Protokoll eines Walpathologen Die vielen Tode des Atlantischen Nordkapers

Der Atlantische Nordkaper wurde so intensiv bejagt, dass ihn auch Fangverbote wohl nicht mehr retten können. Ein Forscher auf Cape Cod dokumentiert, wie die Letzten ihrer Art zugrunde gehen.

Gruppe von Nordkapern
UIG/ Getty Images

Gruppe von Nordkapern

Aus Boston berichtet


  • DER SPIEGEL/ Rick Friedman
    Johann Grolle berichtet als Korrespondent für den SPIEGEL aus Boston. "Das ist die Welthauptstadt der Wissenschaft", sagt der langjährige Leiter des SPIEGEL-Ressorts Wissenschaft/Technik. An dieser Stelle schreibt er, was Forscher am MIT, der Harvard University und anderswo in den USA bewegt.

Der Wissenschaftler Michael Moore ist über 60, er geht dem Rentenalter entgegen. Außerdem hat er eine Nierentransplantation hinter sich. Trotzdem kämpft er weiter. Er kann nicht anders.

Gerade hat er bei einem Treffen auf Cape Cod einen neuen Vorstoß gemacht, die Spezies Eubalaena glacialis, den Atlantischen Nordkaper, vor dem Aussterben zu retten - auch wenn er weiß, dass all sein Ringen am Ende wahrscheinlich vergeblich sein wird.

Schon als ich ihn vor vier Jahren kennenlernte, habe ich mich gefragt, wie er seinen frustrierenden Job aushalten kann. Moore arbeitet am Meeresforschungsinstitut in Woods Hole auf Cape Cod, und er ist Neuenglands führender Walpathologe. Er wird gerufen, wenn wieder eines der imposanten Meerestiere tot aufgefunden wird.

Dann klettert Moore auf den Kadaver, manchmal am Strand, manchmal auf offener See. Dort muss er seine Untersuchung durchführen, während das Wasser rund um ihn herum brodelt von Haien, die Fleisch aus dem toten Wal reißen.

Monatelanger Todeskampf

Deprimierend häufig kommt Moore bei der Ermittlung der Todesursache zu der Diagnose: Polypropylen. Aus diesem reißfesten Material sind die Leinen gefertigt, mit denen die Hummerfischer ihre am Meeresgrund ausgelegten Fallen an den Bojen befestigen. Besonders die Nordkaper verfangen sich leicht darin, und oft gelingt es ihnen nicht, sich zu befreien.

Die bis zu 90 Tonnen schweren Giganten winden sich und wickeln sich so umso schlimmer in ihre Fesseln. All ihre Versuche führen nur dazu, dass sich der Strick noch tiefer ins Fleisch einschneidet. Mitunter dauert es Monate, bis die Tiere verenden.

Moore hat sich ganz diesen Walen verschrieben. Er hat mir viele Fotos gezeigt, grauenhafte Fotos. Und was die Sache noch schrecklicher macht: Diese Bilder dokumentieren nicht nur den qualvollen Tod einzelner Tiere, sondern auch den Niedergang ihrer ganzen Spezies. Indem Moore die Kadaver der Nordkaper untersucht und fotografiert, protokolliert er minutiös ihren Artentod. Es leben nur noch rund 450 Exemplare, 100 davon sind fortpflanzungsfähige Weibchen.

Und selbst die scheinen die Lust an der Paarung verloren zu haben, berichtet der "Boston Globe". Moore gab jetzt bekannt, dass in der aktuellen Geburtensaison bislang nicht ein einziges Kalb zur Welt kam, gleichzeitig registrierten die Forscher im letzten Jahr 18 Todesfälle unter den Nordkapern.

"Eine hohe Sterblichkeit und Null Reproduktion, es ist eine Katastrophe", sagt Moore. Die Ursache für den Gebärstreik der Weibchen kennen die Wissenschaftler nicht. Moore jedoch vermutet, dass viele der Wale durch Schnittwunden zu geschwächt sind, um trächtig werden zu können.

Nordkaper in der Bay of Fundy, Kanada
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Nordkaper in der Bay of Fundy, Kanada

Tiere, die auf der Roten Liste gefährdeter Arten stehen, haben eines gemein: Sie sind rar. Dies könnte zum Schluss verleiten, dass der Mensch bevorzugt Spezies von Tieren ausrottet, die ohnehin sehr selten vorkommen. Das jedoch ist ein Irrtum, nichts zeigt dies deutliches als das Beispiel Amerikas.

Einst häufigste Art, jetzt ausgestorben

Berühmt ist der Fall der Wandertaube, die noch vor 200 Jahren die auf diesem Kontinent am zahlreichsten vertretene Vogelart war. Die Menschen setzten den Wandertauben nach, weil sie als Landplage galten. Die Population kollabierte, bis schließlich nur noch ein letztes Exemplar im Zoo von Cincinnati lebte. Es hieß Martha, und starb am 1. September 1914.

Weniger bekannt doch nicht weniger tragisch ist die Geschichte der Felsengebirgsschrecke. Im 19. Jahrhundert noch verdunkelten die Schwärme dieser im Mittleren Westen der USA heimischen Insekten den Himmel. Heute existieren sie nicht mehr. Nur das schmelzende Eis der Gletscher gibt immer wieder große Ansammlungen dieser einst größten Heuschrecken Amerikas frei.

Oder der Bison: Eindrucksvoll berichteten die ersten Siedler, wie die riesigen Herden dieser mächtigen Büffel die Prärie erschüttern ließen, Schätzungen zufolge zählten sie insgesamt mindestens 30 Millionen Exemplare. Die große Zahl bot auch ihnen keinen Schutz. Nur knapp entgingen sie der Ausrottung.

Alternativen zu Leinen sind Fischern zu teuer

Und nun also die Atlantischen Nordkaper. Auch sie waren einst eine dominierende Spezies. Davon zeugt der Name, den ihnen die Walfänger gaben. "Right Whales", die "Richtigen Wale", heißen sie auf Englisch. Denn einst tummelten sich diese trägen und arglosen Riesen so zahlreich vor der Küste, dass sie als die richtigen Wale zum Töten galten. Die Walfänger gingen gründlich zu Werk, sie ließen nicht viele Nordkaper übrig.

Der Walfang ist heute verboten, doch andere Gefahren kamen hinzu. Immer wieder kommt es zur Kollision von Nordkapern mit Schiffen und vor allem: Die Hummerfischer in Maine sind auf Seile aus Kunststoff umgestiegen.

Genau darum ging es bei dem Treffen auf Cape Cod. Moore und seine Forscherkollegen versuchten, die Hummerfischer davon zu überzeugen, dass es Alternativen zu den üblichen Fangleinen gibt. Sie plädieren dafür, die Hummerfallen mit Ballons zu versehen, die sich ferngesteuert aufblasen lassen, wenn die Fischer ihre Beute einsammeln wollen.

Bei den Hummerfischern stießen Moore und seine Mitstreiter auf wenig Gegenliebe. Zu teuer, knurrten die. Die Gefahr, dass die Transmitter versagen und die Käfige für immer verloren gehen, sei zu hoch. Und überhaupt: Wie sollten sie denn ohne Bojen ihre Fallen wiederfinden?

Als ich Moore fragte, ob ihn seine Arbeit nicht depressiv mache, antwortete er mit nur einem Wort: "Natürlich!"



insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
yasieda 26.02.2018
1. Leinen machen auch anderen Meeresbewohnern zu schaffen
In unserem Wirtschaftssystem ist PROFIT das Wichtigste, alles muss diesem rigoros untergeordnet werden.
hegoat 26.02.2018
2.
Der Mensch rottet ganze Arten aus oder lässt sie einfach aussterben für ein bisschen Profit und ein paar Arbeitsplätze. So war es und so wird es immer sein. E gab da noch dieses alte Indianersprichwort...
stef_ma 26.02.2018
3. Traurig. Zum Heulen.
Und das Schlimme an der Sache ist: Es interessiert niemanden. Das sieht man allein schon an der Anzahl an Kommentaren unter diesem Artikel. Vielfalt egal in welcher Form wird dank der Spezies Mensch wohl irgendwann der Vergangenheit angehören. Obwohl es nicht unmittelbar an unserer Spezies liegt, sondern eher wie wir kulturell leben. Bis vor 10.000 Jahren hat es ja noch funktioniert...
loufo13 26.02.2018
4. ...
so wunderschöne lebewesen! respekt diesem mann! vielleicht geschieht ja ein wunder.
kv21061929 26.02.2018
5. erst quälen wir Tiere jeder Gattung und auf jede Art und weise,
Tiere die ein Bewusstsein haben, dann töten wir die Tiere bestialisch wenn es nur Geld einbringt. Wir verpesten die Luft, die Meere, die Böden, und das Grundwasser weil die Natur kein Geld kostet. Aus dem WIR mache ich skruppelose Renditejäger, gewissenlose Politiker, scheinheilige Lobbyisten die mit dem Raubbau kein Problem haben solange es Geld einbringt. Die Ignoranten dieser Welt schauen weg und sagen so ist die Welt. Nicht die Welt ist so, ein Teil der Menschen ist so. Indien wird das erste Land sein, das an seinen Müll, seinen verpesteten Gewässern und Böden implodieren wird. Was ich der Menschheit wünsche darf ich hier nicht schreiben, das verstößt gegen die Etikette. Für die Erde, für die Natur, für die Tiere ist eine Welt ohne den "zivilisierten" Menschen alle mal besser. Töten wir uns doch selbst.
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