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Uno-Chef Ban Ki Moon: "Der Klimawandel bedroht unsere Existenz"

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Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon: "Der Klimawandel hat keinen Reisepass"

In Paris wollen sich die Länder der Welt auf ein globales Klimaabkommen verständigen. Die bisherigen Verpflichtungen zum CO2-Ausstoß reichen nicht aus, mahnt Uno-Chef Ban Ki Moon in einem Gastbeitrag für SPIEGEL ONLINE - und fordert schnelles Handeln.

Während der fast neun Jahre als Generalsekretär bin ich an viele Frontlinien des Klimawandels gereist. Immer wieder habe ich mit Politikern, Geschäftsleuten und vielen anderen darüber gesprochen, wie wichtig eine weltweite Antwort ist.

Warum treibt mich dieses Thema so um?

Erstens will ich, wie jeder Großvater, dass meine Enkel die Schönheit und Großartigkeit eines intakten Planeten erleben können. Und wie jeden Menschen bestürzt es mich, dass Fluten, Dürren und Brände immer schlimmer wüten, dass Inselstaaten verschwinden und zahllose Tierarten ausgerottet werden.

Papst Franziskus und andere religiöse Führer haben uns daran erinnert, dass wir eine moralische Verantwortung besitzen, solidarisch mit den Armen und Verletzlichsten zu handeln. Sie sind am wenigsten für den Klimawandel verantwortlich, werden aber als Erste und am schlimmsten von den Auswirkungen betroffen sein.

Gefahr für wirtschaftliche Stabilität

Zweitens habe ich, als oberster Repräsentant der Vereinten Nationen, den Kampf gegen den Klimawandel zur Priorität gemacht, weil kein Land allein dieser Herausforderung gewachsen ist. Der Klimawandel hat keinen Reisepass. Emissionen, die irgendwo ausgestoßen werden, verschärfen das Problem überall. Der Klimawandel ist an jedem Ort eine Bedrohung für das Leben und unsere Existenz. Er gefährdet die wirtschaftliche Stabilität und Sicherheit der Länder. Nur durch die Vereinten Nationen können wir gemeinsam auf dieses entscheidende globale Thema eine Antwort geben.

Zur Person
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    Ban Ki Moon, 71, ist der achte Generalsekretär der Vereinten Nationen und seit dem 1. Januar 2007 im Amt. Zuvor war er von 2004 bis 2006 Außenminister Südkoreas und spielte eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen über das Atomprogramm Nordkoreas.
Der bisherige Verhandlungsprozess war zäh und mühsam. Aber wir sehen Ergebnisse. Dem Aufruf der Uno sind mehr als 166 Staaten gefolgt. Sie sorgen zusammen für mehr als 90 Prozent aller Emissionen und haben bereits nationale Klimapläne mit Zielen verabschiedet. Wenn diese nationalen Pläne erfolgreich umgesetzt werden, kann die Emissionskurve flacher werden und der Temperaturanstieg bis zum Ende des Jahrhunderts auf etwa drei Grad Celsius begrenzt werden.

Das wäre ein bedeutender Fortschritt. Aber er reicht nicht aus. Die Herausforderung besteht darin, viel weiter zu gehen und den weltweiten Ausstoß schneller zu senken, damit wir den globalen Temperaturanstieg auf unter zwei Grad Celsius halten können. Gleichzeitig müssen wir Staaten unterstützen, sich an die unabänderlichen Folgen des Klimawandels anzupassen, die uns schon jetzt betreffen.

Wird Paris zum Wendepunkt?

Je schneller wir handeln, desto größer werden die Vorteile für alle sein: mehr Stabilität und Sicherheit; stärkeres, nachhaltigeres Wirtschaftswachstum; gesteigerte Widerstandsfähigkeit gegenüber Naturkatastrophen; saubere Luft und Wasser sowie bessere Gesundheit.

Das werden wir nicht über Nacht erreichen. Die Klimakonferenz in Paris ist nicht der Endpunkt. Sie muss die Grundlage und nicht das obere Ende unserer Ambitionen sein. Sie muss zum Wendepunkt für eine klimaresistente Zukunft mit geringen Emissionen werden.

Weltweit entsteht eine Dynamik. Städte, Unternehmen und Investoren, religiöse Führer und normale Bürgerinnen und Bürger handeln, um Emissionen zu begrenzen. Die Verantwortung liegt nun bei den Regierungen, ein bedeutsames, bindendes Abkommen in Paris zu beschließen, das klare Regeln beinhaltet, um unsere globalen Ambitionen zu realisieren.

Ich glaube, dass dies bevorsteht. Die Vertreter der G20-Staaten, die Anfang des Monats im türkischen Antalya zusammengekommen waren, haben gezeigt, dass sie die Verantwortung zum Handeln sehr ernst nehmen. Mehr als 120 Staats- und Regierungschefs werden nach Paris kommen, trotz der großen Sicherheitsbedenken nach den Terroranschlägen.

Geplante Selbstverpflichtungen der Staaten
Ich sehe vier wichtige Elemente, damit Paris erfolgreich sein kann: Dauerhaftigkeit, Flexibilität, Solidarität und Glaubwürdigkeit.

Erstens muss Paris eine dauerhafte Perspektive entwickeln, die sich mit dem Ziel von unter zwei Grad Celsius verbinden lässt. Es muss ein klares Signal an die Märkte gehen, dass die C02-arme Transformation der Weltwirtschaft unabänderlich und nützlich ist und bereits begonnen hat.

Zweitens muss das Abkommen flexibel sein, damit nicht ständig nachverhandelt werden muss. Veränderungen der Weltwirtschaft müssen berücksichtigt werden können. Es muss ein Ausgleich möglich sein zwischen der Führungsrolle der Industriestaaten und der wachsenden Verantwortung der Entwicklungsländer.

Klimapläne regelmäßig überprüfen

Drittens muss das Abkommen zu Solidarität führen, auch durch Finanzierung und Technologietransfer für Entwicklungsländer. Industriestaaten müssen ihr Versprechen einhalten, bis 2020 pro Jahr 100 Milliarden US-Dollar zu investieren, damit sich betroffene Länder besser an den Klimawandel anpassen oder die Folgen abgeschwächt werden können.

Viertens muss das Abkommen glaubwürdig sein und aufzeigen, wie auf die steigenden klimatischen Folgen reagiert werden kann. Es muss regelmäßige, fünfjährige Zyklen beinhalten, durch die Regierungen ihre nationalen Klimapläne überprüfen und stärken können - so wie es die Wissenschaft fordert. Paris muss auch transparente und starke Mechanismen hervorbringen, wie wir Fortschritt messen und überprüfen können.

Die Uno steht bereit, um Länder bei einem solchen Abkommen zu unterstützen.

Ein bedeutsames Klimaabkommen in Paris wird eine bessere Gegenwart und Zukunft schaffen. Wir können dadurch die Armut ausrotten, und es können grüne Innovationen entstehen. So können wir die neuen Nachhaltigkeitsziele schneller umsetzen. Deshalb liegt mir der Kampf gegen den Klimawandel so am Herzen.

Meine Botschaft an die Politiker ist klar: Der Erfolg in Paris hängt von ihnen ab. Jetzt ist die Zeit für gesunden Menschenverstand, Kompromiss und Konsens. Es ist Zeit, über nationale Horizonte zu blicken und gemeinsame Interessen voranzustellen. Die Menschen weltweit - und die folgenden Generationen - zählen darauf, dass die Politiker den Weitblick und den Mut besitzen, diesen historischen Moment zu nutzen.

Der Autor Ban Ki Moon ist Generalsekretär der Vereinten Nationen.

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Wer will was beim Klimagipfel?
China
Der weltweit größte CO2-Emittent hat seinen Kurs geändert. Auf dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen galt China noch als großer Verweigerer. Nun erwarten Beobachter, dass sich das Land für einen erfolgreichen Klimagipfel einsetzen wird. Staatspräsident Xi Jinping und Frankreichs Präsident François Hollande haben Anfang November zugesagt, sich für regelmäßige Kontrollen der in Paris vereinbarten Ziele starkzumachen. Alle fünf Jahre soll eine komplette Überprüfung der erreichten Fortschritte stattfinden. Peking hatte im Juni angekündigt, seine bisherigen Klimaziele für den Gipfel zu erhöhen. Der Ausstoß von Kohlendioxid soll demnach möglichst vor 2030 den Höhepunkt im Land erreichen. 20 Prozent des Energiebedarfs sollen bis dahin aus nicht fossilen Quellen gedeckt werden. Zudem sollen die Emissionen gemessen an der Wirtschaftsleistung bis 2030 um 60 bis 65 Prozent gegenüber 2005 reduziert werden. Durch drastisches Einsparen von Kohle hofft China, auch die Smogprobleme in den Großstädten zu lösen. Das Problem: China stößt in der Realität laut neuen Auswertungen offenbar ein Sechstel mehr Treibhausgase aus als bisher bekannt.
USA
US-Präsident Barack Obama hat sich früh zum Klimagipfel in Paris bekannt und zeigt sich zuversichtlich. Die größte Volkswirtschaft der Welt hat angekündigt, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 17 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Bis 2025 sollen sie um 26 bis 28 Prozent sinken und bis 2050 um 80 Prozent. Gegen teils erbitterten Widerstand der konservativen Republikaner hat Obama zuletzt Zeichen gesetzt. So verbot er den Weiterbau der umstrittenen Keystone-Pipeline, die Ölsand-Abbaugebiete in Kanada mit dem Golf von Mexiko verbinden sollte. Allerdings hatte Außenminister John Kerry in Europa Verärgerung ausgelöst, als er erklärte, eine Vereinbarung auf dem Klimagipfel werde definitiv nicht den Status eines Vertrages haben. Dies wird in den USA als innenpolitische Taktik gewertet - einen rechtlich verbindlichen Vertrag müsste Obama durch den von den Republikanern dominierten Senat boxen.
Europäische Union
Die EU hat sich im internationalen Vergleich vergleichsweise ehrgeizige Ziele gesetzt. So soll sich etwa der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 vermindern. Zudem macht sich der Staatenverbund dafür stark, dass der CO2-Ausstoß bis zum Ende des Jahrhunderts auf null sinkt. In Paris, so die Forderung, muss ein verbindliches Klimaschutzabkommen vereinbart werden. Zudem soll ein Mechanismus vereinbart werden, bei dem die weltweiten Anstrengungen alle fünf Jahre geprüft und falls nötig nachjustiert werden.
Entwicklungsländer (G77)
Diese heterogene Gruppe reicht von Bangladesch und anderen stark durch den Klimawandel gefährdeten Staaten bis Saudi Arabien. Viele der Länder haben zwar auch nationale Klimaschutzpläne vorgelegt, die Erfüllung der Ziele jedoch oftmals von finanzieller oder technischer Unterstützung durch die Industrienationen abhängig gemacht. Diese hatten unter bestimmten Bedingungen Klimahilfen zugesagt, die bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar erreichen sollen. Nun pochen die Entwicklungsländer auf konkrete Vereinbarungen dazu.
Indien
Das aufstrebende Schwellenland will bis 2030 etwa ein Drittel weniger Treibhausgase im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt ausstoßen als 2005. Das soll vor allem durch den massiven Ausbau der Solarenergie sowie weniger Subventionen für fossile Brennstoffe und eine Kohlesteuer gelingen. Indiens Formel lautet: 175 Gigawatt aus erneuerbaren Energien schon bis 2022, das ist viermal so viel wie heute. Doch Neu Delhi macht auch klar: Dafür braucht es richtig viel Geld und Technologietransfer. Weil die Industrieländer historisch gesehen den Klimawandel fast allein verantworten, sollten sie nun auch zahlen.


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