Bizarres Tier Lurch ohne Lunge

Sie haben keine Lungen, dafür aber jede Menge Falten: Eine seltsame Tierart, von der erst eine Handvoll Exemplare gesichtet wurde, stellt Biologen vor Rätsel. Wie die im Wasser lebenden Amphibien atmen, ist nur eine von vielen Fragen.

Atretochoana eiselti: Über die Art ist bisher nur sehr wenig bekannt
J. T. Coragem

Atretochoana eiselti: Über die Art ist bisher nur sehr wenig bekannt


In den Flüssen der Amazonasregion schwimmen sie umher. Oder halten sich am Grund zwischen Steinen auf. Oder jagen Beute. So genau weiß das niemand. Denn alles, was über die Art Atretochoana eiselti bekannt ist, stammt von der Beobachtung von sechs Exemplaren - und ein paar davon sind schon lange tot und Museumsstücke.

Dass die Tiere, die zu den Blindwühlen und damit nicht gerade zur prominentesten Tiergattung zählen, trotzdem in den Schlagzeilen auftauchen, haben sie ihrem kuriosen Aussehen zu verdanken. Die englische Boulevardzeitung "Sun" etwa quetscht eines der wenigen Fotos unter die Überschrift "Man-Aconda - die Schlange, die wie ein Penis aussieht".

Dabei handelt es sich überhaupt nicht um Schlangen, auch wenn der Körperbau das auf den ersten Blick andeuten mag. Blindwühlen sind Amphibien. Und sie verfügen, dem Namen zu Trotz, durchaus über Augen und müssen nicht komplett blind sein.

Was dem brasilianischen Forscherteam um Marinus Steven Hoogmoed, das kürzlich einen Fachartikel über die Art veröffentlicht hat, das größte Rätsel aufgibt, ist die Atmung der Tiere. Denn diesen Blindwühlen fehlen die Lungen. Die bisher beste Vermutung ist, dass die "Man-Aconda" Sauerstoff über die Haut aufnimmt. Dass sie sehr faltig ist, könnte dabei nützlich sein: Die Falten vergrößern die Oberfläche, über die der Sauerstoff aufgenommen werden kann. Doch völlig zufrieden sind die Forscher mit der Erklärung nicht.

Bis zu ein Meter Länge

Zwar kennen Biologen einige Amphibien, die ohne Lungen auskommen, aber diese Salamander und Frösche sind sehr klein. Atretochoana eiselti kann dagegen stattliche Ausmaße erreichen. Die beschriebenen Exemplare waren zwischen 70 Zentimeter und einem Meter lang und wogen 140 bis 840 Gramm. Das ist eigentlich zu groß für einen Hautatmer.

Über andere Eigenheiten der Art wissen die Forscher erst recht nichts: Wovon ernähren sich die Blindwühlen? Wie alt werden sie? Wie sieht ihr Fortpflanzungsverhalten aus? Das lässt sich aus den anatomischen Analysen der wenigen Exemplare nicht folgern.

Ob die Art in ihrem Bestand bedroht ist, können die Wissenschaftler wegen der wenigen Beobachtungen auch nicht sagen. Auf der Roten Liste der Weltnaturschutzorganisation IUCN wird Atretochoana eiselti unter dem Punkt "Daten unzureichend" aufgeführt.

Immerhin konnten die neu entdeckten Exemplare helfen, ihren Lebensraum besser zu definieren. Die Tiere seien wohl an entlegenen Stellen in der Amazonasregion heimisch und könnten nicht nur in Brasilien, sondern auch in anderen Staaten wie etwa Bolivien vorkommen, schreiben die Forscher.

wbr

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