Lake Whillans: Leben unter dem ewigen Eis der Antarktis entdeckt

Die Antarktis aus dem All gesehen: Unter dem dicken Eispanzer existiert Leben Zur Großansicht
REUTERS/ NASA

Die Antarktis aus dem All gesehen: Unter dem dicken Eispanzer existiert Leben

Es ist extrem kalt und dunkel - und dennoch scheint es Lebensformen zu geben, die in den Tiefen des Antarktis-Eises existieren können. In Bodenproben konnten Forscher nun Enzyme nachweisen, die nur einen Rückschluss zulassen: In dieser unwirtlichen Umgebung leben Bakterien.

Ein ganzes Netz von Seen erstreckt sich über den kilometerdicken Permafrostböden der Antarktis. Wissenschaftler spekulierten schon länger, dass es in den Gewässern und vor allem in der darunterliegenden Sole Leben gibt. Wie die "New York Times" nun berichtet, haben US-Forscher in den Tiefen nun nachweisen können, dass es unterhalb des Lake Whillans lebende Bakterien geben muss.

Der Fund verändere die Art, wie Forscher das Leben in extremen Lebensräumen wie der Antarktis berurteilen, sagte Expeditionsleiter John Priscu von der University of Montana State der Zeitung. Weil die Mikroben aber in einem Lebensraum gedeihen, wie er auch auf anderen Himmelskörpern zu finden sei, könne die weitere Forschung auch Rückschlüsse darüber erlauben, ob es im Weltall Leben gebe, ergänzte Chris McKay von der US-Weltraumbehörde Nasa.

Die Lebensbedingungen in der Antarktis sind alles andere als einladend: Monatelang fehlt es an Sonnenlicht, es wehen eisige Stürme, vielerorts bleiben die Temperaturen ganzjährig unter Null. Monatelang bohrten sich Priscu und seine Kollegen vom Wissard-Projekt nun durch das fünf Kilometer dicke Eis, das den 59 Quadratkilometer großen Lake Whillans bedeckt. Es gelang den Wissenschaftlern, Proben aus dem See zu nehmen.

Die spätere Analyse offenbarte eine höhere Konzentration von Lebensspuren als in den Proben, die direkt am Bohrloch genommen wurden, sagt Priscu. Die meisten Nachweise aber fand man in den Proben, die direkt im Seegrund genommen wurden.

Kein Erfolg am Wostoksee

Das Wissard-Forschungsprojekt - die Abkürzung steht für Whillans Ice Stream Subglacial Access Research Drilling - startete nach jahrelanger Planung. Es ist nur eines von mehreren Projekten, bei denen versucht wird, die Seen unter dem antarktischen Eis zu erforschen.

Vor einem Jahr gelang es russischen Forschern, den Wostoksee in der Ostantarktis anzubohren. Im Oktober 2012 war die Bergung der ersten Proben bekanntgegeben worden. Die Analyse hatte aber keine Sensationen gebracht. Auf Lebewesen im Seewasser sei man nicht gestoßen, hieß es. Zwar habe man eine extrem geringe Menge an Bakterien nachweisen können, doch die seien vermutlich über das Bohrloch nach unten gekommen. Oder vielleicht doch nicht? Erst vor zwei Wochen haben die russischen Forscher mitgeteilt, aus dem abgeschotteten Gewässer eine weitere Wasserprobe an die Oberfläche gehoben zu haben.

Auch britische Wissenschaftler arbeiten in der Antarktis: Sie hatten ihre Bohrung zu einem See unter dem Eis allerdings kürzlich abbrechen müssen. Der Sprit sei zur Neige gegangen, hieß es. Ob eine weitere antarktische Bohrsaison finanziert wird, ist unklar - das Projekt der Briten muss vorerst als gescheitert gelten.

Im November vergangenen Jahres spekulierten auch Forscher um Alison Murray vom Desert Research Institute in Reno über Leben im ewigen Eis . Zuvor hatten sie die Proben aus Bohrungen am Lake Vida analysiert, die sie 2005 und 2010 gemacht hatten.

Lebendfund am Lake Vida

Dieser antarktische See ist von einer rund 20 Meter dicken Eisschicht bedeckt und befindet sich auf mehreren hundert Meter starkem Permafrostboden. Ursprünglich hatten Wissenschaftler angenommen, dass er vollständig gefroren ist. Messungen zeigten dann jedoch, dass es unter der Eisschicht flüssiges Wasser gibt, das extrem salzhaltig und etwa minus 13 Grad Celsius kalt ist.

Trotz dieser widrigen Bedingungen machte der See bereits vor knapp zehn Jahren als potentieller Lebensraum für ungewöhnliche Mikroben von sich reden: Damals hatten Wissenschaftler am unteren Ende von Eisbohrkernen organische Ablagerungen entdeckt, die eingefrorene Mikroorganismen enthielten. Sie spekulierten, dass es in der darunterliegenden Sole möglicherweise sogar noch lebende Pendants dieser Mikroben geben könnte.

Diese Annahme können Murray und ihr Team bestätigen, denn die Analyse unter dem Mikroskop zeigte ihnen: Das salzige Wasser enthielt kugel- und stäbchenförmige Mikroorganismen in verschiedenen Größen, die nicht selten in zusammenhängenden Paaren auftraten - ein Hinweis auf eine kürzlich erfolgte Teilung. Zudem fanden die Wissenschaftler Anzeichen für einen aktiven Stoffwechsel und eine, wenn auch langsame, Eiweißproduktion in den Zellen.

In zwölf Tagen zum Bohrloch

Das amerikanische Forschungsprojekt, mit rund zehn Millionen US-Dollar von der National Science Foundation (NSF) gefördert, konzentriert sich nun auf den Lake Whillans, dessen Eisschicht weniger dick ist als die der anderen Seen. Leichter zu erreichen ist er deshalb nicht. Die Wissenschaftler brauchten zwölf Tage, um die Bohrausrüstung von der Forschungsstation McMurdo über das Eis an die richtige Stelle zu bringen. Dann blieben ihnen vier Tage für die Bohrungen und die Entnahme von Proben.

In ersten Analysen der Proben konnten sie das Molekül Adenosintriphosphat (ATP) nachweisen - ein wichtiger Energieträger in den Zellen. Das war ein Beleg dafür, dass im Sediment des antarktischen Sees tatsächlich Leben vorhanden ist. Zurück im heimischen Labor wollen die Forscher mit DNA-Analysen aber erst einmal herausfinden, welche Art von Bakterien sie im ewigen Eis entdeckt haben.

nik

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
palmbacher 07.02.2013
Hm... Bei ATP handelt es sich mit Sicherheit nicht um das gefundene Enzym, denn dieses Molekül wird von vielen Enzymen benutzt, um irgendeinen energetisch aufwändigen Prozess zu katalysieren. Überdies stellt sich mit die frage nach der sinnhaftigkeit solcher Bohrungen, da zwei wesentliche Probleme entstehen können: 1) Kontamination der isolierten Seen mit überirdisch vorkommenden Bakterien/Viren mit möglicher Zerstörung des Lebensraumes. Hier spielt der Mensch mal wieder Gott. 2) möglicherweise können humanpathogene Keime durch die Bohrungen an die Oberfläche gelangen und - da vorher komplett unbekannt für den menschlichen Organismus bzw das Immunsystems - zur kompletten Ausrottung der menschlichen Spezies führen. Also sollte man solche Unternehmungen lieber unterlassen.
2. Darwin Award
Layer_8 07.02.2013
Zitat von palmbacher... Überdies stellt sich mit die frage nach der sinnhaftigkeit solcher Bohrungen, da zwei wesentliche Probleme entstehen können: 1) Kontamination der isolierten Seen mit überirdisch vorkommenden Bakterien/Viren mit möglicher Zerstörung des Lebensraumes. Hier spielt der Mensch mal wieder Gott. 2) möglicherweise können humanpathogene Keime durch die Bohrungen an die Oberfläche gelangen und - da vorher komplett unbekannt für den menschlichen Organismus bzw das Immunsystems - zur kompletten Ausrottung der menschlichen Spezies führen. Also sollte man solche Unternehmungen lieber unterlassen.
1) Was hat "Gott" denn gemacht, um "Ihn" versuchen spielen zu wollen? 2) Sie meinen die "schnelle" Variante der Extinktion humanoider Spezies? Egal, dem Ökosystem wird's gleich sein.
3. komplette Ausrottung
Mustermann 07.02.2013
Zitat von palmbacher...möglicherweise können humanpathogene Keime durch die Bohrungen an die Oberfläche gelangen und - da vorher komplett unbekannt für den menschlichen Organismus bzw das Immunsystems - zur kompletten Ausrottung der menschlichen Spezies führen. Also sollte man solche Unternehmungen lieber unterlassen.
Es handels sich um halophile Bakterien, also Bakterien die in extremer Salzlauge leben können bei niedrigen Temperaturen. Die gibt es sowieso schon, bisher sind keine als Killermikroben in Erscheinung getreten. Wie sollten sie auch, Halophile treffen sehr selten auf Menschen, die haben ganz andere Probleme.
4. Nachtrag
Mustermann 07.02.2013
Zitat von palmbacher..örung des Lebensraumes. Hier spielt der Mensch mal wieder Gott. 2) möglicherweise können humanpathogene Keime durch die Bohrungen an die Oberfläche gelangen und - da vorher komplett unbekannt für den menschlichen Organismus bzw das Immunsystems - zur kompletten Ausrottung der menschlichen Spezies führen. Also sollte man solche Unternehmungen lieber unterlassen.
The newfound life-forms have little connection to life on the earth's surface and many apparently survive by *"eating rocks,"* team member Brent Christner said in an interview from the U.S. McMurdo Station, after spending several weeks working at a remote field site at Lake Whillans.
5. Wie Mephisto schon sagte:
vantast64 07.02.2013
"Und dem verdammten Zeug, der Tier- und Menschenbrut, Dem ist nun gar nichts anzuhaben: Wie viele hab ich schon begraben! Und immer zirkuliert ein neues, frisches Blut. So geht es fort, man möchte rasend werden! Der Luft, dem Wasser wie der Erden Entwinden tausend Keime sich, Im Trocknen, Feuchten, Warmen, Kalten! Hätt ich mir nicht die Flamme vorbehalten, Ich hätte nichts Aparts für mich." Vermutlich wird es auf anderen Planeten auch so gehen, wir sollten hoffen, daß von dort nicht auch "Menschen" kommen, es würde fürchterlich, da schon hier der Mensch des Menschen Wolf ist.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS
alles zum Thema Antarktis
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 16 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Wostoksee: Das Bohrprojekt in der Antarktis

Fotostrecke
Antarktis: Inbegriff der Unerreichbarkeit
Fotostrecke
Isolierte Welt: Leben unterm Eis