Ausgestorbener Raubfisch: Fossil soll wieder schwimmen lernen

Von Christoph Seidler

Forscher Pacholak (l.) und Kogan (r.): Urzeitfisch soll im Computer schwimmen Zur Großansicht
TU Bergakademie Freiberg/ Eckardt Mildner

Forscher Pacholak (l.) und Kogan (r.): Urzeitfisch soll im Computer schwimmen

Zu schnell, um der Beute eine Chance zu lassen: Saurichthy-Fische waren tödliche Meeresräuber und vor allem nach einem globalen Massensterben erfolgreich. Ein Exemplar soll nun im Computer auferstehen - mit einer Methode aus dem Flugzeugbau.

Warum es zum großen Sterben kam, darüber streiten die Experten. Manche machen gigantische Vulkane dafür verantwortlich, dass vor rund 250 Millionen Jahren ein Großteil aller Arten auf der Erde verschwand, andere den Einschlag eines fremden Himmelskörpers - und wieder andere gefährliche Gase aus riesigen Salzseen oder gar einen mächtigen Gammablitz in unserer kosmischen Nachbarschaft. Und das sind nur ein paar der Erklärungsansätze.

Als gesichert gilt, dass an der Grenze der Erdzeitalter Perm und Trias binnen kurzer Zeit etwa 75 Prozent aller an Land lebenden Arten ausstarben. Im Wasser lag die Verlustrate wohl sogar noch höher. Auch weil massiv steigende Temperaturen und CO2-Werte die Ozeane versauern ließen - und sich so die Kalkskelette vieler winziger Meeresbewohner zersetzten. Doch manche Arten konnten auch vom Dahinsiechen ihrer Konkurrenten profitieren: An Land schickten sich die Dinosaurier an, die Welt zu erobern - und im Wasser waren zum Beispiel die Saurichthy-Fische erfolgreich.

Die gut einen Meter langen Tiere waren vermutlich äußerst kämpferisch - und griffen womöglich sogar Flugsaurier an, wenn diese im Wasser auf Nahrungssuche waren. Forscher an der TU Bergakademie Freiberg wollen die prähistorischen Meeresräuber jetzt wieder schwimmen lassen - wenn auch nur im Computer.

Für das Projekt haben sich der Paläontologe Ilja Kogan und der Strömungsmechaniker Steffen Pacholak zusammengetan. Sie wollen herausfinden, welche körperlichen Merkmale den Saurichthys ihren evolutionären Vorteil verschafften. Die Verwandten der heutigen Hornhechte verfügten über einen langen, schmalen Körper, der in einem spitz zulaufenden Kopf mit riesigem Kiefer auslief.

Beobachtung lebender Raubfische soll Daten liefern

Die Torpedoform des Fisches ist gut in Fossilen erkennbar. An einem besonders gut erhaltenen Exemplar wollen beiden Forscher ihre Analysen durchführen, ein Sammler hatte es einst im Nordwesten von Madagaskar gefunden. Auf verschlungenen Wegen gelangte die Versteinerung schließlich nach Sachsen. In der Mitte aufgebrochen zeigt sie zwei Abdrücke eines Saurichthys. "Das Fossil ist komplett erhalten von beiden Seiten", lobt Steffen Pacholak. "Das ist selten."

Ein Künstler fertigte für die beiden Forscher auf Basis des Fossils ein etwa 60 Zentimeter langes Epoxydharz-Modell des räuberischen Fisches. Dieses wurde anschließend mit einem 3-D-Scanner digitalisiert. Im Computer soll der Urzeitfisch nun seine Geheimnisse preisgeben. Mit Modellrechnungen der Numerischen Strömungsmechanik, die sonst zum Beispiel beim Bau von Flugzeugen zum Einsatz kommen, wollen die Forscher die Schwimmbewegungen simulieren.

"Wir können nicht einfach das Modell in den Computer werfen und hoffen, dass er uns die richtigen Ergebnisse ausspuckt", sagt Steffen Pacholak. Die Freiberger Wissenschaftler müssen deswegen physikalische Parameter festlegen - und sehen, wie sich das Modell jeweils unter den jeweiligen Bedingungen verhält. Ideen soll dabei die Beobachtung lebender Raubfische liefern.

Auch der Körperbau des Fossils liefert einige nützliche Hinweise für die Berechnungen. So finden sich etwa nur wenige Reihen mit Schuppen. Die Schwanzflosse der Saurichthys war symmetrisch aufgebaut - im Gegensatz zu den meisten anderen urzeitlichen Fischarten. Und Rücken- sowie Afterflosse standen sich auf der Ober- und Unterseite des Körpers gegenüber. "Wir nehmen an, dass dieser symmetrische Aufbau der Flossen dem Saurichthys eine sehr schnelle und starke Beschleunigung ermöglichte", sagt Forscher Pacholak.

Und dann ist da noch die versteifte Wirbelsäule des stromlinienförmigen Fisches. Sie dürfte Wirbelbewegungen im Kopfbereich verringert haben. So konnte der Raubfisch dank kräftiger Schläge mit der Schwanzflosse mit großer Geschwindigkeit durchs Wasser gleiten - ohne dass seine Beute noch eine Chance zur Flucht hatte.

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insgesamt 12 Beiträge
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1. tödliche Meeresräuber
manni.baum 30.03.2013
für jeden Hering der von einem Kabeljau gefressen wird war dieser ein "tödlicher Meeresräuber". Im Gegensatz zu Menschen "rauben" Tieren nicht, sie fressen andere wenn sie Hunger haben.
2.
Oberleerer 30.03.2013
Warum brechen die jedes Fossil auseinander? Mittlerweile sollte bekannt sein, dass man durch Rönten sehr viel mehr Details wie Weichteile, Schuppen und Federn sichtbar machen kann.
3. optional
Ungebildeter 30.03.2013
Nur mal zum Verständnis: Man möchte am Computer eine alte Spezies wiederbeleben. Alle unbekannten Fakten versucht man durch Beobachtung heutiger Fische auszugleichen. Und am Ende hat man dann virtuell dieses Wesen erschaffen ohne zu wissen, ob es tatsächlich so jemals existiert hat? Toll.
4. optional
qui87 30.03.2013
Schade,ein so gut erhaltenes Fossil auseinander zu brechen,bei den technischen Möglichkeiten von heute..
5. Danke
mimak 30.03.2013
Zitat von manni.baumfür jeden Hering der von einem Kabeljau gefressen wird war dieser ein "tödlicher Meeresräuber". Im Gegensatz zu Menschen "rauben" Tieren nicht, sie fressen andere wenn sie Hunger haben.
Ich dachte ich wäre der einziger mit dieser Einsicht. Einen Adler nennen wir "gefährlichen" Raubvogel, aber ich denke jeder Regenwurm findet den Singvogel Amsel viel bedrohlicher. Ich finde "Raubtier" muss durch was sinnvolleres und weniger negatives ersetzt werden.
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