Koalas in Not: Sterbende Kuscheltiere

Von National-Geographic-Autor Mark Jenkins

Sie verfangen sich in Zäunen, werden von Hunden getötet oder von Autos überfahren: Der Koala, das kuschelige Symbol Australiens, ist in Not. Jetzt macht auch noch eine Infektion den Tieren zu schaffen. Biologen fordern Bürger zur Mithilfe auf.

Der Koala, das kuschelige Symbol einer ganzen Nation und eines der beliebtesten Tiere des Planeten, ist in Not. Ehe Europäer Australien vor mehr als zwei Jahrhunderten besiedelten, lebten dort etwa zehn Millionen Koalabären in den Eukalyptuswäldern eines 2500 Kilometer langen Ostküstenstreifens. Wegen ihres begehrten Fells wurden sie gejagt; das führte in der südlichen Hälfte ihres Verbreitungsgebiets beinahe zu ihrer Ausrottung. Auch in der nördlichen Hälfte, in Queensland, wurden allein im Jahr 1919 eine Million Koalas getötet.

Am Ende der letzten legalen Jagdsaison, im Jahr 1927, gab es in Queensland nur noch ein paar zehntausend dieser Tiere. Während des folgenden halben Jahrhunderts erholten sich die Bestände langsam, zum Teil aufgrund der Bemühungen, Koalas gezielt wieder auszuwildern. Dann aber begann die Verstädterung ihren Preis zu fordern.

Der Lebensraum der Koalas wurde kleiner, Krankheiten breiteten sich aus. Bestandserhebungen sind schwierig, deswegen gibt es eine große Spannbreite bei den Schätzungen der heutigen Population: Tierschutzorganisationen reden von 44.000 Koalas, nach Behördenangaben sollen es 300.000 sein. Vor gut zehn Jahren gab es eine Zählung im Gebiet der sogenannten Koala Coast im südöstlichen Queensland. Dort wurde der Bestand damals auf 6200 Koalas geschätzt; davon sind noch etwa 2000 übrig geblieben.

Hausbesitzer sollten Eukalyptusbäume erhalten

"Koalas verfangen sich in Zäunen und verenden. Sie werden von Hunden getötet oder von Autos überfahren. Oder sie sterben, weil ein Hausbesitzer ein paar Eukalyptusbäume in seinem Garten fällt", sagt Deidré de Villiers, eine der leitenden Koalaforscherinnen der Umweltbehörde von Queensland. Seit 15 Jahren ist die heute 38-Jährige für die Beutelbären zuständig.

Sie überwacht die Populationen, untersucht die Gründe für den Rückgang der Tiere und erarbeitet Richtlinien für eine Koala-freundlichere Stadtplanung. De Villiers ist überzeugt, dass Koalas und Menschen auch in einer städtischen Umgebung gemeinsam leben können, "wenn die Planer bereit sind, auf die Belange der Tiere Rücksicht zu nehmen".

Nötig wären Tempolimits auf den Straßen und grüne Korridore, in denen die Koalas gefahrlos wandern können. Vor allem aber sollte man jeden der wertvollen Eukalyptusbäume erhalten. Das ist aber noch nicht alles. "Ein großes Problem sind Krankheiten", sagt der Tierarzt Jon Hanger. Er arbeitet in Queensland für die Tierschutzorganisation "Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals".

Hanger hat entdeckt, dass gut die Hälfte aller Koalas in Queensland mit Chlamydien infiziert sind. Das sind Bakterien, die bei der Paarung, bei der Geburt oder bei Kämpfen der Männchen übertragen werden. Während sich Chlamydien bei Menschen gut mit Antibiotika bekämpfen lassen, ist die Infektion für viele Koalas tödlich.

Welche Schuld trifft die Regierung?

Hanger arbeitet deswegen auch in einem Forschungsteam, das versucht, einen Impfstoff gegen Chlamydien zu entwickeln. Die Schuld an der aktuellen Gefährdung der Koalas sieht Jon Hanger bei der Provinzregierung: "Queensland hat mit seinen Maßnahmen, das Koalasterben zu bremsen, kläglich versagt."

Jetzt solle die Bundesregierung die Sache in die Hand nehmen und die Koalas auf die Liste der gefährdeten Arten setzen. So ließen sich vielleicht die letzten Reste ihres Lebensraums retten.

Bis dahin aber seien private Bürgerinitiativen absolut notwendig, sagt Hanger: "Je mehr Koalas wir verlieren, desto wertvoller wird jedes einzelne Tier." Deidré de Villiers nimmt diese Verantwortung ernst. Wer sie in ihrem Haus nahe Brisbane besucht, sieht, dass die renommierte Koalaforscherin sich auch nachts als Pflegemutter liebevoll um die Tiere kümmert.

Nacktes Junges im Beutel

Einige Tage später fährt de Villiers zu einem Wäldchen in der Nähe des Lake Samsonvale. Sie möchte "Tee Vee" einfangen, eine wild lebende Koalabärin. Die Wissenschaftlerin beobachtet sie seit mehr als einem Jahr. Die Umweltschutzbehörde hat in "Tee Vees" Territorium einige Koalas ausgewildert, und de Villiers protokolliert die Folgen für den örtlichen Bestand. Mit einem Empfänger für Funksignale geht sie durch den Wald und horcht auf einen Piepser vom Sendehalsband der Koalabärin.

Der Koala wird betäubt, de Villiers macht sich an die Arbeit. Sie vermisst und wiegt ihn und notiert den Zustand der Zähne und des Fells. Dann stockt sie. "Ich glaube, sie hat ein Junges", sagt sie. Mit einem Finger fährt sie in den Beutel der Bärin, öffnet ihn und zieht vorsichtig ein zehn Zentimeter langes Geschöpf heraus.

Es ist blind und nackt, hat aber bereits voll entwickelte rasiermesserscharfe Krallen. Schnell, aber sorgsam untersucht de Villiers das Baby und den Beutel. Sie findet keine Hinweise auf Krankheiten oder Missbildungen, deswegen schiebt sie das Kleine sanft in den Beutel seiner schlafenden Mutter zurück. "Solange es gesunde Babys gibt", flüstert sie, "so lange gibt es Hoffnung für die Koalas."

Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe August 2012, www.nationalgeographic.de

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter www.nationalgeographic.de/reportagen/bedrohte-koalas-kleiner-baer-was-nun

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insgesamt 2 Beiträge
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    Seite 1    
1. Mithilfe von Menschen!
Federal-States-Of-Europe 28.07.2012
Selbstverständlich müssen die Bürger zur Mithilfe aufgefordert werden. Es wird viel zu wenig für die Tiere in der Welt getan. Hingegen nimmt der Mensch den Tieren einen großen Teil ihres Lebensraums, nutzt sogenannte "Nutztiere" stets für seine Vorteile und Belange aus, während dieser Begriff allein schon aussagekräftig genug erscheint, welche werte der Mensch den Tieren überhaupt zumisst. Im deutschen Recht wird das Tier beispielsweise imer noch als "Sache" behandelt, was vor dem eigentlichen Hintergrund einer mitfühlenden Kreatur einfach unbegreiflich und keinesfalls akzeptabel ist. Oberflächlich und desinteressiert werden Lebensberechtigung und Interessen sowie Lebensräume der Tiere abgetan, so lange es dem Menschen vermeintlich nur gut geht. Dass wir aber letztlich alle in einer Symbiose miteinander leben, die die Natur so geschaffen hat, während in irgendeiner Weise der Eine von dem Anderen abhängig ist, übersieht der Mensch in seiner grenzenlosen Dummheit und entzieht sich weiterhin jeder Verantwortung für Fauna und Flora. Weiß der Mensch auch, wohin wir damit steuern?
2. Kuscheltiere
Layer_8 28.07.2012
Zitat von sysopSie verfangen sich in Zäunen, werden von Hunden getötet oder von Autos überfahren: Der Koala, das kuschelige Symbol Australiens, ist in Not. Jetzt macht auch noch eine Infektion den Tieren zu schaffen. Biologen fordern Bürger zur Mithilfe auf. Australien: Bedrohte Koalas sollen gerettet werden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,846767,00.html)
Koalas sind KEINE Kuscheltiere! Die wollen nicht gekuschelt werden, nur in Freiheit ihren Eukalyptus genießen. Das sind Wildtiere, als Haustiere absolut ungeeignet. Hab ich mal in Australien gelernt
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