Atemmasken Placebo-Schutz gegen die Seuche

Tuch, OP-Schutz, Gasmaske - Atemschutz ist in Mexiko derzeit fast schon Mode. Auch in Deutschland steigt die Nachfrage. Doch manche Modelle sind völlig ungeeignet, Viren aus der Luft zu filtern.


Berlin - Das Virus reist unbeirrt um die Welt. In 15 Ländern haben Ärzte und Gesundheitsbehörden den Influenza-Erreger A/H1N1 schon nachgewiesen. In Deutschland gibt es derzeit fünf bestätigte Fälle, eine Frau hat sich sogar direkt bei einem Infizierten angesteckt. Zwar ändert sich nach Angaben des Robert Koch-Instituts in Berlin (RKI) die Risikoeinschätzung für Deutschland dadurch nicht. Dennoch wird auch hierzulande eine Frage immer brennender: Wie kann ich mich vor einer Ansteckung schützen?

Die Bilder aus Mexiko zeigen nicht nur außerordentlich leere Straßen, sie zeigen vor allem Menschen mit Mundschutz. Denn das Virus gelangt durch Tröpfcheninfektion von einem Menschen zum nächsten. Sprechen, Husten, Niesen - wer sich in der Nähe eines Infizierten befindet, kann sich leicht anstecken.

Auch in Deutschland steigt nach Angabe der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) schon die Nachfrage: "Besonders gefragt sind derzeit OP-Masken", sagt ABDA-Sprecherin Ursula Sellerberg. Die Apotheken seien trotz der verstärkten Nachfrage generell noch lieferfähig. In einzelnen Internet-Apotheken sind sie allerdings bereits ausverkauft. "Wir haben keine Masken mehr, und auch unser Großhändler kann nicht mehr liefern", sagte eine Sprecherin von www.versandapo.de, einem Internet-Händler.

Feuerwehr gibt Nähanleitungen für Masken

Doch wie umfassend ist der Schutz überhaupt, den Atemmasken bieten? Eine hundertprozentige Sicherheit könne auch ein Mundschutz nicht liefern, sagt Jörg Hacker, Präsident des Robert-Koch-Instituts. "Wir haben Masken nicht aktiv empfohlen." Sinnvoll sei ein Mundschutz für bereits Infizierte, damit sie niemanden ansteckten. "Die Masken bilden aber keinen kompletten Schutz für Menschen, die sie zu ihrem eigenen Schutz benutzen", sagte Hacker schon vor Tagen.

Eins gilt als sicher: Einfache Staubmasken, die es in jedem Baumarkt zu kaufen gibt, schützen überhaupt nicht vor Grippeviren. In einer RKI-Untersuchung heißt es dazu, "dass Papiermasken zum Schutz vor Bioaerosolen ungeeignet" sind. Als Bioaerosole bezeichnet man die Umgebungsluft, die biologische Inhaltsstoffe wie Bakterien, Viren oder auch Schimmelpilzsporen enthält.

Auch selbstgemachte Masken, für die etwa die Essener Feuerwehr Nähanleitungen auf ihrer Internet-Seite anbietet, halten Experten für fragwürdig: "Wenn das dazu führt, dass die Leute zu Hause bleiben und nähen, haben die Masken eine präventive Wirkung", sagte Günther Jonitz, Präsident der Berliner Ärztekammer. "Ansonsten wohl eher nicht, da beim Selbermachen keine speziellen Stoffe verwendet werden."

"Hände vom Gesicht fernhalten, in den Ärmel husten"

OP-Masken können da vermutlich schon mehr. Zumindest haben sich diese mehrlagigen Filter, die über Mund und Nase gestülpt werden, als wirksam gegen Bakterien erwiesen. Sie sind auch in Partikel filtrierenden Halbmasken enthalten, die in Europa die Bezeichnung "FFP", in den Vereinigten Staaten "NIOSH N" tragen. Mundschutz mit mehrlagigem Filter hat jedoch auch seinen Preis. Im Internet bieten Hersteller schon unterschiedliche Masken an: Die "ideale Schweinegrippe-Schutzmaske" für 79,90 Euro (15 Stück) und die "preiswerte" Maske für 49,00 Euro (15 Stück).

Das Robert-Koch-Institut ist zurückhaltend mit Empfehlungen: "Das Tragen eines dichtanliegenden, mehrlagigen Mund-Nasen-Schutzes kann in bestimmten Situationen, in denen ein Kontakt zu anderen vermutlich infizierten Personen in geschlossenen Räumen nicht vermeidbar ist, möglicherweise einen gewissen Individualschutz bieten." Im Krankenhaus hat sich laut RKI erwiesen, "dass beispielsweise die Übertragung von Noro-Virus-Infektionen (...) durch das Tragen einer chirurgischen Maske auf dem Luftweg verhindert werden kann". Beim Noro-Virus reichen schon zehn bis hundert virushaltige Partikel aus, um Fieber, Durchfall und Erbrechen hervorzurufen.

Bislang sei dies aber nur bei der Krankenbetreuung erforscht worden. Auch könnten geeignete Schutzmasken nicht dauernd getragen werden. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt in ihrem Rahmen-Pandemieplan keinen Mund-und-Nasen-Schutz. Begründung: Die Wirksamkeit sei nicht nachgewiesen.

Wichtig für einen höchstmöglichen Schutz sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts "persönliche Hygienemaßnahmen." Weil die Erreger etwa beim Husten, Niesen und Sprechen schnell auf die Hände gelangen und sich von da aus auf Gegenstände wie Türklinken, Tastaturen oder Besteck verteilen, wird häufiges Händewaschen empfohlen. "Außerdem sollten die Hände vom Gesicht ferngehalten werden, da die Erreger leicht auf die Schleimhäute von Augen, Nase und Mund übergehen können. Beim Husten sollte in den Ärmel gehustet werden", schreibt das RKI.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

hei/AP/dpa



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