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Ausgegraben

Ausgegraben Kambyses verschwundene Armee

Ausgegraben: Kambyses verschwundene Armee Fotos
Olaf E. Kaper

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Es ist eines der großen Rätsel der Archäologie: Wohin verschwand im Jahr 524 vor Christus die Armee des Kambyses? Der griechische Historiker Herodot schrieb auf, was ihm rund 75 Jahre später über das Verschwinden der 50.000 Soldaten des persischen Königs berichtet wurde: Von Oasis aus zogen die Perser durch die Sandwüste gegen das Orakel des Ammon in der Oase Siwa.

Kambyses wollte sich am Orakel rächen - denn es hatte seinen Untergang prophezeit. Doch auf halbem Wege erhob sich, als die Perser gerade beim Frühstück saßen, ein "gewaltiger, ungewöhnlicher Sandsturm". Der begrub Kambyses gesamte Armee. "So seien sie nun verschollen", beendet Herodot lakonisch seinen Bericht.

Mit einer Ausgabe von Herodots Historien in der Hand haben bereits viele versucht, die verschollene Armee des Kambyses wiederzufinden. Graf László Almásy (bekannt als der "Englische Patient") suchte nach ihr. Die National Geographic Society finanzierte eine Suchexpedition, ebenso die amerikanische Universität Harvard. Journalisten, Abenteurer, und Schatzsucher glaubten an die eine große Sanddüne, unter der sie die Knochen von Kambyses Männern finden würden.

Doch kein Sandsturm

Jetzt hat der niederländische Ägyptologe Olaf Kaper von der Universität Leiden das Rätsel um das Schicksal der Armee lösen können. Den beschriebenen Sandsturm hat es nie gegeben. Das Verhängnis der Perser hieß vielmehr Petubastis III. und war während der 25. Dynastie Gaufürst von Tanis. Kurz nach der Eroberung Ägyptens durch Kambyses führte er eine Rebellion gegen die Besatzer an. Wahrscheinlich, folgert Kaper, besiegte er mit einer weitaus kleineren Truppe das persische Riesenheer.

Das aber war dem König Darius I, der zwei Jahre später die Revolte mit viel Blutvergießen endgültig niederschlagen konnte, peinlich. Also erfand er die Geschichte mit dem Sandsturm. Herodot fiel drauf rein, schrieb sie auf und schickte damit Horden von künftigen Archäologen in die Wüste.

"Drei Dinge sind auffällig an der Geschichte des Herodot", berichtete Kaper vergangene Woche auf einer internationalen Konferenz in Leiden. "Erstens ist die Zahl von 50.000 Soldaten sehr hoch." Wer die Wüste durchqueren will, tut das eher in kleinen Gruppen - das ist weitaus schneller und effektiver. Zumal sich 50.000 Mann bei einer Plünderung des Orakels eher gegenseitig auf den Füßen gestanden hätten. "Zweitens ist da der fragwürdige Ausgangspunkt der Expedition."

Theben, von wo aus das Heer loszog, wäre jedenfalls nicht der naheliegendste. Wer in die Oase Siwa will, macht sich von Memphis aus auf den Weg oder reist zunächst entlang der Mittelmeerküste. Herodots Streckenangabe aber ist korrekt: Für die Distanz zwischen Theben und der Oasis Charga brauchte das Heer sieben Tage. "Die dritte Unstimmigkeit ist die Todesart," schließt Kaper. Ein Sandsturm in der Wüste ist zwar unangenehm - aber er bringt einen ebenso wenig um wie ein Regenguss in der Norddeutschen Tiefebene.

In der Wüste lauern andere Todesgefahren: der Durst etwa oder die Erschöpfung. Ein paar Sandkörner aber haben noch niemanden ins Jenseits befördert. Zumal nicht so eine Armee wie die des Kambyses, die aus erfahrenen Wüstenkriegern bestand.

Verräterisches Tempelportal

Die Lösung fand Kaper allerdings nicht in der Wüste - sondern in Amheida in der Oase Dachla. Gesucht hatte er nicht danach - es war eher ein Zufallsfund. Denn dort entdeckte er bei Ausgrabungen das Portal eines Tempels. Eine Namenskartusche verriet den Erbauer: Petubastis III. "Ein Tempel wird von einem König aber nur für seine Heimatstadt oder ein wichtiges Verwaltungszentrum gebaut", erläutert Kaper. "Die einzig mögliche Schlussfolgerung ist in diesem Fall, dass Dachla Petubastis als Hauptstützpunkt diente, von dem aus er seine Rebellion organisierte."

Es ging also nie um das Orakel. Kambyses wollte nicht nach Siwa - sondern nach Dachla. "Hier saß der Rebellenhauptmann Petubastis", folgert Kaper. "Überraschenderweise schlug er Kambyses' Truppen. Später eroberte er weite Teile Ägyptens zurück und ließ sich schließlich in der Hauptstadt Memphis zum Pharao krönen."

Als Darius zwei Jahre später schließlich die Rebellion niederschlug, zog er seine Lehren aus dem Verschwinden von Kambyses Heer. "Darius investierte sehr viel in die Entwicklung der südlichen Oasen", schließt Kaper. "Die Motive für diese Politik werden jetzt deutlich durch die Rolle, die sie während der Rebellion spielten. Indem die Perser die Landwirtschaft und die Infrastruktur neu organisierten, stellten sie sicher, dass von diesen Oasen aus nie wieder eine Revolte starten würde."

22 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
minsch 27.06.2014
nickleby 27.06.2014
götterbote2012 27.06.2014
elisheba 27.06.2014
interstitial 27.06.2014
interstitial 27.06.2014
dliblegeips 27.06.2014
mori1982 27.06.2014
qlcasa 27.06.2014
serkan1992 27.06.2014
sagittarius58 28.06.2014
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Millie van Cash 28.06.2014
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elisheba 28.06.2014
eagle0899 28.06.2014
mona.dietrich 01.07.2014

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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