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Ausgegraben

Ausgegraben Makaberer Brennstoff

Fund am Nil: Leichen als Brennstoff Fotos
Associazione Culturale per lo Studio dell¿Egitto e del Sudan ONLUS/ N. Cijan

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"Die Eingeweide, gelöst in ständigem Ausfluss, entleeren sich aller Körperkräfte; ein Feuer, dessen Ursprung im Mark liegt, gärt in den Wunden tief im Rachen; die Innereien werden geschüttelt vom steten Erbrechen; die Augen brennen vom eingeschossenen Blut; machmal nimmt die Vergiftung durch krankhafte Verwesung Arme und Beine." So anschaulich beschreibt der Kirchenschriftsteller Cyprian (ca. 200 bis 258 nach Christus) die Symptome jener Seuche, die im dritten Jahrhundert Europa entvölkerte und nach ihm benannt wurde: die Cyprianische Pest.

Opfer dieser Seuche fanden Archäologen der Missione Archeologica Italiana a Luxor (MAIL) unter der Leitung von Francesco Tiradritti in einer Grabanlage am Westufer des Nil in Theben, dem heutigen Luxor. Doch das Grab wurde nicht etwa für die Seuchentoten angelegt. Die Totengräber beseitigten die dahingerafften Massen in den wunderschönen Kenotaph - dem leeren Scheingrab - des Harwa und des Akhimenru. Harwa war zu dem Zeitpunkt allerdings bereits ein Jahrtausend tot. Er lebte zu Beginn des siebten Jahrhunderts vor Christus als Obervermögensverwalter der Gottesgemahlin des Amun Amenirdis I. Damit war Harwa ein mächtiger Mann: Sein Kenotaph ist eine der größten privaten Grabanlagen Ägyptens. Etwas später fügte Akhimenru seine Grabkammer hinzu.

In dieser Anlage arbeiten die Archäologen der MAIL bereits seit 1995. Doch statt reicher Grabbeigaben entdeckten sie dort die schaurigen Reste eines Massensterbens. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Egyptian Archaeology" berichten sie von den jüngsten Funden. Mittlerweile können die Forscher ein recht genaues Bild der schrecklichen Vorgänge zeichnen. Vor dem Eingang zur Grabkammer des Harwa brannte ein riesiges Feuer auf dem die Totengräber zunächst die Leichen verbrannten, bevor sie die Knochen im nördlichen Gang der ersten Säulenhalle des Grabes entsorgten.

Improvisationswütige Totengräber

Den Kalk für die Desinfektion brannten die Totengräber gleich vor Ort: im Hof der Anlage. Hier grub das Team von Tiradritti drei Kalköfen aus. Offenbar improvisierten die Totengräber mit allem, was sie in der näheren Umgebung finden konnten: "Die Kalköfen waren aus Lehmziegeln gebaut, die aus der Umfassungsmauer des Grabes des Padiamenope stammten", berichten die Ausgräber.

Zur Desinfektion von Gräbern verwendete man früher Calciumhydroxid - gelöschten Kalk. Dafür benötigt man zunächst Calciumoxid. Das weiße Pulver entsteht, wenn man Kalkstein bei hohen Temperaturen verbrennt und so das Kohlendioxid austreibt. Kalkstein aber gab es auf dem Friedhof von Theben in großen Mengen: die Grabmonumente. "Einige der Kalksteinfragmente aus den Brennöfen konnten wir identifizieren. Sie stammten direkt von den Grabaufbauten des Harwa und des Akhimenru. Wir konnten sogar ihren ursprünglichen Platz ermitteln: eines stammte aus der ersten Säulenhalle des Harwa, ein anderes vom Eingang zum Grab des Akhimenru."

Auch das Brennmaterial für die Befeuerung der Öfen lag in greifbarer Nähe. Dazu bedienten die Totengräber sich bei den hölzernen Sarkophagen - und den darinliegenden Mumien. Direkt bei den Kalköfen lagen mehrere angekokelte Sargfragmente. Und auch einen Haufen Sarg- und Mumienfragmente, der in der Mitte des Eingangs lag, interpretierten die Forscher als unverbrauchtes Brennmaterial. Die Särge stammen aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus - waren also bei Ausbruch der Seuche erst rund ein Jahrhundert alt.

Bevor sie es nun über die Toten schütten konnten, mussten die Totengräber das Calciumoxid noch löschen - durch Zugabe von Wasser in Calciumhydroxid umwandeln. Das geschah in einer Senke im Eingang zur Osirisnische im Grab des Akhimenru.

Unbekannte Tote

Sie müssen fieberhaft gearbeitet haben - und immer noch brachten die Leicheneinsammler neue Tote zum Friedhof. Die Reste eines Feuers unmittelbar neben der Grabgrube sprechen dafür, dass auch Nachts gearbeitet wurde, um all der hochinfektiösen Leichen Herr zu werden. Auch wenn wir die Seuche als Cyprianische Pest bezeichnen, handelte es sich bei dem Erreger wahrscheinlich vielmehr um Poxviridae - die Pocken. Allein in Rom soll die Cyprianische Pest zu Hochzeiten des Ausbruchs zwischen 250 und 271 nach Christus täglich über 5000 Menschen dahingerafft haben. "Sie tötete zwei Kaiser - Hostilian im Jahr 251 und Claudius II Gothicus im Jahr 270 - und es herrscht allgemein die Überzeugung, dass die Pest des Cyprian das Römische Reich entscheidend schwächte und seinen Niedergang beschleunigte", fassen die Forscher das Ausmaß der Seuche zusammen.

Wer die Toten waren, die in dem Kenotaph des Harwa und Akhimenru beseitigt wurden, wissen wir nicht. "Aber die Grabstätte lag weit genug von jeder Siedlung entfernt, um sich für die Entsorgung der Leichen zu eignen", erklärt Tiradritti. "Und das hat ihr nachhaltig einen schlechten Ruf eingebracht und sie zu einem "verfluchten" Ort gemacht - bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts Grabräuber kamen, wurde sie offenbar gemieden."

6 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
io_gbg 22.06.2014
jana45 22.06.2014
druck_im_topf 22.06.2014
Koda 23.06.2014
nilaterne 26.06.2014
nilaterne 26.06.2014

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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