Unbekannte Tierarten In den Klauen des Bärtierchens

Millionen Tierarten bevölkern die Erde, doch die wenigsten bekommen Menschen jemals zu sehen. Ein opulenter Bildband zeigt jetzt die faszinierende Artenwelt jenseits von Tiger, Adler und Hai.

WGB/ EYE OF SCIENCE

Wie viele Tierarten es auf der Welt gibt, weiß niemand genau. Die Zahlen gehen weit auseinander; mal ist von unter zehn Millionen, mal von mehr als 100 Millionen die Rede. Eine der bisher besten Schätzungen wurde 2011 veröffentlicht. Demnach leben rund 7,77 Millionen Tier-Spezies auf der Erde, von denen allerdings nur rund eine Million bisher erfasst sind. Ein noch viel kleinerer Teil ist der breiten Öffentlichkeit bekannt - nämlich die Arten, die man im Zoo oder im Tierfilm zu sehen bekommt: Große Säugetiere, exotische Vögel, furchterregende Reptilien und schillernde Fische.

Wer aber hat jemals schon vom Igelwurm, von der Lampenmuschel oder vom Geisterpfeifenfisch gehört? Der Bildband "Unbekannter Planet" des britischen Zoologen Ross Piper ist eine beeindruckende Reise in jenen (großen) Teil der Tierwelt, den man normalerweise nicht zu sehen bekommt. Und der ist, wie das 320 Seiten starke Buch mit rund 500 Bildern zeigt, mitunter faszinierender anzusehen als Haie oder Adler. Ein Hundespulwurm etwa wird unter dem Mikroskop zu einer eindrucksvollen Erscheinung, die an ein Monster aus dem Film "Dune - der Wüstenplanet" erinnert.

Bewegungen mithilfe von innerem Flüssigkeitsdruck

Seine Vorgehensweise macht Ross schon auf den ersten Seiten des Buches deutlich: Er möchte nicht die ganz besonderen Tiere abbilden, sondern einen echten Überblick über die Artenvielfalt liefern. So ist auf der ersten Doppelseite des Buches ein Stammbaum der Tiere abgebildet. Die Wirbel- oder auch Schädeltiere - zu denen auch der Mensch, die selbsternannte Krone der Schöpfung zählt - sind dort nur eine Gruppe unter vielen, eingequetscht zwischen Schädellosen und Stachelhäutern.

Neben großformatigen Bildern erklärt der Autor viel zu Form und Aufbau, Lebensweise, Entstehung und Verwandtschaft der Tiere. Die ausführlichen Texte sind mitunter zwar ein wenig langatmig, haben aber faszinierende Momente - etwa wenn man erfährt, dass die tapsig wirkenden Bärtierchen die winzigen Klauen an den Enden ihrer Stummelbeinchen nicht nur mit Muskelkraft, sondern auch mit innerem Flüssigkeitsdruck bewegen.

Wessen Geduld und Interesse zur erschöpfenden Lektüre der Texte nicht ausreichen, kann sich entspannt zurücklehnen und in den Bildern schwelgen, die von faszinierend bis eklig reichen. So ist etwa vom riesigen antarktischen Schuppenwurm nur der im Labor herauspräparierte furchterregende Kiefer abgebildet. Und den parasitisch lebenden Saitenwurm sieht man, wie er sich aus seinem Wirt, einer harmlosen Heuschrecke, herauswindet.

aei/mbe



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