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Ausgegraben

Ausgegraben Der Zwillingsbruder von Seahenge

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Holme II: Im Zentrum lagen parallel zueinander zwei Eichenstämme

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Zwei mysteriöse Holzansammlungen an einem Strand in England stellen Forscher vor Rätsel. Nun zeigt sich: Die beiden Gebilde könnten zu einer Grabanlage gehört haben. Im Inneren fanden Forscher Hinweise auf einen Sarkophag.

Beim Stichwort "Henge" fallen den meisten Leuten britische Steinkreise wie Stonehenge ein. Doch längst nicht jede Henge-Anlage war aus Stein gebaut. Sogar Stonehenge selber bestand eine Zeitlang, zu Beginn des dritten Jahrtausends vor Christus, lediglich aus einem Kreis von Baumstämmen.

Ein Baumstammkreis stand einst auch am Strand der englischen Grafschaft Norfolk, nahe des kleinen Dorfes Holme-next-the-sea. Als Ausgräber ihn vor fünfzehn Jahren freilegten, gab die Presse ihm in Anlehnung an die Steinkreise von Salisbury den Namen "Seahenge". Dabei ist der Baumstammkreis von Holme strenggenommen gar keine Henge-Anlage, weil ihm dazu die typischen Elemente Wall und Graben fehlen.

Vor über 4000 Jahren gefällt

Die Überraschung war groß, als vor dreizehn Jahren etwa hundert Meter weiter östlich noch ein weiterer Kreis auftauchte. Der Holme II genannte Baumstammkreis ist sogar noch etwas größer als sein Zwilling. Das Holz von Holme II wurde jetzt von einem Team um David Robertson untersucht. Über die Baumringe kann mithilfe der sogenannten Dendrochronologie bestimmt werden, in welchem Jahr ein Baum gefällt wurde.

Das Ergebnis: Die Bäume für den Bau von Holme II wurden im Frühjahr oder Sommer des Jahres 2049 vor Christus gefällt - in genau demselben Jahr wie auch diejenigen für Seahenge. "Da die Hölzer zur selben Zeit gefällt wurden, muss der Bau beider Monumente im direkten Zusammenhang stehen", erläutert Robertson. "Von Seahenge nehmen wir an, dass es ein freistehender Baumstammkreis war, der vielleicht an den Tod eines Menschen erinnern sollte. Er ist aber eher ein Symbol für den Tod als der Begräbnisplatz. Wenn er aber Teil eines Grabmonuments war, dann befand sich das tatsächliche Grab unter Holme II."

Unterbau für Sarkophag

In der Tat handelt es sich zwar bei beiden Anlagen um Baumstammkreise, doch damit enden die Gemeinsamkeiten auch schon. Seahenge wurde aus 55 gespaltenen kleinen Eichenstämmen errichtet. In deren Mitte steckte ein umgedrehter Eichenstumpf - Krone nach unten, Wurzeln nach oben -, genau datiert auf das Jahr 2050 vor Christus. Im Zentrum von Holme II dagegen lagen parallel zueinander zwei Eichenstämme - eventuell dienten sie einst als Unterbau für einen Sarkophag. Darum stand ein Oval aus Eichenstämmen, zwischen die wie bei einem Flechtzaun Zweige gewoben waren. Der äußere Ring bestand aus dicht gesetzten gespaltenen Eichenstämmen. Auf der Ostseite der Anlage lag ein Eingangstor. Zu sehen war von diesen Konstruktionen allerdings nichts - über dem Grab schütteten die Hinterbliebenen einen großen Erdhügel auf.

Robertson vermutet, dass sowohl der Zaun als auch der Baumstammkreis von Holme II Hilfsmaßnahmen bei der Errichtung des Hügels waren: "Der ovale Kreis mit dem Flechtzaun könnte als Sichtschutz gedient haben, um den Sarg vor neugierigen Blicken zu schützen, bevor der Hügel darüber gesetzt wurde", mutmaßt er. "Und die äußere Palisade diente dann als Stütze für den Fuß des Hügels.

Abtransport unter Polizeischutz

Mehr als 4000 Jahre lang überdauerte das doppelte Grabmal. Doch viel mehr werden nicht hinzukommen. Jedes Jahr spült das Meer weitere Teile von Holme II fort. 2003 verschwand der Flechtzaun, und im Oktober jenen Jahres wusch ein Sturm einen der mittleren Stämme einfach weg. Der zweite folgte im März 2004. Zunehmend spült die See das Sediment um die äußere Palisade fort, so dass auch hier mehr und mehr Stämme verschwinden.

Pläne, die Reste des Kreises zu retten, gibt es nicht. Das würde nach der Ausgrabung von Seahenge auch niemand mehr angehen wollen. Denn als die Denkmalpflegeorganisation British Heritage im Jahr 1998 mit den Ausgrabungen begann, sahen sie sich mit wütenden Proteststürmen von Einheimischen und neopaganen Gruppen konfrontiert.

Der einzige Weg, das empfindliche Holz vor dem schellen Verfall zu bewahren, war, es zu entfernen und in ein Labor zu bringen, um das Wasser in den Zellen gegen Konservierungsmittel auszutauschen. Die modernen Druiden sahen darin ein Sakrileg, die Einheimischen fürchteten um ihre Einnahmen aus dem Tourismus. Am Ende konnten die Archäologen die Stämme nur unter Polizeischutz bergen und abtransportieren. Ohne Rettungsmaßnahmen aber bleiben Holme II noch zwei oder drei Herbststürme, dann wird von der Anlage nichts mehr übrig sein.

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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