Ausbreitungsstudie: Wölfe fühlen sich in Deutschland wohl

Wölfe streifen wieder durch die Wälder Deutschlands. Erstmals haben Biologen das Ausbreitungsverhalten der Tiere untersucht. Die Ergebnisse verblüffen die Fachwelt: Die Wölfe sind offenbar nicht nur sehr anpassungsfähig - sie legen auch erstaunlich lange Strecken zurück.

Wölfe in Deutschland: Rückkehr der grauen Räuber Fotos
dpa

Der Wolf erobert Deutschland zurück: Vor elf Jahren wurde erstmals wieder ein Rudel in den heimischen Wäldern der Oberlausitz entdeckt. Seither haben sich die Tiere rasch vermehrt: Zwölf Rudel sowie mehrere Paare und Einzeltiere leben heute wieder in unserem Land. Vor allem in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg scheint sich der Wolf wohl zu fühlen - in naher Zukunft könnte er sogar wieder in ganz Deutschland heimisch werden.

Zu dieser Einschätzung kommt eine am Donnerstag in Bonn vorgestellte Studie des Bundesamts für Naturschutz (BfN). Demnach lassen sich die Raubtiere bei ihren Wanderungen selbst von Flüssen und Autobahnen nicht aufhalten. "Wölfe brauchen keine Wildnis, sondern sie können sich auch in unserer Kulturlandschaft sehr rasch ausbreiten und an die unterschiedlichsten Lebensräume anpassen", sagt Beate Jessel, Präsidentin des BfN.

In Deutschland war der Wolf Mitte des 19. Jahrhunderts faktisch ausgerottet. Erst seit wenigen Jahren ist er wieder hier heimisch. Im Jahr 2000 siedelte sich ein aus Polen eingewandertes Wolfspaar in Sachsen an und zog erstmals seit rund 150 Jahren wieder Welpen in Deutschland auf. Mittlerweile sind es insgesamt rund 60 Wölfe, die in Deutschland beheimatet sind. Allein in der sächsischen Lausitz und Brandenburg leben neun Rudel. Aber auch in Mecklenburg-Vorpommern, Bayern, Hessen und Niedersachsen sind bereits Einzeltiere aufgetaucht.

Laut einer BfN-Studie aus dem Jahr 2009 bietet Deutschland theoretisch Lebensraum für bis zu 441 Wolfsrudel. Die besten Voraussetzungen findet der Wolf in den west- und süddeutschen Mittelgebirgen, im Alpenraum, aber auch auf ehemaligen Truppenübungsplätzen.

Um die Ausbreitung der Wölfe zu verfolgen, statteten Forscher sechs Tiere mit GPS-Sendern aus und sammelten drei Jahre lang Funkdaten. Die Ergebnisse verblüfften selbst Fachleute. "Wölfe können mehr als 70 Kilometer pro Tag zurücklegen", berichtet Jessel. Die Tiere waren sehr anpassungsfähig und blieben nicht nur im Wald, sondern wagten sich auch auf offenes Gelände und hielten sich sogar längere Zeit entlang von Verkehrswegen auf.

Vorurteile gegenüber dem grauen Räuber sitzen tief

Die Rückkehr der Tiere sorgt freilich nicht überall für Freude. Zwar haben laut einer aktuellen Umfrage des BUND knapp 80 Prozent der Deutschen nichts gegen eine Rückkehr der scheuen Raubtiere. Die Vorurteile gegenüber dem "bösen Wolf", der über Jahrhunderte hinweg dämonisiert und verfolgt wurde, sitzen aber tief. Um Vorurteile abzubauen und Konflikte zu vermeiden, gibt es in einigen Ländern wie Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Bayern und Sachsen-Anhalt Managementpläne zum Umgang mit Wölfen.

Die Rückkehr von Canis lupus ist eine Geschichte, die unter Naturschützern und Jägern für heftigen Streit sorgt. Die einen fürchten das Raubtier, weil es das Wild vertreibt und Jägern die Beute im Wald streitig macht. Nicht immer waren die Weiden ausreichend gesichert. Auch Nutztierliebhaber wehren sich oft gegen die Rückkehr des Wolfs, da ihre Tiere für die Räuber eine einfache Beute sind. Ein Wolf braucht immerhin eine tägliche Fleischration von zwei bis drei Kilo. In den vergangenen Jahren wurden wiederholt Schafe, Ziegen und auch Damwild von Wölfen gerissen. Die anderen sehen im Wolf einen Helfer. Denn Rehe und Rothirsche nagen an Baumrinden, fressen die jungen Triebspitzen auf und schädigen so den Wald.

Doch das Zusammenleben zwischen Mensch und Wolf hat sich verbessert: Im sächsischen Wolfsgebiet werden Maßnahmen zum Herdenschutz wie etwa Elektrozäune öffentlich gefördert. Für durch Wölfe verursachte Verluste gibt es einen Ausgleich. Auch die jahrelange Aufklärungsarbeit sei dafür wichtig gewesen, berichtet Ilka Reinhardt vom Wildbiologischen Büro Lupus in der Lausitz. Den Menschen sei bewusst, dass sich mit dem Auftauchen des Wolfs nichts ändert. "Sie können im Wald weiterhin Pilze suchen, joggen gehen und ihre Kinder in der Natur spielen lassen."

Grundsätzlich sind Wölfe für Menschen keine Gefahr. Sie sind scheu und ergreifen - wenn sie entdeckt werden - in der Regel die Flucht. Ohnehin ist nach Einschätzung von Experten nicht zu erwarten, dass es in deutschen Wäldern bald von Wölfen wimmelt. Nach wie vor handelt es sich oft um Einzelgänger, die ein Single-Dasein fristen. Gefahr droht den Wölfen noch von ganz anderer Seite: Immer wieder wurden die seit 1990 geschützten Tiere illegal geschossen. Nicht wenige wurden zudem überfahren - allein in der Lausitz mindestens 15 Wölfe.

cib/AFP

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insgesamt 68 Beiträge
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1. Oma, warum hast du so große Zähne? - Damit ich dich ....
cassandros 27.10.2011
Zitat von sysopWölfe streifen wieder durch die Wälder Deutschlands. Erstmals haben Biologen das Ausbreitungsverhalten der Tiere untersucht. Die Ergebnisse verblüffen die Fachwelt: Die Wölfe sind offenbar nicht nur sehr anpassungsfähig - sie legen auch erstaunlich lange Strecken zurück.
daß der Wolf anpassungsfähig ist, wissen wir, seit er mit Kopftuch bei Rotkäppchens Großmutter im Bette gelegen hat. Die Frage ist, wie lange sich der dt. Spaziergänger in Wald und Naherholungsgebieten noch genauso wohlfühlt wie der vierbeinige Fleischfresser?
2. Böser Wolf?
festuca 27.10.2011
Zitat von cassandrosdaß der Wolf anpassungsfähig ist, wissen wir, seit er mit Kopftuch bei Rotkäppchens Großmutter im Bette gelegen hat. Die Frage ist, wie lange sich der dt. Spaziergänger in Wald und Naherholungsgebieten noch genauso wohlfühlt wie der vierbeinige Fleischfresser?
Tja, Rotkäppchen musste ja sofort bemüht werden. Sie können in der Lausitz täglich in der Natur unterwegs sein und würden keinen Wolf bemerken. Der verzieht sich lange bevor Sie ihn zu Gesicht bekommen. Nutztiere wie Schafe muss man dann eben eingattern und mit Hunden schützen, es wird auch großzügig gefördert und eventuell auftretende Verluste ersetzt. Sie können also ruhig mit Ihrer kleinen Enkeltochter im Wald spazieren gehen. Im Weichbild mancher europäischer Großstädte wie z.B. Rom funktioniert das Zusammenleben Wolf-Mensch ja auch seit Anbeginn.
3. Einfach mal Entspannen
liebski74 27.10.2011
Ich denke mal die Rueckkehr der Woelfe ist ein gutes Zeichen und etwaige Angst von Spaziergaengern voellig unbegruendet. Hier in Ontario gibt es Woelfe und trotzdem geht man in the Provincial Parks und uebernachtet in der Wildnis im Zelt. Einen Wolf zu sehen oder hoeren waere schon grosses Glueck. In der Geschichte Kanada's ist noch kein Fall belegt, dass Woelfe je einen gesunden Menschen angefallen und getoetet haetten. Die Probleme gibt es eher mit Schwarzbaeren und Coyoten/Coydogs or Coywolves. Einfach mal die Sache entspannt sehen und sich freuen, das die Natur ein Gleichgewicht herstellt. Gruesse aus Kanada
4. Toll!
berossos 27.10.2011
Zitat von sysopWölfe streifen wieder durch die Wälder Deutschlands. Erstmals haben Biologen das Ausbreitungsverhalten der Tiere untersucht. Die Ergebnisse verblüffen die Fachwelt: Die Wölfe sind offenbar nicht nur sehr anpassungsfähig - sie legen auch erstaunlich lange Strecken zurück. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,794357,00.html
Im Artikeltext bin ich gerade auf die schöne Wortschöpfung "Nutztierliebhaber" gestoßen. Nun stelle ich mir den Besitzer einer Hühnerfarm vor, der sich Tag und Nacht um seine Tierchen kümmert und großherzig darauf verzichtet, ihnen auch nur eine Feder zu krümmen ... Im übrigen ist die deutsche Wald-, Feld- und Wiesenzecke viel gefährlicher als jedes Wolfsrudel und verursacht erheblich mehr gesundheitliche und damit verbunden finanzielle Schäden.
5. Schoene Nachricht, doch....
Magnolie5 27.10.2011
nur wenn sich der Wolf so schnell verbreitet, werden wir auch immer haeufiger tote Woelfe am Strassenrand in den Medien praesentiert bekommen.
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