Ausgegraben

Shackelton-Expedition Bilder einer fehlgeschlagenen Antarktisdurchquerung

Von

nzaht.org

In einer Hütte des Polarforschers Robert Falcon Scott schlummerten hundert Jahre lang Fotografien von der fehlgeschlagenen Antarktisdurchquerung seines Kollegen Ernest Shackleton. Einem Restaurator ist es jetzt gelungen, die alten Negative zu entwickeln - sie zeigen die letzten Aufnahmen des Goldenen Zeitalters der Antarktis-Forschung.

Warum die Bilder in der Dunkelkammer des Expeditionsfotografen Herbert Ponting im ewigen Eis zurückblieben, werden wir wohl nie erfahren. Wahrscheinlich hatten die Männer andere Sorgen, als am 10. Januar 1917 nach fast zwei Jahren endlich das Schiff "Aurora" auftauchte, um sie nach Hause zu holen. Wahrscheinlich waren sie einfach nur froh, dass alles vorbei war.

Am Weihnachtstag des Jahres 1914 hatte ihr Schiff das tasmanische Hobart verlassen. Ihr Ziel: der McMurdo-Sund in der Antarktis. Hier wollte das Team Vorratslager deponieren für Shackletons Antarktisdurchquerung, da dessen eigenes Team nicht genug Vorräte transportieren konnte.

Die Männer riskierten ihr Leben

Doch am 16. Mai 1915 fegte ein Blizzard über sie hinweg, trieb die "Aurora" aufs Meer hinaus - und zehn der Männer saßen ohne Schiff und ohne Vorräte auf Ross Island fest. Sie hatten jedoch Glück im Unglück: Am Kap Evans standen die Hütten von Scotts Expedition vier Jahre zuvor, voll mit Lebensmitteln und Ausrüstung.

Mit den Hütten als Basislager machten die Männer sich daran, ihre Arbeit zu vollenden und Depots für Shackleton anzulegen. Dafür riskierten sie ihr Leben - und drei verloren ihres dabei. Sie starben auf der zum damaligen Zeitpunkt längsten Hundeschlittenfahrt, die jemals auf einer Expedition unternommen worden war. 198 Tage lang kämpften ursprünglich sechs der Männer sich durch das Eis, gequält von Skorbut und Schneeblindheit.

Die Bilder wurden wahrscheinlich durch Expeditionsfotograf Herbert Ponting aufgenommen - als die Welt noch in Ordnung war. Sie zeigen die Landschaft des McMurdo-Sunds: offenes Wasser und Eisberge, die in der Sonne funkeln. Auch die "Aurora" ist zu sehen - die Aufnahmen entstanden, bevor sie im Blizzard verschwand.

Die Aufzeichnungen gingen verloren

Auf einem Bild steht ein bärtiger Mann an die Reling der "Aurora" gelehnt und schaut grimmig in Richtung Kamera. Es ist Alexander Stevens, der leitende Wissenschaftler des Teams. Zu seinen Aufgaben gehörten die Beobachtung von Wetter, Gletschern und dem Meer sowie Untersuchungen zu den Südlichtern. Stevens war ein gewissenhafter Mensch und notierte sorgfältig seine Aufzeichnungen, doch die gingen verloren, als bei seiner Heimkehr nach England das Schiff, auf dem er sich befand, im Kanal von der deutschen Kriegsmarine torpediert wurde. Stevens aber überlebte. Er lehrte bis 1953 an der University of Glasgow und starb friedlich zu Hause in Schottland im Jahr 1965.

Letztes Jahr entdeckte ein Team des neuseeländischen Antarctic Heritage Trust den verklebten Haufen von Zellulosenitrat-Negativen in einer Schachtel in Pontings antarktischer Dunkelkammer. Der Antarctic Heritage Trust ist eine gemeinnützige Gesellschaft, die sich die Konservierung der Hütten der Antarktisforscher Scott, Shackleton und Hillary in der Ross Sea zur Aufgabe gemacht hat.

Die Forscher brachten die Negative nach Neuseeland und übergaben sie dem Restaurator Mark Strange. In mühevoller Kleinarbeit separierte und säuberte der die zweiundzwanzig Negative vom Schmutz der Jahrzehnte - und dem Schimmel, der sich mittlerweile zwischen den einzelnen Lagen gebildet hatte. Anschließend wurden die Negative gescannt und die digitalen Scans in Positive umgewandelt.

Die letzte Expedition des Goldenen Zeitalters

Als die "Aurora" im Januar 1917 ankam, um die Ross Sea Party abzuholen, dachte niemand daran, die Bilder aus der Dunkelkammer zu holen. Die überlebenden Männer mussten erfahren, dass alles umsonst gewesen war. Shackleton hatte seine geplante Durchquerung der Antarktis auf dem Landweg nicht einmal beginnen können.

Sein Schiff, die "Endurance", wurde noch vor der Landung in der Antarktis vom Packeis zermalmt. Zwar wurden alle Mitglieder von Shackletons Crew gerettet - doch es vergingen Monate, bis die abgetriebene "Aurora" repariert war und aufbrechen konnte, das zweite Team vom Ross Island zu erlösen. Danach brauchte niemand mehr die Hütten am Kap Evans. Die Expedition Shackletons sollte die letzte große Expedition des Goldenen Zeitalters der Antarktis-Forschung bleiben.

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11 Leserkommentare
herkurius 17.01.2014
Newspeak 18.01.2014
herkurius 18.01.2014
rompipalle 18.01.2014
herkurius 18.01.2014
Newspeak 19.01.2014
Newspeak 19.01.2014
herkurius 20.01.2014
rompipalle 20.01.2014
herkurius 21.01.2014
rompipalle 22.01.2014

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