Brüssel - Die Fischbestände in den Meeren schwinden - für viele europäische Fischer wird der Kampf um die Existenz immer schwieriger. Nun setzt die EU zum lang erwarteten Befreiungsschlag an. Am Mittwoch stellte Fischereikommissarin Maria Damanaki in Brüssel ihren Reformplan vor.
Es ist ein ambitioniertes Vorhaben - und es wäre eine drastische Kehrtwende: Der Plan sieht vor, das bisherige jährliche Aushandeln der Quoten zwischen den Mitgliedsländern durch langfristige Managementpläne zu ersetzen, die sich streng nach wissenschaftlichen Kriterien richten. Die Zahl der Flotten soll an die Fangmengen angepasst werden. Bisher lagen - trotz aller Lippenbekenntnisse - die von den Agrarministern verabschiedeten Fangmengen in der Regel deutlich über denen, die Wissenschaftler für vertretbar hielten.
Bis 2015 - das sieht der Reformplan nun vor - soll mit der Überfischung endgültig Schluss sein.Dann sollen die Bestände nicht mehr stärker ausgebeutet werden, als ihre natürliche Vermehrungsfähigkeit zulässt. "Wir müssen handeln, um alle Fischbestände wieder in einen gesunden Zustand zu versetzen", erklärte Damanaki. Die Gesetze könnten von 2013 an gelten, wenn Europaparlamentund EU-Länder zustimmen.
Neue Regeln zum Beifang
Auch mit dem ungewollten Beifang soll bald Schluss sein. Schätzungen zufolge wird derzeit fast jeder vierte gefangene Fisch wieder zurück ins Wasser geworfen - die meisten davon tot oder fast tot. Bei den ungewollten Beifängen handelt es sich häufig um zu kleine Fische oder solche Meerestiere, für die der jeweilige Fischer keine Quote besitzt, obwohl die Fische eigentlich verkauft werden könnten.
Damanaki will die Fischer nun zwingen, alle gefangenen Tiere mit an Land zu nehmen. Der Beifang soll also auf die Fangquoten angerechnet werden. Die Fischer sollen dafür künftig bei Kollegen Lizenzen kaufen, mit denen sie zu viel gefangene Fische auf den Markt bringen können. Der Lizenzhandel könnte die Fischer flexibler machen und ihnen einen Grund geben, auch aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten schonender mit den Ressourcen des Meeres umzugehen.
Auch die Verbraucher sollen künftig in die Lage versetzt werden, einen Beitrag gegen Überfischung zu leisten: Den Reformplänen zufolge sollen sie künftig besser über die von ihnen gekauften Meereserzeugnisse informiert werden, kündigte Damanaki an. Sie wünsche Informationen über Herstellungsmethode, Fanggebiete und Frische der Fische auf den Packungen. So könnten die Kunden die Qualität der Waren und die Nachhaltigkeit des Fangs abschätzen und an der Reform mitwirken.
Mehr als die Hälfte des Fischs ist importiert
Nach Ansicht von Alexander Kempf vom Institut für Seefischerei in Hamburg gehören die angestrebten Beifang-Regelungen zu den wichtigsten Aspekten der Reform. Allerdings lösen die EU-Pläne nicht alle Probleme, meint der Fischereiexperte. So gelte es etwa, Netztechniken zu verbessern, um Beifang generell zu reduzieren, damit zum Beispiel keine gezielte Fischerei und kein neuer Markt für bestimmte Meerestierarten oder Jungfische entstehe.
Die europäischen Fischbestände gehen seit Jahren zurück. Im Mittelmeer sind schon jetzt vier von fünf Fischarten überfischt. Selbst der Kabeljau in der Nordsee ist Wissenschaftlern zufolge durch jahrzehntelange Überfischung fast ausgerottet. Viele Fischer haben bereits aufgegeben: Mehr als die Hälfte des Fischs, der in Europa gegessen wird, kommt mittlerweile von außerhalb der EU.
Um zusätzliche Härten für die europäischen Fischer zu vermeiden, ist geplant, dass die Reform von umfangreichen Hilfen für die Branche flankiert wird. Etwa 400.000 Arbeitsplätze hängen in Europa an der Fischerei. "Wenn wir diese Reform richtig anpacken, werden Fischer und Küstengemeinden davon auf lange Sicht profitieren", sagte EU-Kommissarin Damanaki. "Und alle Europäer werden eine größere Auswahl an frischem Wild- und Zuchtfisch haben."
Kritik an den Plänen
Schon regt sich Kritik an den Reformplänen. Der Verband der deutschen Kutter- und Küstenfischer etwa befürchtet Nachteile für kleinere Fangflotten. Die Einführung handelbarer Quoten würde dazu führen, dass finanzstarke Fischereibetriebe massiv Fangquoten aufkauften, während kleinere Unternehmen wie die ostdeutsche Stellnetzfischerei auf der Strecke blieben, sagte der Verbandsvorsitzende Norbert Kahlfuss. Die neuen Gesetze würden gerade für die kleinen, nachhaltig fischenden Unternehmen in einer wirtschaftlichen Katastrophe enden.
Nach Meinung der Umweltschutzorganisation WWF bringen die EU-Pläne nicht den nötigen Kurswechsel für Europas Fischerei. "Der Kommissionsvorschlag enthält gute Ansätze, überlässt aber zu viel dem Zufall", sagt Karoline Schacht, WWF-Expertin für EU-Fischereipolitik. Sie kritisierte, dass der Entwurf weder Zeitvorgaben enthalte noch Verantwortlichkeiten und Umsetzungsrahmen bestimme. Dem Papier fehlten auch Vorgaben zum Abbau der Flottenüberkapazität.
wbr/dapd/AFP/dpa
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