Bakterienmatten: Süßwasserquellen bringen Leben ins Tote Meer

Das Tote Meer ist zehnmal salziger als die Nordsee - und entsprechend lebensfeindlich. Doch nun haben Wissenschaftler an Süßwasserquellen am Seegrund eine erstaunliche Vielfalt von Bakterien entdeckt. Ein Video zeigt den Tauchgang.

Totes Meer bei En Gedi: Leben im Salzmeer Zur Großansicht
DPA

Totes Meer bei En Gedi: Leben im Salzmeer

Bremen - Das Tote Meer lässt aufgrund seines Namens eine karge Unterwasserwelt erwarten. Doch in der Tiefe treiben Algen, am Grund leben vereinzelt Bakterien. An Süßwasserquellen am Seeboden haben Taucher nun überraschend vielfältiges Leben entdeckt. Vermutet hatte man solche Quellen dort schon länger, doch erst jetzt habe man ihre Existenz nachweisen können, berichtet das an dem Projekt beteiligte Max-Planck-Institut (MPI) für Marine Mikrobiologie in Bremen.

In unmittelbarer Umgebung der Süßwasserquellen stießen die deutschen und israelischen Wissenschaftler auf artenreiche Bakterienmatten, die große Bereiche des Seebodens bedeckten. Über deren mikrobielle Vielfalt sei man überrascht gewesen, heißt es. "Bisher waren im Toten Meer mikrobielle Matten nicht bekannt, und man wusste sehr wenig über Mikroorganismen im Sediment", sagt Projektleiter Danny Ionescu vom Bremer MPI. Zwar seien bereits zweimal zuvor, 1980 und 1992, Mikrobenblüten im Seewasser beobachtet worden. Die jetzt in den Matten gefundenen Organismen seien aber andere gewesen als die, die damals dieses Phänomen verursacht hätten.

"Wir denken, diese Entdeckung wird weitere neue Fragen aufwerfen", sagt Ionescu. Ungeklärt sei beispielsweise noch, wie diese Bakterien die extremen Bedingungen im Toten Meer überleben. Offen sei auch, woher sie ihre Energie beziehen.

Schon seit den dreißiger Jahren ist bekannt, dass der Name "Totes Meer" nicht ganz zutreffend ist. Denn im Wasser des salzigen Sees gibt es Mikroorganismen, wie Analysen von Wasserproben gezeigt hatten. Welche Lebewesen den Seegrund bevölkern, zeigt die aktuelle Studie.

Die an den Quellen entdeckten Mikroben gehören zur Gruppe der Archaeen, berichten die Forscher. Diese als besonders urtümlich geltenden Einzeller bilden neben Bakterien und den zellkerntragenden Organismen die dritte Gruppe des Organismenreichs. "Wir fanden zwischen 1000 und 10.000 Zellen pro Milliliter Seewasser - viel weniger als in den Meeren", sagt Ionescu.

Mit molekularbiologischen Methoden habe man herausgefunden, dass die Einzeller in den Biofilmen unterschiedliche Strategien zur Energiegewinnung einsetzen. Einige Arten nutzten das Sonnenlicht als Energiequelle, andere die Oxidation von Schwefel. Während ihrer nächsten Expedition wollen die Forscher diese unterschiedlichen Überlebensstrategien der Mikroben genauer erforschen.

Bisher konnte der Grund des Toten Meeres kaum erkundet werden, weil die hohe Salzkonzentration im Wasser das Tauchen schwierig und gefährlich machte. Ausgerüstet mit modernster Technik und Probenahmegeräten gelang es dem Forscherteam nun, mehrere neue Quellen zu kartieren und dort Wasser- und Sedimentproben zu nehmen.

Im nördlichen Untersuchungsgebiet im Toten Meer bilden die Quellen tiefe Brunnen, aus deren Boden das Süßwasser austritt, so die Wissenschaftler. Die Brunnen seien miteinander verbunden. Hunderte Meter lange Systeme in bis zu 30 Metern Wassertiefe seien dort bei den Tauchgängen entdeckt worden.

Die Auswertung der Wasserproben habe unter anderem ergeben, dass das Seewasser an verschiedenen Stellen sehr unterschiedlich zusammengesetzt ist. Forscher des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Halle sind zurzeit dabei, die Zusammenhänge zwischen den Quellen am Seegrund und dem Wasser des Sees genauer zu untersuchen.

Das Team um Ionescu will im Oktober eine weitere Tauchexpedition starten. Die Bedingungen sind extrem: Lufttemperaturen von über 45 Grad im seltenen Schatten sowie 30 Prozent Salzgehalt im Wasser. Etwa 50 Kilogramm zusätzliches Gewicht seien nötig, berichten die Forscher, um eine Person im Toten Meer unterzutauchen.

boj/dapd

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