Ausgrabungen: Pyrene, im Land der Kelten

Von Klaus-Dieter Linsmeier

2. Teil

Unter den Besuchern dürften Händler gewesen sein, wohl auch Gesandte ferner Herrscher. Denn nicht nur die Lehmziegelbauweise bezeugt gute Beziehungen der Donaufürsten zum Mittelmeerraum. Zum Beispiel stammen einige der Fibeln genannten Gewandspangen dem Stil nach aus Norditalien oder imitierten solche Vorbilder. Einzigartig ist das Fragment eines Bronzespiegels. Arsen war auf das Metall aufgedampft worden, um das Reflexionsvermögen zu erhöhen, eine im griechischen Raum gebräuchliche Technik der Oberflächenvergütung. Vermutlich waren griechische Produkte vom Mittelmeerhafen Massalia (dem heutigen Marseille) über die Rhône und Saône verschifft und dann über Land weitertransportiert worden. Eine andere Route hätte vom Schwarzen Meer aus auf der Donau entlang geführt. Etruskische und italische Produkte gelangten über Alpenpässe nach Mitteleuropa.

Zu einem guten Geschäft gehören immer zwei. Was also hatte die Heuneburg anzubieten? Hier können die Forscher nur spekulieren. Den Funden nach waren im Burgbereich wie in der Außensiedlung viele Handwerker vertreten, darunter Weber, Eisenverarbeiter und Bronzegießer. Doch was hätte einen Kaufmann interessiert, der den Mittelmeerraum belieferte? Die Archäologen entdeckten Bernstein von der Ostsee und – britisches Zinn. Möglicherweise war die Keltensiedlung ein Umschlagplatz für das seltene Legierungselement der Bronze.

Vieles spricht dafür, dass die Heuneburg innerhalb der frühen Hallstattkultur eine führende Rolle einnahm. Auch wenn streitbare Althistoriker wie der Tübinger Frank Kolb eine solche Titulierung vehement ablehnen, sprechen einige Forscher doch vorsichtig von der ersten stadtähnlichen Siedlung Mitteleuropas. Hat Herodot womöglich die Heuneburg gemeint, als er im 5. Jahrhundert v. Chr. schrieb: "Denn der Istros – das war die Donau – entspringt bei den Kelten und der Stadt Pyrene." Vermutlich kannte er die Heuneburg nur vom Hörensagen, was die kleine Ungenauigkeit bezüglich der Donauquelle erklärt, aber auch zur Skepsis mahnt.

Zumal schon vor seiner Zeit, Mitte des 6. Jahrhunderts, Zerstörung und Veränderung über den Fürstensitz hereinbrachen. Die Lehmziegelmauer brannte nieder und wurde nicht wieder aufgebaut. In den Brandschichten steckten Waffen wie Pfeil- und Lanzenspitzen oder Schleudersteine. Eine wenig spektakuläre Holz-Erde-Mauer schützte fortan das Plateau, das nur noch locker bebaut war, die Außensiedlung verschwand. Ungefähr zur gleichen Zeit gewannen die Stammesführer vom Fürstensitz auf dem Hohenasperg an Bedeutung, das verraten Grabhügel in desssen Umfeld wie das des "Fürsten von Hochdorf". Hatten sich also die Machtverhältnisse im Keltenland verschoben und den Herrn der Heuneburg zum Vasallen degradiert?

Invasion oder Umsturz?

Jörg Bofinger ist skeptisch: "Dort standen Holzhäuser dicht an dicht und in jedem loderten offene Feuer. Eine gewaltsame Auseinandersetzung ist sicher nicht die einzig mögliche Erklärung für die Brandschicht." Und Dirk Krausse ergänzt: "Warum errichtete man gerade jetzt einen zusätzlichen Wall um den Burgberg und davor vier große Hügelgräber? Warum gab es nun attische Keramik und etruskische Bronzegefäße, also teure Importwaren? Das spricht gegen einen Bedeutungsverlust."

Es lässt sich trefflich spekulieren, wie Brandschicht und Waffenfunde auch anders zu erklären seien: Das Volk könnte sich gegen einen unfähigen Herrscher erhoben oder ein Rivale innerhalb der Elite die Macht an sich gerissen haben. Letzteres wäre eine – freilich immer noch spekulative – Erklärung dafür, warum mit den neuen Grabhügeln vor der Burg die großen im Umfeld nicht weiter genutzt wurden. Vielleicht bewohnten die zugehörigen Familien nun den Herrschersitz? Die Nekropole vor dem Wall war eine neue Form, Macht zu präsentieren.

Demnach sprechen die Forscher seit Paulus wohl zu Recht von "Fürsten", einem Begriff, der gesellschaftliche Stellung durch Abkunft, nicht durch Leistung suggeriert. Entwickelten sich also regelrechte Dynastien, die ihren Rang vererbten? Diese Frage lässt sich zwar nicht schlüssig beantworten, doch ein Zufallsfund unterstreicht die Bedeutung der familiären Herkunft. Als Siegfried Kurz im letzten Jahr ein Maisfeld unterhalb der Burg abging, leuchtete ihm Metall entgegen. Was er zunächst für einen Kronkorken hielt, entpuppte sich als goldene Fibel. Eine Grabung brachte noch mehr kostbaren Schmuck zu Tage, aber auch Bruchstücke von Zähnen eines zwei- bis vierjährigen Mädchens. Es hatte sich den Luxus nicht verdienen müssen, sondern war reich geboren worden.

In jeder Krimiserie ist es heute gang und gäbe, verwandtschaftliche Beziehungen anhand von DNA-Analysen zu erkunden. Warum sollte es also nicht möglich sein herauszufinden, ob die verschiedenen Keltenfürsten miteinander verbandelt waren? Skelettreste haben sich zumindest aus der späten Phase der Hallstattkultur durchaus erhalten, Experten nahmen so genannte mitochondriale DNA-Proben. Leider musste dieses Projekt aus Kostengründen wieder aufgegeben werden. Immerhin deuteten erste Ergebnisse tatsächlich auf eine gemeinsame mütterliche Linie zwischen den Mächtigen von Hochdorf und denen vom Hohenasperg hin, während eine solche Verwandtschaft mit den Fürsten der Heuneburg wohl auszuschließen ist.

Anfang des 5. Jahrhunderts v. Chr. verschoben sich die Machtverhältnisse nachhaltig. Neue Herrschersitze entstanden, nun aber in einem Streifen, der nördlicher lag und sich von Mittelrhein und Mosel bis in die heutige Champagne erstreckte. Manche davon werden derzeit systematisch untersucht wie der Ipf am Nördlinger Ries, andere haben schon Furore gemacht wie der Glauberg in Hessen mit seiner berühmten Nekropole. Ein Hügelgrab, umgeben von einem Graben, eine mehrere hundert Meter lange "Prozessionsstraße", dazu die bekannte Sandsteinstatue, die wahrscheinlich den Verstorbenen darstellt – alles spricht dafür, dass dort ein Ahnenkult in großem Stil betrieben wurde. Nirgends sonst wird die Religion der frühen Kelten so fassbar wie am Glauberg. Denn eigens errichtete Heiligtümer waren in der Hallstattzeit unüblich, man opferte höheren Mächten in Höhlen und an ungewöhnlichen Felsformationen.

Um 400 v. Chr. brach dann eine neue Zeit an, die nach einem Fundort am Neuenburger See Latène genannt wird. Jetzt erst erscheinen jene Kelten, die antike Autoren so eindringlich beschrieben haben: schreckliche Krieger, die bis nach Kleinasien zogen und die dem römischen Feldherrn Gaius Iulius Caesar in Gallien Paroli boten, Menschen opfernde Druiden und grausig anzusehende Götterbilder. Hallstatt- und Latènekultur unterscheiden sich derart, dass schon der Verdacht geäußert wurde, sie hätten nichts miteinander gemein. Dagegen sprechen aber Gräber, deren Beigaben eine Phase des Übergangs belegen, wie zum Beispiel das Grab der keltischen Prinzessin von Vix in Burgund und das benachbart gelegene kleine Heiligtum.

Doch wann wurde die Heuneburg endgültig aufgegeben? Darüber diskutieren die Experten, denn scheinbar widersprechen die Befunde einander. So wurden bislang 14 Bauphasen der Burg bestimmt, Siegfried Kurz leitet daraus eine "Betriebsdauer" von etwa 150 Jahren ab: Eine Siedlungsschicht entsteht infolge von Neubauten. Ein Haus aus Eichenholz ist aber im Mittel erst nach 15 Jahren auf Grund von Fäulnis nicht mehr benutzbar. Einige der Siedlungsphasen dürften allerdings kürzer gewesen sein, da Brände und weicheres Bauholz die Standzeit der Gebäude verkürzten. Alles in allem wäre die Heuneburg demnach erst um etwa 400 v. Chr. verlassen worden.

Krausse und Bofinger datieren ihre jüngsten Schichten aber anhand von Importwaren aus dem Mittelmeerraum auf 470/460 v. Chr. (besonders attische Keramik bietet eine sehr genaue und etablierte Chronologie). Zu dieser Annahme passt ein Grab in Hallein bei Salzburg, dessen Fußzierfibeln Heuneburgfunden ähneln und dessen hölzerne Einbauten dendrochronologisch auf 464 v. Chr. datiert wurden. Jörg Biel vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, Leiter der Heuneburg-Grabungen, hält es deshalb für möglich, dass die Einteilung in 14 Siedlungsschichten überdacht werden muss. "In jedem Fall benötigen wir mehr Daten, sonst ist das alles zu spekulativ."

Der Geländesporn nahe der Schwäbischen Alb gibt also noch so manches Rätsel auf. Doch für diesen Tag ist es genug, Dauerregen zwingt das Forscherteam ins Grabungshaus. Im Aufenthaltsraum riecht es nach feuchter Erde und kaltem Zigarettenrauch. Während Fundgut – Scherben und Knochen – vorsichtig mit Zahnbürsten gesäubert werden, diskutiert man über die Reste eines Kuppelofens, der im Bereich der Toranlage zum Vorschein kam. Darüber, ob man seine Mauern abbauen soll, um ältere Schichten zu erreichen – die Gemeinde Hundersingen möchte die Anlage aber als weitere Museumsattraktion erhalten. Fast noch interessanter ist aber die Frage, was an diesem Abend auf den Tisch kommen soll – der Tag war anstrengend. Jeder hofft auf besseres Wetter, schließlich soll die Grabung noch eine Weile weitergehen. Es gibt einfach zu viele offene Fragen.

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