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Ausgehende Ölreserven: Der leergepumpte Planet

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Die Menschheit hat schon fast 40 Prozent aller Erdölvorräte aus der Erde geholt. Mit spektakulären Funden riesiger Reserven rechnen Experten kaum noch. Im Gegenteil: In wenigen Jahren werde die Ölförderung ihren absoluten Höhepunkt erreichen - und danach von Jahr zu Jahr sinken.

Die Erdölvorräte gehen zur Neige. Schon in 10 bis 15 Jahren, so prognostiziert das Bundesamt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), wird die Hälfte des auf der Erde förderbaren Öls verbraucht sein. "Ein sukzessiver Rückgang der Förderung ist spätestens ab diesem Zeitpunkt zu erwarten", schreiben die Rohstoffexperten aus Hannover in einer neuen, bislang nicht veröffentlichten Studie, die SPIEGEL ONLINE in Auszügen vorliegt.

Aber wie lange wird die Ölförderung noch die Nachfrage decken können? Und wie groß sind die Reserven wirklich? Experten bezweifeln schon seit längerem, dass die Angaben der Opec-Länder wirklich den Tatsachen entsprechen. Die Werte könnten deutlich zu hoch sein, befürchten sie. Und tatsächlich sind die Angaben der Opec-Golfstaaten über ihre Förderkapazitäten und Reserven alles andere als transparent.

Von aufgeblasenen Reservestatistiken geht man im BGR jedoch nicht aus: "Für mich ist das Panikmache", sagt Peter Kehrer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Opec-Angaben sind nach Einschätzung des Geologie-Professors glaubwürdig. "Wir machen jährlich eine Zusammenstellung der Energieträger weltweit - und prüfen Angaben der Länder auf Plausibilität."

Die zehn ölreichsten Länder
1 Saudi-Arabien 35.478
2 Kanada 24.126
3 Iran 18.630
4 Irak 15.430
5 Kuwait 13.717
6 Arabische Emirate 12.851
7 Venezuela 11.190
8 Russische Föderation 8.163
9 Libyen 5.465
10 Nigeria 4.915
Angaben: Millionen Tonnen (2006), Quelle: Esso-Studie Oeldorado 2007

Trotzdem gibt es mitunter große Unterschiede in den Angaben über die Ölreserven - jene Ölmengen also, die heutzutage technisch und wirtschaftlich förderbar sind. So weisen die Ölkonzerne BP und Esso in jeweils eigenen Studien für Nordamerika völlig unterschiedliche Zahlen aus. Laut BP betragen die Reserven 7,8 Gigatonnen, bei Esso sind es 27 Gigatonnen - also mehr als dreimal so viel.

Der Unterschied ist schnell aufgeklärt: Esso hat bereits die sogenannten Ölsande in die Statistik mit aufgenommen. Das sind Sande, die mit Schwerölen durchtränkt sind. Dieses Öl wird bereits seit einigen Jahren in Kanada gefördert – die Produktionskosten sind mit denen für konventionelles Erdöl vergleichbar.

Unterschiedliche Angaben über bestehende Erdölreserven hängen auch mit verschiedenen Berechnungsarten zusammen. "Die US-Börsenaufsicht SEC rechnet eher konservativ", sagt BGR-Experte Hilmar Rempel im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Ergebnisse lägen etwa 25 Prozent unter denen, die man nach den Vorgaben der Society of Petroleum Engineers (SPE) erhalte. Börsennotierte Unternehmen müssten ihre Angaben nach Vorschriften der SEC machen. Rempel hält die SPE-Methode aber für genauer, um die tatsächlichen Reserven zu ermitteln.

Ölpreis seit Anfang 2006: Deutliches Plus
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Ölpreis seit Anfang 2006: Deutliches Plus

In den Ölreserve-Statistiken gibt es noch weitere Ungereimtheiten. So fehlen laut Rempel darin Schwerstöle in Venezuela, obwohl diese bereits abgebaut werden wie die Ölsande in Kanada. Das Gesamtbild ändert sich dadurch freilich nicht. Denn die Schwerstöle gehören auf jeden Fall zu den Ressourcen, die schon entdeckt wurden, deren Förderung aber technisch oder finanziell noch nicht möglich ist. Auch Lagerstätten, deren Existenz noch nicht erwiesen, aber geologisch möglich ist, gehören dazu.

Nach den neuesten Kalkulationen des BGR betragen die Erdölreserven derzeit 162 Gigatonnen und die noch nicht förderbaren Ressourcen 82 Gigatonnen. 2006 wurden weltweit 3,9 Gigatonnen gefördert – mehr als je zuvor. In den vergangenen Jahren ist die Menge der Ölreserven allerdings immer wieder gestiegen – so auch von 2005 zu 2006. Der Anstieg, zumindest im Vorjahr, hat jedoch weniger mit Neufunden zu tun als mit einer Höherbewertung bekannter Felder.

Könnten bislang unbekannte Vorräte in der Arktis und der Antarktis den absehbaren Rückgang der Ölförderung verzögern? Immerhin hat der Wettlauf um die Ressourcen rund um den Nordpol bereits begonnen – eingeleitet von einer PR-Aktion, bei der Tauchroboter im Sommer eine russische Flagge am Meeresboden aufstellten. Am Südpol zeichnet sich ein ähnliches Gerangel ab: Großbritannien hat bereits Gebietsansprüche angemeldet, Chile folgte wenige Tage später.

"Generell ist zu erwarten, dass in der Arktis Einiges liegt", sagt Rohstoffexperte Rempel. Aber niemand könne derzeit genau sagen, wie viel Öl das sei. "Es gibt unterschiedliche Schätzungen, man sollte da vorsichtig sein." Rempel vermutet, dass im Bereich der von Russland beanspruchten Arktis ohnehin eher Gas als Öl zu finden ist. Rempels Kollege Kehrer hält die Suche nach dem letzten Tropfen Öl für regelrecht absurd. "Kein Mensch denkt ernsthaft an die Antarktis. In 50 Jahren haben wir etwas viel Intelligenteres als Öl."

Was die Ausbeutung bekannter Ölfelder betrifft, rechnen Fachleute kaum noch mit größeren Fortschritten. Derzeit kann von einer Tonne, die in der Erde lagert, im Schnitt nur ein Drittel nach oben gepumpt werden. Viel mehr als 40 Prozent sind laut Zhengmeng Hou von der Technischen Universität Clausthal kaum drin. "Und da muss man schon sehr viel Technik einsetzen."

Bei bestimmten Ölvorkommen verhindert auch die geologisch aktive Erde eine Förderung: "Wenn die Lagerstätten sehr tief sind, also mehrere tausend Meter, bekommt man Probleme mit der Bohrlochstabilität", meint Hou. Dann spiele die Tektonik eine wichtige Rolle.

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