahren - fast auf dem Niveau von Säugetieren.

Zudem zählen diese Thune zu den schnellsten Fischen und besten Schwimmern überhaupt. Sie schaffen Spitzengeschwindigkeiten von 80 Stundenkilometern und durchqueren in ein paar Wochen ganze Ozeane. In den 1990er Jahren diente der Rote Thunfisch Forschern denn auch als Modell für einen ausgeklügelten Schwimmroboter, einen dicken, spindeligen mechanischen Fisch mit sichelförmiger Schwanzflosse. Dabei kam heraus, dass Thune mit raschen Schwanzschlägen gegenläufige Wasserwirbel und somit einen Schub erzeugen, der sie vorantreibt. Allerdings konnte der Roboter das nicht entfernt so gut wie das Vorbild.

Rote Thunfische jagen, wie Wölfe, gern im Verband. Sie kesseln die Beute ein, indem sie sich ihr rasend schnell im Halbkreis nähern und sie dann umschließen. Obwohl ihr Stoffwechsel an die Hochgeschwindigkeitsjagd angepasst ist, fressen Thunfische je nach den Umständen alles, was sie an Tieren finden, bald flinke Makrelen, bald am Grund lebende Flundern, ja sogar Schwämme.

Bradford Chase von der Massachusetts Division of Marine Fisheries fand in den Mägen von Thunfischen aus dem Meer bei New England an erster Stelle Heringe, aber auch vielerlei andere größere und kleine Fische, von Haien bis zu Seepferdchen, von Rochen bis zu Plattfischen sowie die verschiedensten Tintenfische, Krebse und mancherlei anderes Getier. Kurz: Thunfische nehmen, was sie erwischen, und sie erwischen fast alles, was da im Wasser oder am Boden schwimmt oder treibt, krabbelt oder haftet. Dafür benutzen sie hauptsächlich ihren Gesichtssinn.

Nicht immer galt der Rote Thun als Delikatesse. Vor 100 Jahren wurde sein streng schmeckendes Fleisch höchstens Hunden oder Katzen zugemutet. Doch dann entdeckten Abenteurer als neuen exotischen Hochseesport vor Nordamerikas Küsten das Angeln auf Riesenfische. Von denen fanden damals einzig Schwertfische auf die Tafel der Menschen. Marline und Thunfische mussten als reine Jagdobjekte herhalten, an denen die Männer ihr Geschick und ihre Kräfte maßen.

Zu einem Speisefisch - und einer begehrten Delikatesse - wurde der Rote Thun erst in den vergangenen 50 Jahren, denn nun gewannen die pikanten Sushis zunächst in Japan und später weltweit Liebhaber.

Anders, als viele sicherlich annehmen, gehörte roher Fisch in Japan früher keineswegs zur landestypischen Kost. Vielmehr pflegte man die schnell verderbliche Nahrung aus dem Meer, in Japan die Hauptproteinquelle, zum Beispiel durch Pökeln, Marinieren oder Räuchern haltbar zu machen. Die Situation änderte sich aber, als nach dem Zweiten Weltkrieg Kühl- und Gefrierschränke ins Land kamen. Eingefroren blieb roher Fisch nun fast unbegrenzt wie frisch, was die Ernährungsgewohnheiten der Japaner grundlegend veränderte.

Ein Übriges bewirkten Neuerungen der Fischereiindustrie - wie das Langleinenangeln mit oft viele Kilometer langen Kunststoffseilen, bestückt mit Tausenden beköderter Haken, oder der so genannte Ringwadenfang, bei dem eine Anzahl Boote mit zusammengelegten Riesennetzen ganze Fischschulen absammelt. Außerdem froren die Fischer ihre Beute nun gleich auf den Schiffen ein.

Alsbald machten die Blauflossenthunfische in Japan Karriere: Von unreinen Tieren, die ein Samurai früher nicht angerührt hätte, avancierten sie rasch zur Sushi-Delikatesse Maguro. Die kann so viel kosten wie Trüffel oder Kaviar. Das beste Maguro heißt Toro. Es stammt vom fetten Bauchfleisch eines erwachsenen Blauflossenthuns. Kaviar und Trüffel sind rar und darum kostbar. Doch die großen Thunfische tummelten sich im Meer damals noch in Scharen. Binnen kurzer Zeit fand Maguro auch in anderen Ländern Aufnahme in gehobene Menüs.

Auf dem Tokioter Tsukiji-Fischmarkt erzielte ein Tier im Jahr 2001 den Preis von 173.600 Dollar. In Amerika war der Verzehr von Rohfisch vor 40 Jahren noch undenkbar. Heute gibt es Sushi und Sashimi fast in jedem Feinkostladen, aber sogar auch im Supermarkt - und selbstverständlich in edlen Restaurants. Einer der grandiosesten Sushi-Tempel könnte das Masa in New York sein. Der Japaner Masayoshi Takayama eröffnete das teuerste Restaurant der Stadt im Jahr 2004. Ein Essen für zwei Personen kostet dort leicht über 1000 Dollar.

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